Predigt zum Sonntag Exaudi 24.05.2020 von Diakon i. R. Martin Allmendinger

Liebe Gemeinde, „Siehe, es kommt die Zeit…“ so beginnt unser heutiger Predigttext. Sicherlich kennen Sie das, von Ihren Kindern oder Enkeln. Oder Sie haben selbst Erfahrungen gemacht in Erwartung bevorstehender Ereignisse. Dazu zwei kurze Beispiele. Mein Enkel Johannes erwartet sehnsüchtig seinen dritten Geburtstag. Lassen Sie uns gemeinsam dem Dialog zuhören den er mit seiner Mama führt. Johannes: Mama, wie lange dauert es noch bis zu meinem Geburtstag? Mama: Ha, schon noch ne Weile. Johannes: Aber nimmer so lang? Mama: Schon noch einige Male schlafen. Johannes: Aber nimmer so lang? Mama: Wer soll denn zu deinem Geburtstag kommen? Johannes: Alle Onkel und Tanten (Johannes sieben Onkel und Tanten, die er dann alle aufzählt), Omas und Opas, Freunde aus dem Spielkreis… Mama: Was wünscht du dir denn, was sollen wir essen? Johannes: Spaghettis, Pommes, Gurken…und dann ess mr Eis So malt sich Johannes seinen Geburtstag in leuchtenden Farben aus und freut sich schon jetzt riesig darauf und die Zeit bis Mitte Juli ist nicht mehr so lange. Eine zweite schöne Geschichte ist mir am Freitagmorgen begegnet. Gleich habe ich sie auf meiner facebook Seite geteilt. Wenn Sie mögen können Sie die ganze Geschichte dort nachhören (facebook Martin Allmendinger, Geschichte die Theo Eißler erzählt, bzw. ins Netz gestellt hat). Theo Eißler erzählt: Da ist Walter Baltes, 95 Jahre alt, verwitwet, einsam. Er, der Erfinder aus Witten in Westfalen hat viel erlebt in seinem Leben. Seit dem Tod seiner Frau ist er recht einsam geworden. Da entschließt er sich nicht in der Einsamkeit zu versauern, geht in eine Anzeigenagentur und gibt eine Anzeige auf: Suche Sonntagsbraten – Biete Geschichten. Nach den ersten Rückmeldungen hat sich die Nervosität wohl etwas gelegt. Aber die erste Begegnung war schon spannend, mit wildfremden Menschen zusammenkommen, ihnen Geschichten aus meinem Leben zu erzählen, wie wird das wohl gehen, mag er sich gefragt haben. Auch in diesen Zeiten ist das heute möglich, auf Abstand und mit Mund – und Naseschutz, ohne Handschlag und Umarmung. Mein Angebot, und das habe ich von Walter Baltes gelernt. Er der vom Leben geprägte Mensch weiß, dass es nicht nur darum geht etwas zu bekommen oder zu nehmen, sondern ganz wesentlich darauf ankommt etwas zu geben. Deshalb steht in seiner Anzeige sinngemäß, ich bezahle die Lebensmittel die wir gemeinsam genießen und sie bekommen von mir Lebensgeschichte frei Haus geliefert. Eine sehr interessante Lebenshaltung, weit entfernt vom „ich bin so einsam und niemand kümmert sich um mich“, Trauergesang. Siehe, es kommt die Zeit… Liebe Gemeinde, ob ich meinen Enkel Johannes oder die Lebensbeispiele meiner andern Enkel nehme, die mein Leben bereichern. Ein unglaublicher Reichtum, wie Sie wissen sind es außer Johannes, zwischenzeitlich 10 weitere wunderbare Persönlichkeiten, die da aufwachsen und uns begegnen, wenn auch zur Zeit leider nur über Telefon, WhatsApp Nachrichten oder Terrassenbegegnungen auf Abstand, an ihrem Leben teilhaben lassen. Oder ob ich das Leben von Walter Baltes zum Vorbild nehme, immer lerne ich daraus für mich, ermutiget und froh in meinen Tag zu gehen. Wir kommen von Himmelfahrt her und gehen auf Pfingsten zu. So sehe ich förmlich vor mir, die Jünger am Ölberg stehen und dem nachsehen in dessen Wanderbibelschule sie gemeinsam unterwegs waren. Sie hatten viel von IHM gelernt und eine ganze Menge mit IHM erlebt. Höhen und Tiefen mit IHM durchwandert, Hindernisse überwunden, bis zuletzt wahrgenommen, dass ER dem Leiden und selbst dem Tod nicht ausgewichen ist. So standen sie unter seinem Kreuz, völlig verunsichert und voller Angst was denn nun werden sollte. Zum Davonlaufen war das. Und etliche sind zunächst auch weggegangen, haben sich eingeschlossen und konnten nichts weiter als beten. Da kommt ER durch die verschlossenen Türen, tritt mitten unter sie und sagt: „Friede sei mit euch, habt keine Angst und ihr werdet meine Zeugen sein.“ Noch konnten sie es nicht fassen. Aber als ER sie jetzt zum Ölberg gebeten hatte fingen sie an zu begreifen, spürten wie sie von SEINER Kraft erfüllt wurden. „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein.“ Da stehen sie nun und sehen IHM nach…daran haben wir uns am vergangenen Donnerstag, Christi Himmelfahrt erinnert. Wir haben Vatertag gefeiert. Diese Feier wird erst zu einem richtigen Fest, wenn wir unserem Vater im Himmel die Ehre geben. Dort ist ER, Jesus Christus, hingegangen und von dort wird er kommen und uns alle zu sich nehmen, wie wir das in unserem Wochenspruch aus dem Johannesevangelium (Joh. 12, 32) gehört haben. Das können Sie gerne alles nachlesen in Matthäus 28, 16 – 20; Markus 16, 14 – 20; Lukas 24, 50 – 53 und Apostelgeschichte 1, (1)8 – 14. Wir leben in der Zeit des wartens, zwischen Ostern und Pfingsten, zwischen dem alten und dem neuen Bund, zwischen dem in den Himmel aufgefahrenen und dem wiederkommenden Herrn. Siehe, es kommt die Zeit… So war es damals auch zur Zeit des Propheten Jeremia: „Der neue Bund 31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Das ist der neue Bund den Jesus mit seinem Leben und seinem Blut besiegelt hat. Dieser neue Bund hat längst begonnen. Damals von Jeremia angekündigt und durch das Gotteswort bestätigt. Diesen neuen Bund feiern wir, bei jedem Gottesdienst, mit jeder Abendmahlsfeier, bei jedem Vaterunser, bei jedem Erinnern und Nachdenken über IHN und mit jedem Gebet erfreuen wir uns dieses neuen Bundes. Schon damals, so übermittelt uns dies Jeremia, war dies der Inhalt des Gottesbundes: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ In uns soll der neue Bund leben und nach außen soll dies sichtbar werden. Das ist der Auftrag den Jesus seinen Jüngern damals auf dem Ölberg gegeben hat. Diesen Auftrag hatte Gott schon lange vor dem in die Herzen der Menschen in Israel und Juda gelegt. Dieser Auftrag gilt also auch Ihnen und mir, liebe Gemeinde, am heutigen Sonntag EXAUDI. „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“ Was kann uns denn Besseres passieren? Lassen wir das doch einfach zu und laden Gott in unser Leben in unser Herz ein: „Herr, komm in mir wohnen, lass mein’ Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden; komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre, dass ich dich stets lieb und ehre. Wo ich geh, sitz und steh, lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken.“ EG 165, 8 aus Gott ist gegenwärtig… Amen

Wenn Worte fehlen- Predigt zum Sonntag Rogate von Pfarrerin Jasmin Salzger 17.Mai 2020 mit musikalischem Vor-und Nachspiel von Christoph Salzger

Liebe Gemeinde,

„Da fehlen mir die Worte.“ Ich bin mir sicher, dass jede und jeder von uns diesen Satz schon einmal gedacht und gesagt hat. Oft ist es bloß eine Floskel – und es geht dann mit dem Worten munter weiter. Aber manchmal, da ist es wirklich so. Da fehlen einem die richtigen Worte. Und das passiert besonders bei wirklich wichtigen Gesprächen. Da will man einem anderen seine große Dankbarkeit ausdrücken – und es fehlen die Worte. Da will man sich entschuldigen für etwas, was man getan hat – und es fehlen die Worte. Da will man dem anderen sagen, was einen stört und belastet – und es fehlen die Worte. Da will man einem anderen Menschen seine Liebe gestehen – und es fehlen die Worte. Und wenn einem die Worte fehlen, dann bleibt man stumm und lässt die Gelegenheit für ein Gespräch vorübergehen.

„Rogate!“ „Betet!“ – so lautet der Name dieses Sonntags – und er ruft uns Menschen dazu auf, mit Gott in Beziehung zu treten. Er lädt ein zum Gebet. Es ist der wohlgemeinte Ratschlag, das Gespräch mit unserem Gott zu suchen. Doch einen Ratschlag befolgt man in der Regel nur dann, wenn es einem auch einsichtig ist, warum man dieses oder jenes tun soll. Von daher stellt sich die Frage:

Warum soll ich überhaupt beten?

Vielen Menschen heute erscheint das Gebet als eine höchst überflüssige Angelegenheit, für manche sogar regelrecht als etwas Dummes. Warum sollte man ein Gespräch mit jemandem führen, der sowieso nicht antwortet?Wäre das Gebet tatsächlich nur ein Gespräch wie jedes andere auch, dann müsste man dieser Einschätzung sicher recht geben – und es sein lassen! Doch es ist so viel mehr. Wie gut tut es, im Gebet vor Gott zur Ruhe zu kommen und die Alltagssorgen hinter sich zu lassen! Das erfahren immer wieder Menschen, wenn sie sich die Zeit dazu nehmen. Welch eine Erleichterung ist es, wenn man sich seine ganzen Sorgen und Ängste, alles, was das Leben schwer macht, einfach so von der Seele reden kann und dabei weiß, dass all das bei Gott gut aufgehoben ist und dass er mir meine Last von den Schultern nehmen und sie selbst tragen möchte. Vielleicht haben Sie das ja auch schon in Ihrem Leben erfahren können. Und dann ist da auch noch die Erfahrung, dass das Gebet tatsächlich eine Auswirkung auf das Leben hat und dass Gott wirklich auf Bitten reagiert. Nicht immer läuft das genauso, wie man sich das vorgestellt hat, und für andere könnte es auch Zufall sein, aber als glaubender Mensch ist man gewiss, dass es letztendlich Gottes Antwort auf das Gebet ist.

„Rogate!“ „Betet!“ – das also ist ein guter Rat – und zugleich eine große Herausforderung. Denn viele Menschen heute haben den Gesprächsfaden zu Gott längst abreißen lassen. Oder sie haben ihn noch niemals aufgenommen. Und für manche von ihnen gilt auch hierbei der Satz „Da fehlen mir die Worte!“ Und wer nicht weiß, was er sagen soll, der schweigt lieber. Aber auch diejenigen, denen das Gebet in ihrem Leben immer wichtig war, kommen manchmal an einen Punkt, an dem die eigenen Worte versagen. Ich will beten, aber ich kann es nicht. Und der Rest ist Schweigen!

Wie kann ich beten?


So lautet darum die wichtige Frage, gerade heute am Sonntag des Gebets. Die Antwort darauf gibt Jesus seinen Jüngern und damit auch uns in der Bergpredigt. So heißt es im Matthäusevangelium im 6. Kapitel: Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. (Matthäus 6, 9-13)


Eine regelrechte Gebrauchsanweisung haben wir hier für das Gespräch mit Gott. Jesus zeigt uns, was wir beten können, wenn unsere eigenen Worte verstummt sind.

„Unser Vater im Himmel!“

Schon in dieser kurzen Anrede Gottes steckt so viel. Wir Menschen können zu ihm kommen als seine Kinder. Er liebt uns wie ein guter Vater seine Kinder – vorbehaltlos, uneingeschränkt und mit der ganzen Kraft seines Herzens. Mit allem dürfen wir zu ihm kommen. Alles können wir ihm sagen. Es gibt keine Einschränkungen. Und er, unser Vater, hört uns zu und nimmt uns mit all unseren Anliegen ernst. Am Anfang des Gebets und damit über allem, was dann folgen wird, steht, sozusagen als ein uneingeschränkt positives Vorzeichen, diese Anrede. Im Gebet kommen wir zu Gott, dem uns über alle Maßen liebenden Vater. Alles dürfen wir ihm anvertrauen. Und was das im Einzelnen ist, bringt Jesus dann in insgesamt 7 Bitten auf den Punkt. Es sind die elementarsten und tiefsten Bedürfnisse und Wünsche, die wir Menschen nur überhaupt haben.

„Geheiligt werde dein Name!“

Um nichts weniger als um die Haltung der Menschen gegenüber Gott geht es hier. Es ist der Wunsch, dass wir Menschen in unserem Reden und Handeln Gott die Ehre zuteilwerden lassen, die ihm gebührt. Wie sehr hat es uns als Kinder geärgert, wenn andere mit unserem Namen ihre Späße gemacht haben. Als ganz persönliche Beleidigung haben wir es empfunden. Und es kommt nicht von ungefähr, dass immer wieder Menschen ihren Namen ändern, weil sie damit nicht umgehen können und wollen. Doch wie oft kommt es vor, dass uns und anderen ganz leichtfertig und, ohne nachzudenken, „Gott“ über die Lippen kommt – und das immer wieder auch in Zusammenhängen, in denen dies vollkommen fehl am Platz ist. Gebt Gott die Ehre und zeigt dies nach außen, indem ihr seinen Namen achtet und ehrt. So lautet diese erste Bitte, dieser erste innige Wunsch.

„Dein Reich komme!“

In einer Welt, die vielerorts geprägt ist von Ungerechtigkeit und hemmungsloser Gier nach Macht und Geld, von Unfrieden und Streit zwischen Völkern und einzelnen Menschen, ist diese Bitte Ausdruck einer tiefen Sehnsucht der Menschen. Es ist die Sehnsucht nach der Königsherrschaft Gottes über die ganze Welt – eine Herrschaft, die geprägt ist von Gerechtigkeit, Frieden und der Bewahrung der Schöpfung. Und auch, wenn sie nicht von heute auf morgen Wirklichkeit werden kann, so ist diese Bitte doch der Wunsch nach kleinen Schritten in Richtung auf Gottes Reich.

„Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden!“

Vieles, was auf der Welt geschieht, entspricht ganz und gar nicht dem Willen Gottes, ja es läuft ihm zutiefst zuwider. Jede und jeder, der oder die mit offenen Augen durch die Welt geht, kann dies immer wieder sehen. Dass Gottes Wille Wirklichkeit werden möge, schon jetzt und sofort und zumindest in kleinen Schritten in die richtige Richtung, auch dieser Wunsch kommt darum aus tiefstem Herzen.

„Unser tägliches Brot gib uns heute!“

Nahrung, Kleidung, Wohnung, Gemeinschaft – um nichts weniger als um alle grundlegenden, lebensnotwendigen Bedürfnisse geht es in dieser Bitte. Und auch, wenn Gott weiß, was wir alles brauchen, um leben zu können, können wir als das dennoch immer wieder im Gebet vor ihn bringen in der Gewissheit, der er für uns sorgen wird!

„Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“

Als Menschen werden wir immer wieder an anderen schuldig, ob wir es wollen oder nicht. Diese Erfahrung machen schon kleine Kinder und sie zieht sich wie ein roter Faden durch unser ganzes Leben. Umso mehr sind wir daher auf die Vergebung angewiesen, die Vergebung untereinander und die Vergebung durch Gott. Denn nur, wenn wir einander vergeben, ist immer wieder ein Neustart und ein gelingendes Miteinander möglich. Daher bitten wir hier um Vergebung durch Gott und um die Fähigkeit, einander zu vergeben.

„Und führe uns nicht in Versuchung, …“

Das Leben steckt voller Versuchungen, angefangen von Süßigkeiten bis hin zur Gelegenheit, mich auf Kosten anderer selbst zu bereichern oder in ein gutes Licht zu rücken. Darum gehört auch die Bitte, gar nicht erst in solche Situationen zu geraten, nachvollziehbarerweise zu den grundlegenden menschlichen Wünschen. Doch zugleich sind Versuchungen auch Bewährungsproben, an den wir wachsen und uns entwickeln können. Sie sind, so gesehen, tatsächlich Chancen, die Gott uns gibt. Und implizit schwingt daher in dieser Bitte auch der Wunsch mit, Gott möge uns die Standhaftigkeit geben, um diese Situation zu meistern.

„… sondern erlöse uns von dem Bösen!“

In einer Welt, die vom Bösen geprägt zu sein scheint, ob es nun Corona heißt, sich als Naturkatastrophe zeigt oder im Handeln einzelner Staaten und Gruppen gesehen wird, ist der verzweifelte Schrei nach Erlösung nur allzu verständlich. In ihm zeigt sich die Hoffnung, dass das Böse in all seinen Formen letztendlich nicht das letzte Wort behalten wird, sondern Gott. Auf die 7 Bitten folgt als ein Letztes dann, in Form des Lobpreises, die Begründung, warum wir mit all unseren Anliegen überhaupt zu Gott kommen können:

„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“

Das Wissen um Gottes Herrschaft und Macht gibt uns die Hoffnung darauf, dass unser Bitten nicht vergebens ist. Worum wir ihn bitten, er hat alle Kraft und den Willen, um das zu tun, was für uns letztendlich das Beste ist.

„Rogate!“ „Betet!“ – dazu lädt uns dieser Sonntag in besonderer Weise ein. Sucht das Gespräch mit Gott! Nehmt den Gesprächsfaden wieder auf und lasst ihn nicht abreißen! Kommt zu ihm mit allem, was euch belastet! Als Richtschnur und Leitfaden kann euch dabei das Gebet dienen, das Jesus seinen Jüngern und auch uns gegeben hat, das Vaterunser. Die Worte fehlen uns nicht, denn er hat sie uns geschenkt! „Amen.“

Endlich zu Hause- Predigt zum Sonntag Kantate von Pfarrerin Jasmin Salzger 10.Mai 2020 mit musikalischem Vor-und Nachspiel von Christoph Salzger

Liebe Gemeinde,

endlich zu Hause! Haben Sie diesen Satz auch schon einmal gedacht oder gesagt? Vielleicht am Ende einer Urlaubsreise? Der Urlaub an einem weit entfernten Ort ist wirklich schön gewesen. Sie haben sich entspannt und erholt. Sie haben neue Eindrücke gesammelt, neue Freunde gefunden. Doch irgendwann kommt dann der Punkt, an dem es Zeit wird, wieder nach Hause zurück zu kehren. Wenn da nur nicht die lange Rückfahrt wäre! Und wenn es dann geschafft ist, wenn man dann die Tür zur Wohnung aufschließt und die eigenen vier Wände betritt, dann kommt dieser Satz aus tiefstem Herzen: Endlich zu Hause!

Mir selbst geht es in der aktuellen Situation jedes Mal so, wenn ich den Berg hier nach Lichtenwald wieder hinauffahre. Die Geschäftigkeit, die Hektik und auch das im Moment allgegenwärtige Unbehagen lasse ich im Tal zurück. Hier oben ist es ruhiger, beschaulicher und irgendwie wirkt es auch sicherer. Endlich zu Hause!

Endlich wieder zu Hause!Vielleicht haben diejenigen von Ihnen, die sich heute Morgen in den Gottesdienst aufgemacht haben, das ja auch gedacht, als sie zum ersten Mal nach acht Wochen wieder die Tür zu unserer Auferstehungskirche durchschritten haben. Auch wenn vieles heute anders ist als sonst – die einzeln stehenden Stühle in der Kirche, die genaue Festlegung, auf welchen Wegen die Kirche zu betreten und zu verlassen ist, und die Schutzmasken vor den Gesichtern sind ein deutliches Zeichen dafür –, so ist diese Kirche dennoch ein Stück Zuhause. Und man freut sich, endlich wieder nach Hause zurückkommen zu dürfen.

Und dieses Zuhause, es ist ein ganz besonderes. Denn wir wohnen nicht hier. Niemand wohnt hier, und doch sind viele hier zu Hause, sind wir hier zu Hause. Doch warum ist das so? Warum ist eine Kirche für viele Menschen eine Heimat und doch zugleich auch ein besonderer, bisweilen auch fremder Ort – ein Ort, an dem man sich anders verhält als anderswo?

Vielleicht kann uns eine Geschichte aus längst vergangener Zeit einen Hinweis geben. Weit zurück in der Zeit müssen wir dazu gehen, zurück bis in die Stadt Jerusalem zur Zeit des Königs Salomo. Es war eine Zeit des Aufbruchs in Israel. Dies konnte man überall in der Stadt erkennen. Gebäude, eines prächtiger als das andere, wuchsen in die Höhe – Zeichen des Wohlstands und der Macht Israels und seines Königs. Und der Höhepunkt aller Bautätigkeit, das neue Zentrum der Stadt und des Landes sollte der Tempel werden, den Salomo hatte bauen lassen. Und nun stand er in seiner Pracht und Erhabenheit fertig da.

Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. […] So brachten die Priester die Lade des Bundes des Herrn an ihre Stätte, in den innersten Raum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim, […] und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes. (2. Chronik 5, 2-5.7.12-14)

Von einem großen Fest ist hier die Rede, von Feierlichkeiten, die ihresgleichen suchten. Und gefeiert wurde eine Heimkehr nach langer Reise – eine Reise, die viele Jahre gedauert hatte. Es war die Heimkehr eines ganzen Volkes. Nun endlich hatte Israel wirklich seine Heimat gefunden. Denn der Tempel, er war von nun an nichts weniger als das Zentrum, der Mittelpunkt, die Herzkammer des ganzen Lebens und Glaubens des Volkes. Hier würden von nun an die Menschen zusammenkommen, um gemeinsam zu loben, zu danken und auch um zu klagen. Denn hier war ab jetzt der Ort, an dem sie IHM besonders nahekommen konnten, an dem sie SEINE Gegenwart spüren konnten. Denn hier war von nun an SEIN Haus, das Haus Gottes. Und mit dem heutigen Tag nahm er sein Haus in Besitz. Die Wolke als Zeichen seiner Herrlichkeit machte es für alle deutlich: „Unser Gott thront in Jerusalem, im Tempel. Und hier können wir ihm in ganz besonderer Weise begegnen.“ Und deshalb wurde diese Heimkehr damals auch gefeiert wie kein anderes Fest vorher. Alle Welt sollte es sehen, alle Lande sollten es hören: „Gott ist hier, mitten unter uns, in seinem Haus, dem Tempel.“ Der Jubel darüber, er kannte keine Grenzen. Und er brach sich seine Bahn im Klang der Trompeten, Trommeln und Harfen. Er kam zum Ausdruck im Gesang der Priester, Leviten und des ganzen Volkes: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währet ewig.“

Der Tempel als der Ort, an dem Gott den Menschen in besonderer Weise nahe ist – ein wenig ist von dieser Vorstellung heute noch spürbar. Eine Kirche ist auch für die meisten Menschen heute immer noch ein besonderer Ort. Dies merkt man bereits, wenn man eine Kirche betritt. Kirchen haben zumeist eine ganz besondere Atmosphäre. Menschen, auch diejenigen, die mit Glauben und Kirche eigentlich nichts mehr zu tun haben, verhalten sich in diesem Gebäude anders als sonst, vielleicht weil sie spüren, dass etwas anders ist. Oft kann man dieses Gefühl gar nicht in Worte fassen, doch es ist da. Gerade bei alten Kirchen spürt man, dass hier der Ort ist, an dem seit vielen Jahrhunderten Menschen zusammengekommen sind mit all ihren Fragen, ihrer Freude, ihren Ängsten, ihren Sorgen, ihren Klagen, ihrem Jubel. Und vielleicht fühlt man sich Gott hier, sozusagen in seinem Haus, besonders nahe. Natürlich bedeutet das nicht, dass wir außerhalb der Kirchenmauern von Gott weiter entfernt sind. Das Gespräch mit Gott im Gebet ist überall möglich. Gottes Nähe können wir überall erfahren, in der Kirche ebenso wie im eigenen Zuhause, in der Gesellschaft anderer ebenso wie in der Natur. Und doch, in der Kirche ist es anders, nicht fassbar, nicht beschreibbar, aber eben doch anders.

Deshalb ist auch heute vielen Menschen gerade ihre Kirche vor Ort wichtig. Sie ist ein Stück Heimat, in das sie gerne immer mal wieder zurückkehren, die einen öfter, die anderen nur selten. Dies ist vielen Menschen gerade in der letzten Zeit schmerzlich wieder deutlich geworden. Gottesdienste mussten ausfallen, Kirchen blieben geschlossen. Der Zugang zu einem Stück Heimat blieb den Menschen verschlossen. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Menschen vorher das Angebot genutzt haben, in dieses Zuhause immer mal wieder zurückzukehren, oder nicht.

Und so ist es auch mehr als verständlich, dass viele Menschen die Rückkehr in diese Heimat Kirche herbeigesehnt haben und dass für sie der heutige Sonntag Kantate ein Tag der Freude ist, ein Tag, den sie gerne mit Musik und Gesang gebührend feiern würden. Endlich wieder zu Hause, zu Hause in der Kirche, zu Hause bei Gott! Es ist eine Heimkehr der besonderen Art, eine Heimkehr auf Abstand und ohne Gesang. Und viele, die heute gerne auch dabei wären, können jetzt noch nicht zurückkehren, weil sie aus Sorge um ihre Gesundheit noch darauf verzichten müssen. Wenn wir heute Gottesdienst feiern, dann denken wir besonders auch an sie. Sie fehlen und die Gemeinschaft der Menschen, die sich sonst in der Kirche versammelt, sie ist nicht komplett. Deshalb ist diese Heimkehr in die Heimat Kirche jetzt auch nur eine vorläufige. Denn die endgültige Rückkehr aller, sie steht noch aus. Und der Jubel über diese Heimkehr ist darum auch nur ein sehr verhaltener. Und daher passt es auch, dass wir jetzt noch auf den Gesang, den Ausdruck unserer Freude über die Rückkehr, verzichten müssen. Umso schöner und freudiger wird er dann erklingen, wenn wir wirklich wieder alle zu Hause sind, zu Hause in der Kirche, zu Hause bei Gott.

Aber bis dahin braucht es noch viel Geduld. Der Tag heute, er bedeutet nur eine kleine Öffnung, eine kleine Lockerung. Es liegt noch ein langer Weg nach Hause, ein weiter Heimweg vor uns. Doch in all dem dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns nahekommen möchte, wo wir sind und leben. Und das muss nicht immer ein Ort mit Turm, Glocken, Orgel und Altar sein. Das war auch schon den Menschen vor 3000 Jahren klar. Es ist die Herrlichkeit Gottes, die im Tempel einzieht. Es ist nicht Gott selbst, der in dieser großartigen Zeremonie Wohnung nimmt im Tempel. Gott lädt uns zu sich ein, zu sich nach Hause. Und sein Zuhause ist überall da, wo Menschen leben. Und in dieser Gewissheit konnten wir es in den letzten Wochen aushalten, dass die Türen der Kirchen zum Gottesdienst verschlossen waren. Und wir können auch noch länger damit leben, dass Gottesdienste nicht so sind, wie wir sie kennen, und dass wir selbst vielleicht noch gar nicht in die Kirche kommen dürfen. Der Ruf „endlich zu Hause“, er gilt auch und gerade jetzt. Wir sind zu Hause bei Gott und dabei ist es egal, ob wir in sein Haus, die Kirche, kommen dürfen, oder in unserem eigenen Zuhause das Gespräch mit ihm suchen! Wir sind zu Hause! Endlich! Amen.

Von Wurzeln und Früchten – Predigt zum Sonntag Jubilate von Pfarrerin Jasmin Salzger 3.Mai 2020 mit musikalischem Vor-und Nachspiel von Christoph Salzger

Liebe Gemeinde,

wer einen Garten hat, der kennt vielleicht dieses Problem. Da hat man vor Jahren einen Baum gepflanzt und er ist auch gut angegangen. Damals, als man ihn eingesetzt hat, da war er genau an der richtigen Stelle im Garten. Da stand er genau da, wo er hingehörte. Und man war der festen Überzeugung, dass es auch immer der richtige Ort bleiben würde. Doch dann, nach einiger Zeit will man den Garten neugestalten. Und nun steht der Baum einfach nur noch im Weg und er gehört eigentlich fünf Meter weiter nach rechts. Ein ärgerliches Problem und nicht einmal selten. Denn wer kann schon in die Zukunft sehen und wissen, wie der Garten in fünf oder mehr Jahren aussehen soll? Was tun? Ein Umsetzen birgt ja immer ein gewisses Risiko. Wer weiß, ob der Baum am neuen Ort überhaupt wieder angeht? Darum gilt: Wenn ich den Strauch ausbuddele, dann muss ich aufpassen. Insbesondere darf ich die Wurzeln nicht beschädigen. Denn sonst ist alles umsonst. Auf die Wurzeln kommt es an. Nur wenn die Wurzeln intakt sind, kann der Baum die Nährstoffe und das Wasser aufnehmen, das er zum Leben braucht. Sind die Wurzeln beschädigt, dann wird der Baum keine Früchte bringen und wahrscheinlich nicht einmal überleben. Ein guter Baum, der gute Früchte bringt, braucht gute Wurzeln.

Was sind Ihre Wurzeln, liebe Gemeinde? Worauf gründet Ihr Leben? Was gibt Ihnen Kraft und Stärke? Die Antworten auf diese Fragen sind sicherlich bei jeder und jedem von Ihnen ganz unterschiedlich – und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Meine Wurzeln sind meine Herkunft. Wo und wie ich aufgewachsen bin, das bestimmt mein Leben zu einem nicht geringen Teil. Elternhaus, Familie, Heimat, so nennen wir diese Wurzeln, die vielen Menschen ihr ganzes Leben lang Kraft, Stärke und Zuversicht geben. Für manche ist es vor allem der Beruf, aus dem sie das für sich und ihr Leben Notwendige herausziehen. Die regelmäßige Arbeit gibt ihnen Halt. Der berufliche Erfolg gibt ihnen Bestätigung, Sicherheit und Kraft für neue Aufgaben. Für vielen Menschen ist auch die Liebe eines anderen Menschen so eine starke Wurzel, eine Grundlage des Lebens und eine Kraftquelle. Diese Liebe gibt mir einen festen Halt. Und gerade Menschen, die um der Liebe willen ihre angestammte Heimat verlassen und ihre Wurzeln ein stückweit aufgeben, verwurzelt sie neu in der neuen Heimat.

Was auch immer die Wurzeln Ihres Lebens sein mögen, eines ist sicher: Wir brauchen diese Wurzeln, um leben zu können. Und genauso sicher ist, dass diese Wurzeln immer wieder auch bedroht und gefährdet sind. Manchmal reichen schon kleine Ereignisse aus, um uns der Wurzeln zu berauben und um uns zu entwurzeln. Viele Menschen, auch in unserem Land, haben es erlebt und erleben es noch, was es heißt, die Familie und die Heimat zurücklassen zu müssen. Und wenn heute Menschen sich in der aktuellen Situation nicht besuchen können und beieinander sind, dann ist auch das wie eine kleine Entwurzelung. Eine Kündigung oder auch der an sich wohlverdiente Ruhestand bedeuten oft auch, dass man seine oder ihre Wurzeln verliert. Wer in diesen Zeiten in Kurzarbeit oder sogar vom Verlust des Arbeitsplatzes bedroht ist, kann dies sicherlich gut nachvollziehen. Und ob die Liebe, die an sich vielleicht stärkste Wurzel, ewig hält, auch dafür gibt es keine Garantie. Die aktuelle Kontaktsperre stellt gerade in dieser Hinsicht viele Liebende vor eine große Herausforderung. Überwindet die Liebe die im Moment schier unüberbrückbar scheinende räumliche Distanz? Trägt sie auch in Zeiten, in denen man permanent auf engstem Raum zusammenlebt? Unsere Lebenswurzeln sind nicht unzerstörbar, sondern zerbrechlich. Das erfahren wir gerade auch jetzt.

Von einer Wurzel ganz anderer Art spricht Jesus im Johannesevangelium, wenn er sagt:

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. (Joh. 15, 1-8)

Die Wurzel, um die es hier geht, ist anders als die anderen. Diese Wurzel ist nicht wie all die anderen, den Widrigkeiten und Stürmen des Lebens ausgesetzt und dadurch gefährdet. Diese Wurzel, dieser Weinstock, der Jesus selbst ist, ist absolut fest und kann nicht beschädigt oder gar zerstört werden. Wer sich an diesen Halt hält, wer an Jesus festhält, für den wird diese Kraftquelle niemals versiegen. Gerade in Zeiten, in denen vieles von dem, was bisher sicher und unumstößlich zu sein schien, durch etwas nicht Sichtbares, nicht Greifbares in Frage gestellt, ja sogar zerstört wird, kann dies eine Gewissheit sein, die Mut und Kraft schenkt. Jesus war, ist und bleibt der Weinstock, der uns als Reben hält, der uns Kraft gibt und der alles, was wir zum Leben brauchen, für uns bereitstellt. Und alles, was wir dafür tun müssen, ist, darauf zu vertrauen und an ihn zu glauben. Diese Zusage Jesu macht Mut und schenkt Zuversicht. Und doch, da gibt es auch noch eine andere Seite in den Worten Jesu. Von den Reben, die vom Weinstock abgenommen und ins Feuer geworfen werden, ist da die Rede, von der Verpflichtung der Reben, viele Früchte zu bringen, um diesem Schicksal zu entgehen. Jesus, eine Wurzel mit Bedingungen?

Doch was auf den ersten Blick befremdlich, ja erschreckend erscheint, erweist sich beim zweiten Hinsehen als vollkommen normal. Die Rebe kann nicht darüber entscheiden, ob sie Früchte bringen will. Vielmehr müssen da viele verschiedene Faktoren zusammenkommen, damit es eine gute Weinlese geben kann. Es liegt auch nicht in der Hand der Rebe, ob sie weiter Teil des Weinstocks sein will. Die Entscheidung darüber treffen andere. Doch wir Menschen sind keine Weinreben. Zwar geht es uns manchmal tatsächlich genauso wie den Reben. Denn die anderen Wurzeln unseres Lebens sind immer wieder gefährdet und bedroht. Aber oft können wir auch selbst entscheiden, wie es mit unseren Lebenswurzeln weitergehen soll. Ich kann ganz bewusst meine Familie und meine Heimat hinter mir lassen. Ich kann die Arbeitsstelle, durch die ich bisher so fest verwurzelt war, verlassen. Und ich kann mich gegen die Liebe entscheiden. Und so anders die Wurzel Jesus im Vergleich zu unseren anderen Lebenswurzeln auch ist, in einem stimmt sie doch mit ihnen überein: Die Entscheidung liegt bei uns! Jesus will der Weinstock sein, an dem ich festen, unerschütterlichen Halt habe. Er will mich mit allem versorgen, was ich zum Leben brauche. Und ich kann dieses Geschenk dankbar annehmen – oder eben auch zurückweisen.

Dazu gehört vor allem eins. Ich muss es wollen; ich muss mich darauf einlassen. Gott hat uns den freien Willen geschenkt, Ja zu sagen oder Nein. Doch damit ist mehr gemeint als ein bloßes Lippenbekenntnis. Denn Rebe am Weinstock Jesu zu sein ist nicht nur ein Geschenk, sondern eben auch eine Verpflichtung. Die Rebe ist dazu da, dass sie Frucht bringt. Eine Rebe, die dies nicht tut, verfehlt ihre Bestimmung – und ist somit nutzlos, ja sogar schädlich für den Weinstock insgesamt. Und darum wird sie entfernt, zum Wohle des Weinstocks und der anderen Reben. Doch ein erfahrener und guter Weingärtner wird eine Rebe auch nicht vorschnell entfernen. Denn er weiß darum, dass es manchmal mit den Früchten auch länger dauert. Und darum gibt er der Rebe eine Chance zu zeigen, was in ihr steckt. Als Rebe am Weinstock Jesus sollen auch wir Frucht bringen. Der Weinstock stellt uns alles dafür zur Verfügung, was wir brauchen, damit wir reiche Frucht tragen können. Aber tun müssen wir es. Dabei können diese Früchte ganz unterschiedlich aussehen. Kein anderer Weinstock ist so bunt, so vielfältig und auch so überraschend wie der Weinstock Jesus. Die eine bringt Frucht, wenn sie ihren Teil dazu beiträgt, die frohe Botschaft von Jesus Christus weiter zu verbreiten. Die Frucht des anderen besteht in der Hilfe für Menschen, die bedürftig und auf Hilfe angewiesen sind. Und auch die Arbeit in politischen Gremien oder in Gewerkschaften, die dazu beiträgt, die Lebensbedingungen von Menschen zu verbessern, kann eine solche Frucht sein. Die Früchte sind vielfältig und jede und jeder ist gefordert, für sich ihre oder seine eigene Frucht zu finden, die sie oder er wachsen lassen will und kann. Einen Zeitdruck gibt es dabei nicht. Genauso, wie es auch beim Wein früh- und spätreifende Sorten gibt, so ist auch bei uns Menschen nicht festgelegt, wann unsere Früchte reifen müssen. Für die eine gehört es schon von Anfang an zu ihrem Leben dazu, sichtbare Früchte ihres Glaubens zu bringen. Der andere gelangt erst im Laufe seines Lebens an diesen Punkt. So unterschiedlich unsere Lebenswege sind, so verschieden sind unsere Glaubensfrüchte und so weit liegen die Zeitpunkte auseinander, an denen sie sichtbar und wirksam werden.

Ich wünsche uns allen, dass wir, gerade in dieser Zeit, immer wieder den Halt und die Kraft spüren können, die uns unser Weinstock Jesus Christus schenken will, und dass wir die Gelegenheiten erkennen und nicht verstreichen lassen, an denen wir mit unseren Möglichkeiten unsere ganz eigene Frucht bringen können. Lasst uns gute Reben am Weinstock Jesus Christus sein, die gute Früchte bringen! Und lasst uns Gott im Gebet darum bitten, dass dies gelingen möge! Amen.

Behütet- Predigt zum Sonntag Misericordias Domini von Pfarrerin Jasmin Salzger 26.04.2020 mit musikalischem Vor- und Nachspiel von Christoph Salzger

Liebe Gemeinde,

„Wenn ich noch einmal auf die Welt kommen sollte, dann nur als Hund.“ Diesen Satz habe ich tatsächlich schon einmal von einer Hundebesitzerin gehört. Auf meine überraschte Frage, warum sie denn ausgerechnet als ein Hund wieder auf die Welt kommen wolle, gab sie mir die folgende Antwort. „Sehen Sie, ein Hund hat es doch wirklich gut. Wenn ich da nur an meinen Hund denke! Er weiß genau, dass ich immer für sein Fressen sorge. Und auch seine Trinkschale ist immer voll. Da muss er sich um nichts Sorgen machen. Und wenn wir draußen unterwegs sind, dann weiß er genau, dass er sich auf mich immer verlassen kann. Wenn ihn ein anderer Hund angreift, dann gehe ich dazwischen und beschütze ihn. Der hat es wirklich gut, mein Hund!“ Irgendwie kann ich die Frau tatsächlich verstehen. So ein Hundeleben kann wirklich einfach sein. Ohne Sorgen um das Lebensnotwendige, ohne Angst vor Bedrohungen und Gefährdungen für meine Sicherheit und mein Leben und in der Gewissheit, dass da jemand ist, der immer für mich da ist und für alles sorgt, was ich zum Leben brauche – so ein Leben wünscht man sich doch, nicht nur als Haustier, sondern auch als Mensch.

Der Hund und sein Frauchen oder Herrchen – ein Symbol für bedingungslose Treue und Verantwortung. „Du bist ewig verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast.“ So hat es der kleine Prinz einmal gesagt. Als Hundehalterin und Hundehalter ist man verantwortlich für sein Haustier und für sein Wohlergehen in jeder Situation. Und diese Verantwortung geht über das bloße Befüllen von Futternapf und Trinkschale weiter hinaus. Wer ein Haustier sein Eigen nennt, muss auch für es einstehen. Für den Schaden, den es verursacht, muss man auch finanziell geradestehen. Und wenn es einmal in Gefahr ist, dann ist man mit der ganzen Person gefordert, auch wenn es vielleicht sogar bedeutet, sich selbst in Gefahr zu bringen, etwa wenn ein anderer Hund angreift. Wer sich ein Haustier anschafft, sollte das wissen und bereit sein, diese Verpflichtung zu übernehmen.

Dies galt in früheren Zeiten insbesondere auch für eine Berufsgruppe, für die Hirten. Sie waren verantwortlich für die Schafe. Und dabei war es gleichgültig, ob die Tiere ihnen selbst gehörten oder sie nur die Herde eines anderen hüteten. Von den Hirten wurde immer ganzer Einsatz für die ihnen anvertrauten Tiere erwartet. Die Suche nach saftigen Wiesen und sprudelnden Wasserquellen gehörte ebenso dazu wie der Kampf gegen wilde Tiere. Und nicht selten kam dabei auch der Hirte selbst zu Schaden. Denn der Angriff eines Wolfes oder sogar eines Löwen bedeutet ja nicht nur für die Tiere höchste Gefahr, sondern auch für das Leben des Hirten selbst. Doch ein guter Hirte nahm dies alles auf sich und war mit Leib und Seele für seine Schafe dar. Und so ist der gute Hirte sprichwörtlich geworden und zu einem Bild für jemanden, der sich mit all seiner Kraft für die ihm Anvertrauten einsetzt. Wie gut wäre es, wenn wir gerade in dieser schwierigen und bedrohlichen Situation der Corona-Pandemie einen solchen guten Hirten, eine so engagierte Hundebesitzerin an unserer Seite hätten! Jemanden also, der oder die unsere Bedürfnisse gerade jetzt genau kennt und dafür sorgt, dass wir das Notwendige bekommen. Jemand, die oder der versucht, uns unsere Sorgen und Ängste zu nehmen. Jemand, der oder die uns vor den allgegenwärtigen Gefahren durch Corona zu schützen versucht. Und eben jemand, die oder der dabei nicht in erster Linie darauf bedacht ist, dass es ihm oder ihr selbst gut geht und sie oder er sicher durch diese Krise hindurchkommt.

Und tatsächlich erleben wir, gerade in diesen Tagen, genau dies. Menschen versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten gute Hirtinnen und Hirten ihrer Schafe zu sein. Da sind die Eltern, die für ihre Kinder alles tun, damit diese sicher leben können und trotz aller Einschränkungen in ihren besonderen Bedürfnissen nicht zu kurz kommen. Da ist die Familie, die für ihre gefährdeten Mitglieder da ist, sei es beim Einkaufen, sei es am Telefon zu Gesprächen und für die uns als Menschen so wichtigen sozialen Kontakte. Da sind die Nachbarn, die auf die Menschen in der Nachbarschaft achten und ihnen dabei helfen, den Alltag irgendwie zu bewältigen. Und das, auch wenn sie selbst oft zur sogenannten Risikogruppe dazugehören. Da sind die Menschen, die in den unterschiedlichsten Berufen für andere und auch für uns da sind, damit es uns an nichts fehlt. Da sind die Politikerinnen und Politiker, die versuchen, das große Ganze im Blick zu behalten und das Bestmögliche für alle Beteiligten zu erreichen. Hirtinnen und Hirten in der Krise, so möchte man sie alle fast bildlich betiteln.

Doch sie alle stoßen immer wieder auch an ihre Grenzen. Erschöpfung, Mutlosigkeit, Resignation, Verzweiflung – all das sind Empfindungen, die ihnen nicht unbekannt sind und die, je länger die Krise andauert, mehr und mehr Raum einnehmen. Wie soll man da noch eine gute Hirtin oder ein guter Hirte bleiben, wenn man selbst an seine Grenzen kommt und oft schon weit darüber hinausgegangen ist? Wo ist der gute Hirte, der für die vielen guten Hirtinnen und Hirten unserer Zeit sorgt, der darauf achtet, dass auch sie beschützt und behütet sind, der mit Leib und Leben für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden einsteht und bei dem sie sich immer sicher und geborgen fühlen können? Wo ist dieser gute Hirte?

Da gibt es jemanden, der von sich selbst gesagt hat: „Ich bin der gute Hirte.“ Und was er damit gemeint hat, wie er seine Aufgabe, sein Amt verstanden hat, das hat er uns und aller Welt sehr deutlich gezeigt.

Im 1. Petrusbrief heißt es: Und eben dazu hat er euch berufen. Ihr wisst doch: Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Ihr wisst: »Er hat kein Unrecht getan; nie ist ein unwahres Wort aus seinem Mund gekommen. «Wenn er beleidigt wurde, gab er es nicht zurück. Wenn er leiden musste, drohte er nicht mit Vergeltung, sondern überließ es Gott, ihm zum Recht zu verhelfen. Unsere Sünden hat er ans Kreuz hinaufgetragen, mit seinem eigenen Leib. Damit sind wir für die Sünden tot und können nun für das Gute leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden! Ihr wart wie Schafe, die sich verlaufen haben; jetzt aber seid ihr auf den rechten Weg zurückgekehrt und folgt dem Hirten, der euch leitet und schützt. (1.Petr. 2, 21-25)

In dieser Zeit kommen wir von Karfreitag und von Ostern her. Kaum 14 Tage liegt das Osterfest zurück. Wir haben uns an diesen guten Hirten und an seinen Einsatz für uns, seine Schafe, erinnert. Bedingungslose Treue, Aufopferung ohne Rücksicht auf die eigene Person, ja Hingabe bis in den Tod – all das zeichnet diesen guten Hirten aus. Jeder hätte es wohl verstanden, wenn Jesus, als es buchstäblich um Leben und Tod ging, die letzte Gelegenheit genutzt hätte, um seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen. Hatte er bis dahin nicht schon genug getan? War er nicht auch jetzt schon ein guter Hirte gewesen für die, die ihm anvertraut waren? Hatte er ihnen nicht schon genug mit auf den Weg gegeben an Stärkung, an Mutmachung, an Sicherheit? Nein, er ist den Weg für seine Herde bis zum bitteren Ende gegangen. Er hat sein Leben eingesetzt und geopfert, um seine Schafe, um uns, zu retten. Wir dürfen leben, weil er sein Leben aufgegeben hat. Keine Herde könnte sich je einen besseren Hirten wünschen.

Wenn wir heute in unseren Berufen und bei den Aufgaben, vor denen wir in dieser Krise stehen, für die Menschen, die uns anvertraut sind, auch als gute Hirtinnen und Hirten gefordert sind, dann kann und soll Jesus darin unser Vorbild sein. Ihm sollen wir nachfolgen; seinem Vorbild sollen wir nacheifern. Doch diese Fußstapfen, in die wir da, bildlich gesprochen, gerade treten, sie sind groß – zu groß, ja zu riesig für uns. Denn die Anforderung, alles, wirklich alles aufzugeben und sich mit allem, wirklich allem, was ich habe, für andere einzusetzen, ja sogar ohne Rücksicht auf das eigene Leben – ist dies nicht eine zu große Anforderung, ja eine Überforderung?                                                       Das ist es ohne Zweifel. Wir sind Menschen, wir sind nicht Jesus, wir sind nicht Gott! Und darum kann unsere Nachfolge als gute Hirtinnen und Hirten immer auch im Rahmen unserer Möglichkeiten erfolgen. Und damit ist immer auch zugleich eine Grenze unseres Tuns markiert, denn diese unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Und es ist gut, um die Begrenzung auch zu wissen und sich dadurch nicht selbst zu überfordern. Wir sind, wenn man so will, immer nur Hirtinnen und Hirten in Teilzeit. Unsere Aufgabe umfasst nicht die ganze Herde und auch nicht jede Situation, in die die Schafe, die uns Anvertrauten, hingeraten können. Dies müssen wir uns immer wieder vor Augen führen und uns darin erinnern. Unsere Aufgabe und unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Das gilt insbesondere jetzt in der Krise – und es gilt auch sonst.

Und wenn wir in unserer Tätigkeit als Teilzeithirtinnen und -hirten dann immer wieder unausweichlich an unsere Grenzen stoßen, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass es diesen einen Hirten gab und gibt, der für uns, seine Herde, mit seinem Leben einstand und immer wieder einsteht; der sich ganz für uns geopfert hat, damit wir, seine Schafe, leben können. Wo wir an unsere Grenzen stoßen, ja stoßen müssen, da steht er und geht über diese Grenzen hinaus. Was wir nicht vermögen, er tut es. Und darauf dürfen wir vertrauen, wenn wir, gerade jetzt, auf unseren vielen verschiedenen Wegen unterwegs sind, um anderen, die unsere Hilfe, in welcher Form auch immer, benötigen, beizustehen und zu helfen.

Darum: Lasst uns gute Hirtinnen und Hirten sein in der Gewissheit, dass wir selbst auch Schafe sind in der Herde des einzig wahren guten Hirten, Jesus Christus! Amen.

Gewissheit- Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti von Pfarrerin Jasmin Salzger 19.04.2020 mit musikalischem Vor- und Nachspiel von Christoph Salzger

Liebe Gemeinde,

Warum durfte ich an Ostern nicht zu Oma und Opa? Vielleicht haben Sie in den letzten Tagen diese Frage auch schon einmal von Ihren Kindern oder Enkeln gehört. Wegen des Virus. So lautet in der Regel die erste und natürlich auch richtige Antwort. Doch ist diese Antwort wirklich befriedigend für die Kinder? Ein Virus soll das alles verursacht haben? Ich kann ihn ja noch nicht einmal sehen oder fühlen. Das ist für Kinder eigentlich unvorstellbar. Und wenn wir ehrlich sind, dann geht es uns Erwachsenen manchmal auch nicht anders. Was man nicht sehen, nicht fühlen, nicht riechen, nicht schmecken, nicht im wahrsten Sinne des Wortes „begreifen“ kann, kann das überhaupt wirklich sein? Da bleiben doch zumindest Zweifel übrig. Das geht uns aber nicht nur beim im Moment allgegenwärtigen Corona-Virus so, sondern auch bei anderen Phänomenen. Angefangen bei der Handystrahlung, die zwar schädlich sein soll, die ich aber auch weder spüren noch überhaupt direkt wahrnehmen kann, über kleine Mikroorganismen, die vielleicht sogar hilfreich sind für unser Leben, bis zu den unglaublich kleinen Teilchen in der Physik, wie z.B. den Atomen – alles Phänomene, die eine Bedeutung in unserem Leben haben, die wir aber nicht direkt mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Und immer wieder gibt es auch Menschen, die sagen: was ich nicht mit den Augen sehen, mit den Ohren hören, mit meinen Händen begreifen, mit meiner Zunge schmecken oder mit meiner Nase riechen kann, das gibt es für mich nicht. An seine Existenz kann ich nicht glauben.                                                             

Auch ein biblisches Vorbild für ein solches Denken gibt es. Im Johannesevangelium wird im 20. Kapitel von ihm erzählt:

Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben. (Joh. 20, 24-25)

Ich kann Thomas gut verstehen. Wie sollte er das glauben, was die anderen ihm da erzählten. Es war ja auch wirklich allzu unglaubwürdig, zu phantastisch. Und er war ja auch nicht dabei gewesen und hatte es selbst erlebt. Dann, ja dann wäre es etwas anderes gewesen. Dann wäre auch er überzeugt gewesen. Dann würde auch er ganz begeistert und erfüllt von Freude und Jubel anderen davon erzählen. Zweifel gäbe es für ihn dann nicht mehr. Aber, wie gesagt, er war ja nicht dabei gewesen. Und die Erzählungen der anderen allein reichten ihm nicht aus. Ich kann ihn gut verstehen. Einen Beweis verlangt er. Er will es mit seinen eigenen Augen sehen und mehr noch, er will es spüren. Denn auch die Augen können getäuscht werden oder sich selbst täuschen. Erst durch die Berührung mit den eigenen Händen kann aus Zweifel Gewissheit werden. Erst dann würde Thomas dem vertrauen, was die anderen ihm erzählt haben.

Ob Thomas letztendlich wirklich damit gerechnet hat, dass seine Forderungen erfüllt würde, das wissen wir nicht. Ob Thomas es am Ende von ganzem Herzen wollte, dass es wahr war, was die anderen erzählten, das wissen wir nicht. Er war eben der ungläubige Thomas – und als dieser ist er auch in die Geschichte eingegangen. Als der, der mehr als die anderen Jünger Gewissheit verlangte. Als der, der seinen Glauben an eine Vorbedingung knüpfte. Und damit als der, der uns Menschen heute eigentlich besonders nahesteht. Kein Glaubensheld, der nur auf das Wort „Er ist auferstanden.“ der anderen hin in Jubel ausbrach und sein ganzes Leben darauf ausrichtete. Vielmehr jemand, der zweifelte und alles hinterfragte. Er, von dem er wusste, dass er ans Kreuz geschlagen worden war, dessen Tod und dessen Beerdigung ihm berichtet worden war, er sollte wieder leben? Er sollte den Tod überwunden haben und dem Grab entstiegen sein? Wie sollte er an diese phantastische Geschichte auch glauben können?

Doch dann kam der Moment, den er erhofft, ersehnt und vielleicht doch nicht erwartet hatte.

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Joh. 20, 26-29)

Wieder einmal, eine Woche später, waren die Jünger Jesu in einem Haus versammelt. Und diesmal war Thomas dabei. Da trat plötzlich Jesus mitten unter sie. Und schlagartig war Thomas alles klar. Alle Zweifel waren verflogen. Die Wahrheit traf ihn bis ins Herz. Jesus ist auferstanden! Er lebt! Die Beweise, die er vorher verlangt hatte, sie waren nun überflüssig geworden, auch wenn Jesus ihm seine Hände mit den Nägelmalen und seine Seite mit der Wunde von der Lanze als Beweis anbot. Angesichts der Gegenwart des Auferstandenen blieb nur noch das Bekenntnis des Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“. Durch die persönliche Begegnung mit Jesus wurde aus Zweifel und Unglauben Glauben und Gewissheit.

Diese direkte, körperliche Begegnung mit Jesus aber ist es, die uns Menschen heute fehlt. Daher ist unser Glaube immer auch mit Zweifel verbunden. Zweifel, die von außen an uns herangetragen werden. „Wie kann man in einer Zeit, in der die Wissenschaft schon auf fast alle Fragen unseres Lebens eine Antwort hat, in der Computer und künstliche Intelligenz uns unser Leben immer einfacher zu machen scheinen – wie kann man in dieser Zeit noch an Wunder wie die Auferstehung eines Gekreuzigten glauben? Wie kann man angesichts der aktuellen weltweiten Krise noch an einen gnädigen und barmherzigen Gott glauben, dem wir als Menschen ganz wichtig sind? Mit solchen oder andern kritischen Anfragen werden wir als Christen 2020 von unterschiedlichen Seiten konfrontiert. Und genauso werden auch aus unserer unmittelbaren Umgebung ähnliche Fragen an uns ganz persönlich herangetragen. „Du bist doch eigentlich ganz vernünftig. Wie kannst du da noch in der Kirche gehen oder im Internet digitale Angebote der Kirche nutzen?“ Solche Anfragen und solche Kritik kann in uns Zweifel wecken.

Und da ist auch noch der Zweifel, der aus uns selbst kommt. Was wir selbst erleben an Ungutem und Schlechtem in unserem Leben, das kann uns zweifeln, ja verzweifeln lassen, an der Kirche, an unserem Glauben, an Gott.

Zweifel – sie haben im Glauben immer einen Platz. Wer glaubt, muss deshalb nicht seinen Verstand ausschalten. Und doch, im Glauben werden wir immer wieder an die Grenze dessen kommen, was wir mit unserem Verstand begreifen können. Die Auferstehung Jesu von den Toten und ihre Bedeutung für uns, sie wird letztendlich immer ein Geheimnis bleiben, das wir nie ganz verstehen werden. Gottes unendliche Liebe zu uns ist ein Geschenk, das wir annehmen können; aber die Frage, warum Gott gerade uns, gerade mich liebt, sie wird letztendlich immer unbeantwortet bleiben – und damit ein Einfallstor des Zweifels.

Doch diese Zweifel können auch etwas Gutes haben. Sie stellen Althergebrachtes auf den Prüfstand und der Satz „Das war schon immer so!“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht!“ verliert seine unwidersprochene Gültigkeit. Und so kann sich unser Glaube gerade auch durch den Zweifel weiterentwickeln und uns nach einer Phase der Verunsicherung neuen, ja besseren Halt für unser Leben geben.

Im Falle von Thomas gehören der Zweifel und die Begegnung mit dem Auferstanden zusammen. Nur beides zusammengenommen lässt ihn als ersten der Jünger die Wahrheit erkennen und bringt ihn zu seinem Bekenntnis „Mein Herr und mein Gott!“. Und so wird aus dem Zweifler, dem sprichwörtlichen ungläubigen Thomas der unerschütterlich glaubende Jünger Jesu. Und so kann gerade dieser Thomas für uns in unseren Glaubenszweifeln zum Vorbild werden. Glauben und vor allem die Weiterentwicklung des eigenen Glaubens ohne Zweifel gibt es nicht. Ja, der Zweifel ist gleichsam ein Motor, der unseren Glauben voranbringen kann. Deshalb wünsche ich uns allen, die wir glauben, nicht nur feste, unerschütterliche Glaubensgewissheit, sondern eben auch Glaubenszweifel, die unseren Glauben wachsen lassen. Amen.

Verstehen- Predigt zum Ostersonntag von Pfarrerin Jasmin Salzger (12.04.2020)

Liebe Gemeinde, haben Sie schon einmal Ihren Schlüssel gesucht und fanden ihn nicht? Und dann stellte sich heraus, dass er genau da lag, wo er immer liegt, aber Sie haben ihn nicht gesehen. Sie schütteln Kopf und denken: „Wie konnte mir das denn jetzt passieren? Da hatte ich wirklich Tomaten auf den Augen.“ So etwas passiert wahrscheinlich jeder und jedem von uns – und das nicht nur bei so alltäglichen Dingen wie der Suche nach dem Schlüssel. Da ist die Schülerin, die die Matheaufgabe auch nach der dritten Erklärung des Lehrers nicht versteht, bis es dann plötzlich mit Hilfe einer Mitschülerin „Klick“ macht und alles ganz einfach ist. „Wie konnte ich nur so blöd sein“, denkt sie sich. Da sind die Eltern, die einfach nicht verstehen können, warum ihr Sohn immer wieder in der Schule negativ auffällt und Ärger bekommt. Bis es dann dank einer außenstehenden Person, z.B. eines Lehrers, klar wird: er ist einfach nur unterfordert. Ihm ist langweilig und er bräuchte eigentlich viel anspruchsvollere Aufgaben. „Warum haben wir das nicht schon längst gesehen? Die Zeichen dafür waren doch so deutlich!“, so denken die Eltern dann. Oder da ist die Seniorin, die trotz aller Erklärungsversuche des Sohnes einfach nicht mit dem neuen Smartphone zurechtkommt. Doch dann erklärt es die Enkelin – und der Knoten ist geplatzt. Die whatsapp-Nachrichten sprudeln nur so – zur Freude oder auch zum Leidwesen der Kinder und Enkel. „So schwer ist das doch gar nicht. Das hätte ich doch sofort kapieren müssen“, so denkt die Seniorin vielleicht – und schreibt die nächste Nachricht. Manchmal hat man wirklich das sprichwörtliche Brett vor dem Kopf. Da ist etwas direkt vor Augen und klar und deutlich zu erkennen – und doch sieht man es nicht. Und man versteht es nicht. So ging es auch den beiden Männern, die sich von Jerusalem aufgemacht hatten in ein kleines Dorf mit Namen Emmaus. Hinter ihnen lag eine wirklich schwierige Zeit. Und noch immer konnten sie nicht so ganz begreifen, was da eigentlich passiert war. Kaum eine Woche war es erst her, da waren sie alle zusammen im Triumphzug nach Jerusalem gekommen. Die Menschen hatten ihm zugejubelt. Hosianna hatten sie gerufen. Wie ein König war er in die Stadt eingezogen. Und etwas von dem Jubel und der überschäumenden Begeisterung war auch auf sie, seine Begleiter und Freunde, abgefallen. Sie waren so etwas wie sein Hofstaat gewesen – und voller Vorfreude auf die großen Dinge, die nun noch passieren sollten. Große Dinge, bedeutende Taten – doch was dann kam, war etwas vollkommen anderes, eigentlich das genaue Gegenteil. Verrat, Versagen, Verleugnung, Verzweiflung, Verlassenheit, Verlust – das sollte die nächsten Tage prägen und bestimmen. Und am Ende standen sie ganz alleine da, jeder für sich mit seiner Angst, seiner Enttäuschung, seiner Scham und Reue, seiner Hoffnungslosigkeit. Und warum das alles? Musste das Ende wirklich das Kreuz sein? Hätte es nicht einen anderen, einen besseren Weg gegeben? Und dann auch das noch, sozusagen der letzte Akt in diesem Drama. Am Morgen waren einige Frauen zu ihnen gekommen und hatten behauptet, das Grab sei leer. Und als wäre das noch nicht genug, behaupteten sie sogar noch, dass sie Engel gesehen hätten. Das alles ging wirklich über den Verstand der beiden Männer. Und so verließen sie Jerusalem – aus Angst, selbst noch verhaftet und getötet zu werden, oder einfach nur, um Abstand von all dem zu gewinnen. Aber natürlich drehte sich auf dem ganzen Weg, den ganzen 11 Kilometern bis nach Emmaus, alles um die Geschehnisse der vergangenen Tage. Sie konnten es einfach nicht fassen, nicht verstehen. Ihr Gespräch drehte sich im Kreis und sie kamen nicht weiter. Und so wie wir manchmal heute, so brauchten auch sie jemanden, der ihnen half zu verstehen. Irgendwann auf ihrem Weg stieß eine dritte Person zu ihnen. Wer es war, das bemerkten die beiden nicht. Das Brett vor ihrem Kopf verhinderte es, dass sie die Wahrheit erkannten. Auch als er ihnen alles, was in den vergangenen Tagen in Jerusalem geschehen war, erklärte, verstanden sie zwar manches besser, nicht aber das Entscheidende. Ihnen wurde klar, dass der Tod Jesu unumgänglich, ja notwendig gewesen war. Denn nur so konnte er zum Retter Israels, ja zum Retter der ganzen Menschheit werden. Nur so konnte er sogar den Tod besiegen. Ein wenig fielen die Scheuklappen von ihren Augen ab, aber nur ein wenig. Um ihn zu erkennen, um zu verstehen, wer da mit ihnen sprach, brauchte es noch mehr, brauchte es ein Zeichen. Sie nahmen den Fremden mit in ihr Haus und luden ihn ein, mit ihnen zu essen. Und erst jetzt, in seiner Art das Brot zu nehmen, dafür zu danken, es zu brechen und es ihnen zu geben erkannten sie ihn, erkannten sie Jesus, den Gekreuzigten, der wirklich von den Toten auferstanden war. Jetzt fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen. Nun erst verstanden sie wirklich alles, was er gesagt hatte. Jetzt brauchten sie keine Hilfe mehr um zu verstehen. Und deshalb verschwand Jesus. Die beiden Jünger aber machten sich auf, zurück nach Jerusalem, um allen davon zu erzählen: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Ihre Erleichterung, ihre Freude, ihr Jubel waren schier grenzenlos. Ich muss sagen, ich beneide die beiden Jünger um diese Erfahrung. In der Begegnung mit Jesus selbst erkennen sie und verstehen sie. Der Leidensweg Jesu bis hin zu seiner Kreuzigung und bis zu seiner Auferstehung von den Toten, für sie ist all das nun verständlich und klar. Aber ich bin nicht nach Emmaus gegangen. Ich habe nicht mit Jesus von Angesicht zu Angesicht gesprochen. Ich habe nicht mit ihm das Abendmahl gefeiert – und ihn dabei erkannt. Und darum fehlt mir auch ihr klares und festes Verständnis. Meine Unsicherheit, meine Anfragen, meine Zweifel bleiben, auch und gerade angesichts von Ostern 2020. Und doch, vielleicht kann die Geschichte von den zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus auch uns heute Mut machen in all unseren Zweifeln und Fragen. Die Jünger verstanden nicht, was da geschehen war. Ihre Erfahrungen, die sie bisher mit Jesus gemacht hatten und über die sie sicherlich auch immer wieder nach seinem Tod mit den anderen Jüngern gesprochen haben, änderten daran nichts. Die Gespräche mit den anderen Jüngern, die immer wieder um dieses „Warum?“ kreisten, halfen ihnen nicht. Und selbst das Gespräch auf dem Weg mit Jesus selbst brachte ihnen nicht die Erkenntnis. Sie verstanden nicht und sie konnten auch nicht verstehen. Denn das, was da in Jerusalem und auf Golgatha geschehen ist, geht über unseren Verstand weit hinaus. Wir können es nicht begreifen, so wenig wie die Jünger damals auch. Es ist die Erfahrung mit dem Auferstandenen, die die Jünger erkennen und verstehen lässt. Es ist letztendlich eine Sache des Glaubens und nicht des Verstandes oder, wie es im „Kleine Prinzen“ heißt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut; das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Um das Geheimnis von Ostern zu verstehen, brauchen wir keine langen wissenschaftlichen Abhandlungen, keine wohl durchdachten Vorträge, keine ausgefeilten Predigten. Wir brauchen das Herz: wir brauchen den Glauben. Und dieser Glaube ist ein Geschenk, das Geschenk Gottes an die Jünger damals und an uns heute. Darum dürfen wir ihn bitten und darauf dürfen wir vertrauen. Amen.

VERLOREN Impuls in der Karwoche Karsamstag von Pfarrerin Jasmin Salzger

Liebe Gemeinde, „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ So heißt es in einem bekannten Sprichwort. Doch was ist, wenn es wirklich passiert? Wenn alles, auch die Hoffnung, verloren scheint? Wenn man an einem Punkt angekommen ist, an dem es kein Zurück mehr, aber auch kein Vorwärts mehr gibt? Ein solcher Augenblick gehört wohl zu den tiefsten Punkten, zu denen wir in unserem Leben gelangen. Einen Moment größerer Verzweiflung, Mutlosigkeit, Ausweglosigkeit kann es kaum geben. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Und wenn sie stirbt, dann ist wirklich alles aus. An diesem Punkt waren auch einige Frauen angekommen. Bis zuletzt hatten sie gehofft und gebetet. Bis zum allerletzten Augenblick waren sie bei ihm geblieben. Sie hatten ihn nicht verlassen. Sie hatten ihn nicht verraten. Sie hatten ihn nicht verleugnet. Sie waren nicht einfach geflohen. Sie waren ihm bis zuletzt treu geblieben. Sie hatten seine Schmerzen, seine Qualen mit ausgehalten und waren ihm, so gut es nur ging, Begleiterinnen und Freundinnen gewesen. Und selbst, als die Hoffnung dann wirklich gestorben war, blieben sie. Sie begleiteten ihn auch noch bis in das Grab hinein. Sie leisteten ihm den letzten Dienst, indem sie ihn, zumindest provisorisch, für das Grab vorbereiteten. Die Frauen hatten sich wirklich nichts vorzuwerfen – anders als diejenigen, die sich immer als seine Freunde, seine Jünger bezeichnet hatten. Doch jetzt standen die Frauen vor dem Nichts. Alle Hoffnung, die sie in Jesus gesetzt hatten, auf ein besseres Leben für das Volk Israel und auch für sie selbst, auf die Anerkennung, die ihnen als Frauen sonst nie zuteil wurde, all dies war zusammen mit ihm am Kreuz von Golgatha gestorben und mit ihm in das Grab gelegt worden. Und nun lag der Stein davor als ein endgültiges und schier unverrückbares Zeichen der totalen Hoffnungslosigkeit. Die Frauen, die Jesus auf seinem Weg begleitet hatten, sie standen wirklich vor dem Nichts. Anders als die Jünger konnten sie nicht einfach so in ihr altes Leben zurückkehren. Sie konnten nicht einfach so wieder fischen gehen, so als ob nichts gewesen wäre. Alles hatten sie für ihn aufgegeben, weil sie an ihn und seine Botschaft geglaubt haben. Einen Weg zurück gab es nicht mehr. Aber auch keinen Weg nach vorne. An diesem ersten Tag nach der Kreuzigung war nur noch Platz für Resignation, für Verzweiflung und vollkommene Mut- und Hoffnungslosigkeit. Und nicht einmal das allerkleinste sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels war zu sehen. Vor ihnen lag nur noch Dunkelheit und Ungewissheit. Und das einzige, was sie jetzt noch in Bewegung hielt, war die Aufgabe, die sie morgen früh noch zu bewältigen hatten – die endgültige Bereitung des Leichnams Jesu im Grab. Es würde der letzte Dienst, ja Liebesdienst, sein, den sie ihm tun konnten. Und sie würden es voller Traurigkeit, aber auch voller Liebe und Hingabe tun. Und danach dann Nichts mehr! Karsamstag, so nennen wir diesen Tag nach der Erinnerung an die Kreuzigung Jesu. Es ist ein merkwürdiger, stiller Tag. In vielen Gemeinden schweigen heute die Glocken. Und es gibt auch keine Passionsandachten und Gottesdienste mehr – auch keine digitalen in dieser außergewöhnlichen, ja bisweilen auch mut- und fast schon hoffnungslosen Zeit. Schweigen, das ist jedenfalls in der Kirche das besondere Kennzeichen dieses einen Samstags. Schweigen, weil es nach dem Kreuz von Golgatha und angesichts des verschlossenen Grabes nichts mehr zu sagen gibt. Für die Frauen damals nicht – und für uns heute ebensowenig. Doch dieser Samstag hat manchmal noch einen zweiten Namen, nämlich Ostersamstag. Denn er ist nicht nur der Tag nach Karfreitag, sondern auch der Tag vor Ostersonntag. Was die Frauen damals nicht wussten, wir wissen es. Mit Kreuz und Grab war nicht alles vorbei. Es gab diesen Tag danach. Den Tag, an dem als erste die Frauen das leere Grab finden würden, vor allen Jüngern. An dem sie als erste wieder in Kontakt zum Auferstandenen treten würden. Doch das lag für die Frauen noch in der Dunkelheit der Zukunft verborgen. Sie hatten alles verloren – doch eigentlich bedeutete dieser Verlust den allergrößten Gewinn. Doch damit dieser Gewinn überhaupt möglich war, darum brauchte es erst den Verlust, die vollkommene Hoffnungslosigkeit, für die als Zeichen das Kreuz steht. Vor Ostern musste erst Karfreitag kommen. Und das Scharnier zwischen beidem ist der Karsamstag, der Ostersamstag. Alles verloren und damit alles – und noch viel mehr – gewonnen. Dies galt für die Frauen damals – und es gilt für uns heute noch immer. Amen.

VERLASSENHEIT Predigt zu Karfreitag von Jasmin Salzger (10.04.2020)

Liebe Gemeinde, „Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei.“ Diese Grundaussage über den Menschen steht ganz am Anfang. Gott selbst ist es, der sie formuliert und danach handelt. Und aus einem Menschen werden zwei – und daraus dann die ganze Menschheit. Der Mensch soll nicht alleine sein. Oder, wie es der antike Philosoph Aristoteles gesagt hat: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir Menschen brauchen die Gemeinschaft mit anderen. Wir sind auf den Austausch mit anderen angewiesen, den Kontakt, die Gespräche, ja auch die Berührungen. Das fängt schon in der frühesten Kindheit an. So schnell wie möglich wird das neugeborene Kind mit seiner Mutter – und, wenn möglich, auch mit seinem Vater in Kontakt gebracht. So wird eine Beziehung aufgebaut, die ein ganzes Leben lang halten soll und die für das Kind – und auch für die Eltern – ungeheuer wichtig, ja existentiell ist. Und es soll nicht die einzige Beziehung, der einzige Kontakt werden, den ein Mensch im Laufe seines Lebens haben wird. Andere Menschen treten in das Leben und bestimmen es mit, zumindest für eine gewisse Zeit. Ja, wir Menschen brauchen unbedingt den Kontakt zu anderen. Und wenn ein Kontakt, aus welchen Gründen auch immer, abbricht, dann erfahren wir das als einen deutlichen, ja schmerzhaften Einschnitt. Diese an sich ganz selbstverständlich Einsicht in das Wesen von uns Menschen wird gerade in der aktuellen Situation wieder greifbar, spürbar, erfahrbar. Kontaktsperre, die Aufforderung, zu Hause zu bleiben und die direkten, sozialen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren, Quarantäne und Isolation lassen uns schmerzlich spüren, wie sehr wir die Gemeinschaft und den direkten Kontakt eigentlich brauchen, um leben zu können, um Mensch sein zu können. Nicht das Fehlen von Dingen des alltäglichen Lebens, wovon die leeren Supermarktregale für Mehl, Konserven und Toilettenpapier zeugen, sondern der Verlust des sozialen Lebens ist das Hauptproblem der gegenwärtigen Krise. Einsamkeit und Verlassenheit sind ebenso Schwierigkeiten, vor denen viele Menschen gerade jetzt stehen. Verlassenheit – das war auch für Jesus in den letzten Tagen und Stunden seines Lebens DAS große Thema. Im Garten Gethsemane, in der Stunde größter seelischer Not war er allein. Die drei Jünger, die ihn begleitet hatten, schliefen. Dabei hatte er auf sie gehofft und sie fast schon flehentlich gebeten: „Bleibet hier und wachet mir, wachet und betet!“ Doch in dieser dunklen Stunde blieb er letztendlich auf sich allein gestellt, einsam, ohne die Nähe dieser Drei. Und statt ihres Beistandes, ihrer Nähe, erlebte Jesus das Versagen seiner Freunde. Später, als ihn die Soldaten und Häscher gefangen nahmen, wo waren da die Menschen, die ihn bisher begleitet hatten? Wo waren die Menschen, die sich selbst als seine Jünger, als seine Freunde bezeichnet hatten? Sie waren verschwunden, vom Ort der Gefangennahme geflohen und in alle Richtungen auseinandergelaufen. Er aber blieb ganz allein zurück, inmitten von Menschen, die ihm Böses wollten. Und zur Verlassenheit war die Erfahrung des Verrats hinzugekommen. Die nächste, noch größere Enttäuschung, sie ließ nicht lange auf sich warten. Im Hof des Hohepriesters begegnete dem Gefangenen sein engster, bester Freund, auf den er sich immer hatte verlassen können – und tat so, als würde er ihn gar nicht kennen. Zur Verlassenheit kam die Verleugnung. Und aus Angst wurde mehr und mehr Verzweiflung. Auch den weiteren Weg, hinein zu den Hohepriestern und Anführern des Volkes Israel, zu Pilatus, zu seinem Landesherrn Herodes, zu den Folterknechten, die ihn erniedrigten und quälten, bis hin zum Kreuz auf Golgatha, musste Jesus allein gehen. Niemand war bei ihm, niemand begleitete ihn, tröstete ihn, richtete ihn auf. Kein Mensch – und auch nicht Gott. So jedenfalls scheint es. Zu Jesu Gebet im Garten Gethsemane hatte Gott geschwiegen. Wo war er gewesen, als sie ihn gefangen nahmen, verhörten, quälten und erniedrigten? Wo war Gott, als sie ihn schließlich ans Kreuz schlugen? Von allen Menschen, die ihm wichtig gewesen waren und denen er vertraut hatte, ist er verlassen worden – und nun auch von Gott, dem er bedingungslos vertraut hatte und auf den sein ganzes Reden und Handeln ausgerichtet war? War zur Menschenverlassenheit jetzt auch noch die Gottverlassenheit dazugekommen, an diesem größten und schwärzesten Tiefpunkt seines Lebens? Jesu letzte Worte am Kreuz, kurz vor seinem Tod, scheinen dieses Gefühl der Gottverlassenheit Jesu auf den Punkt zu bringen. Im Markusevangelium heißt es: Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia. Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme! Aber Jesus schrie laut und verschied. Jesus stirbt, von allen Menschen – und von Gott – verlassen. Und die Menschen, die doch dabei sind, verspotten ihn sogar noch in seiner seelischen Qual. Der auf Gemeinschaft, auf Beziehung und Kontakt angelegte Mensch ist in der Stunde seines Todes allein, wirklich und wahrhaft allein. Und er erreicht damit den tiefsten nur denkbaren Punkt menschlicher Existenz. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Jesus stirbt gerade nicht mit der Anklage an Gott – Warum hast du mich verlassen“ – auf den Lippen. Wenn er hier nämlich den Anfang des 22. Psalms zitiert, dann ist für ihn – und für jeden gläubigen Juden, jede gläubige Jüdin – klar, dass er damit den ganzen Psalm meint. Und dieser endet nämlich nicht mit der Anklage an Gott, sondern mit dem Lobpreis Gottes, der die Klage und das Flehen des Beters in Not und Einsamkeit gehört und ihn errettet hat. In der schwersten Stunde seines Lebens weiß Jesus sich in der Liebe Gottes geborgen. Er spürt, dass er im Augenblick größter Verlassenheit gerade nicht verlassen ist von Gott. Gott ist bei ihm, Gott trägt ihn durch die Schmerzen und das Leiden, ja mehr noch, Gott begleitet ihn in den Tod – und durch ihn hindurch. Und der scheinbare Klageruf Jesu ist in wirklich ein Lobpreis und ein Dank an diesen nahen und gegenwärtigen Gott, diesen Gott, der auch durch den Tod hindurch die Beziehung zu Jesus aufrechterhält. Diese Erfahrung Jesu in seiner dunkelsten Stunde, diese unauslöschliche Zuversicht, sie kann auch uns in dieser Zeit der Verlassenheit, der Kontaktsperren, der Reduzierung aller sozialen Beziehungen auf das Nötigste, Mut und Zuversicht geben. Gott bleibt in Kontakt mit uns, er hält die Beziehung aufrecht und lässt uns nicht allein. Zu ihm können wir kommen mit all unseren Sorgen und Ängsten – immer und gerade auch jetzt. Daran wird auch Corona nichts ändern! Die Kontaktsperre gilt NICHT zwischen Mensch und Gott. Amen. Gebet In einer Zeit, in der Kontaktsperren an die Stelle von direkten Beziehungen getreten sind, bist du, treuer Gott, an unserer Seite. Du bist uns nahe und lässt uns nicht allein, auch wenn wir verlassen und einsam sind. Dafür danken wir dir. Wir bitten dich: Sei du bei denjenigen unter uns, die besonders von Einsamkeit und Verlassenheit betroffen sind. Lass sie immer wieder deine Nähe spüren. Sende ihnen Menschen, die für sie da sind, ihnen helfen und einfach nur den Kontakt zu ihnen halten – in welcher Form auch immer. Sei du bei allen, die von Krankheit und Tod bedroht sind. Hilf, dass ihnen die richtige Hilfe, die richtigen Maßnahmen zuteilwerden, damit sie gerettet werden können. Sei bei allen, die sich für andere Menschen einsetzen an dem Platz, an den du sie gestellt hast. Gib ihnen Kraft, Mut und Zuversicht, um diesen Weg weitergehen zu können. Erhalte ihre Gesundheit – für sie selbst und für diejenigen, für die sie verantwortlich sind. Sei du bei deiner Kirche, dass sie immer wieder ein Ort ist, an dem deine Nähe, deine Hilfe erfahrbar wird. Gib, dass sie Wege zu den Menschen findet, gerade in dieser Krise. Lass sie die richtigen Taten und Worte finden in dieser Zeit. Dir vertrauen wir uns an mit allem, was uns beschäftigt und was uns auf dem Herzen liegt. Amen.

VERZWEIFLUNG Impuls in der Karwoche Gründonnerstag von Jasmin Salzger (9.04.2020)

Liebe Gemeinde, ach, wenn ich doch an deiner Stelle gewesen wäre! Ich hätte es ganz bestimmt viel besser gemacht! Da bin ich mir ganz sicher. Das wäre mir nicht passiert. Ich denke, wir alle kennen solche Sätze. Wir haben sie selbst schon hören müssen. Oder vielleicht sind sie uns auch schon über die Lippen gekommen. Doch hinterher ist man immer schlauer. Im Rückblick, da fällt es einem schon leicht, das richtige zu erkennen. Eben dass, was in einer bestimmten Situation eigentlich dran gewesen wäre. Und ebenso leicht fällt es einem dann, den anderen zu verurteilen, der sich anders entschieden hat. Wenn wir in dieser Passionszeit den Weg Jesu bis ans Kreuz von Golgatha noch einmal mitgehen, dann begegnen uns eine ganze Reihe von Menschen. Und manchmal, da denkt man auch ganz unwillkürlich: warum hat er oder sie das denn jetzt gemacht. Es ist doch so offensichtlich, was hier eigentlich angesagt gewesen wäre. Eine Gruppe von Männern sticht da besonders heraus. Kopfschütteln über den Verrat des Judas. Unverständnis dafür, dass Petrus, Jakobus und Johannes im Garten Gethsemane einschlafen konnten. Die Hände über dem Kopf zusammenschlagen über die Verleumdung des erst so großsprecherisch auftretenden Petrus. All dies gehört dazu, wenn wir über den Leidensweg Jesu nachdenken. Und im Nachhinein, da wissen wir es natürlich viel besser. Doch halt, da fehlen doch noch welche! Bis jetzt ist doch erst von 4 Jüngern die Rede gewesen und noch nicht von allen 12. Die anderen 8, sie stehen quasi am Rande der Geschichte. In vielen Texten und Meditationen zur Passion fehlen sie völlig. Ein Grund mehr, sie einmal ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Zunächst, da stehen sie in einem etwas besseren Licht da als die anderen. Ich bin mir sicher, sie sind froh gewesen, dass nicht sie den Verrat begangen haben. Dass Jesus ihnen nicht auch die Verleumdung angekündigt hatte. Dass sie im Garten nicht dabei gewesen und eingeschlafen sind, als Jesus sie brauchte. Und wer weiß, vielleicht hat der eine oder andere auch gedacht: „Mir könnte so etwas nicht passieren! Ich weiß es besser als Petrus, Judas, Jakobus und Johannes!“? Doch dann das! Die Gefangennahme Jesu. Der ganze Garten voll von Bewaffneten. Verzweiflung und Angst macht sich unter den Jüngern breit. Aber noch geben sie nicht auf. Noch sind sie bereit, für ihren Freund und Meister zu kämpfen. Doch dann verbietet Jesus es ihnen. Aus Angst und Verzweiflung werden Ohnmacht und Panik. Nur noch weg hier. Fort von den Häschern. Nur noch das eigene Leben ist jetzt wichtig. Bloß weg! In alle Richtungen strömen die Jünger auseinander. Sie, die sie vorher noch gedacht haben, dass ihnen das nie passieren könnte. Erst langsam, allmählich kommen sie wieder zur Besinnung. Erst, nachdem sie den ein oder anderen Meter, vielleicht sogar Kilometer hinter sich gebracht haben. Ich sehe sie vor mir. Erschöpft lehnen sie an einer Mauer. Kaum noch Luft bekommen sie, so schnell sind sie gerannt. Aber wenigstens das nackte Leben haben sie retten können. Doch schnell mischt sich in die Erleichterung auch noch ein anderes Gefühl. Scham. Das schlechte Gewissen meldet sich. Alleingelassen haben sie Jesus. Und so sind sie nicht besser als Petrus, Jakobus und Johannes. Ja noch nicht einmal besser als Judas, der Jesus verriet. Denn was ist die Flucht anderes als eine kleine Verleumdung, ein kleiner Verrat? Ich bin mir sicher, die Jünger wären am liebsten im Boden versunken. Von ihrer einstigen Selbstsicherheit ist nichts mehr geblieben. Wie sollte es jetzt nur weitergehen? Diese bohrende Frage haben die Jünger mitgenommen in die nächsten Stunden und Tage. Sie hat sie beschäftigt, als sie von der Verurteilung Jesu hörten. Als sie ihn mit dem Kreuz durch die Straßen von Jerusalem wanken sahen. Als er am Kreuz hing. Als sie ihn in das Grab legten. Und sie waren sich sicher, dass sie das niemals wieder gutmachen könnten. Doch Gott hatte noch etwas mit ihnen vor. Jeder von ihnen hat die Gelegenheit dazu gehabt zu zeigen, was wirklich in ihm steckte. Und jeder hat diese Chance genutzt. Nach der Auferweckung Jesu sind es gerade diese 11 Jünger gewesen, diese 11 „Versager“, die die Botschaft von Jesus in alle Welt hinausgetragen haben. Widerstände und Gefahren, ja selbst Folter und Tod haben sie daran nicht mehr hindern können. Denn jetzt wussten sie, was ihre Aufgabe war. Jetzt haben sie nicht noch einmal versagt. Und jetzt konnte keiner mehr sagen: Ich hätte es besser gemacht als sie! Amen.

Verleumdung Impuls in der Karwoche Mittwoch von Jasmin Salzger (08.04.2020)

Liebe Gemeinde, Verleumdung, Verleumdung, Verleumdung. Der Schrei des Hahns, die ersten Sonnenstrahlen des neuen Morgens, sie bringen es ans Licht. Das Dunkel der Nacht, es verdeckt nicht mehr das Undenkbar, das Unsagbare, das Ungeheuerliche. Ein Freund verleugnet den Freund. Die Freundschaft wird verraten. Die Bande zwischen den beiden, die jedem Sturm standhalten sollten, sie sind zerrissen in einer einzigen Nacht der Angst und der Bedrängnis. Und der erste Hahnenschrei, er bringt es ans Licht, wie es um diese Freundschaft bestellt gewesen ist. Wie tragfähig sie wirklich war. Die Lippenbekenntnisse des Abends vorher, sie zählen nun nicht mehr. Als der ganze Mensch gefordert war, nicht mehr nur bloße Worte, als der Freund mit seinem Leben für die Freundschaft einstehen sollte, als die vollkommene Hingabe gefordert war, da blieb nur eines, das Versagen. Die Freundschaft hat versagt. Der Freund hat versagt. Und im Licht des neuen Morgens steht er vor den Trümmern der einst so unzerbrechlich scheinenden Freundschaft. Und das ausgerechnet ihm, Petrus. Dem Felsen. Der bislang jedem Sturm in seinem Leben getrotzt, der jeder Schwierigkeit mutig ins Auge gesehen hatte. Zu dem die anderen Jünger aufgeschaut hatten. An den sie sich angelehnt hatten. Auf dessen Stärke sie sich verlassen hatten. Ausgerechnet er. Tränen. Das ist alles, was ihm jetzt noch bleibt. Es gibt keine Worte mehr für das, was Petrus nun empfindet. Bittere Tränen der Trauer, der Reue, ja der Scham. Der Verachtung für sich selbst und für das, was er getan, oder besser, was er nicht getan hat. Und niemand ist da, an den er sich nun anlehnen kann. Der ihn wieder aufrichtet. Der ihm ein gutes Wort zusagt. Der ihm vielleicht sogar das vergibt, was geschehen ist. Der Freund, Jesus, er ist nicht da. Er kann ihm nicht helfen. Mit seinen Tränen bleibt Petrus allein. Mit seiner Trauer muss er selbst fertig werden. Eine zweite Chance für die Freundschaft mit Jesus, sie ist nicht in Sicht. Ja mehr noch, sie scheint ausgeschlossen zu sein. Jesus ist in den Händen seiner Feinde. Sein Tod ist beschlossene Sache. Aus und vorbei. Mit der Schande seines Versagens wird Petrus den Rest seines Lebens zurechtkommen müssen. Diese Last wird bis zu seinem Tod nicht von seinen Schultern genommen werden. Petrus weiß das. Mit seinen Tränen fügt er sich darum auch in sein unausweichliches Schicksal. Und dann wird doch alles anders kommen. Die Geschichte der Freundschaft zwischen Petrus und Jesus ist weiter gegangen. Der erste Schrei des Hahns hat nicht das letzte Wort behalten. Auf Karfreitag folgte Ostern. Petrus ist Jesus wieder begegnet. Auf die dreimalige Verleumdung folgte die dreimalige Frage Jesu: „Simon, hast du mich lieb?“ Und die Antwort des Petrus, sie folgt auf dem Fuß: „Du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Die Freundschaft bekommt eine zweite Chance. Und nun ist sie fester und enger als je zuvor. Nun ist sie stärker als alle Gefahren, ja stärker sogar als der Tod. Nie wieder wird Petrus seinen Freund verleumden. Immer wird er sich zu ihm bekennen. Auch dann, wenn es um sein eigenes Leben geht. Petrus steht zu seiner Freundschaft, selbst noch in der Arena von Rom. Nicht die gröhlende Menge, ja noch nicht einmal die wilden Tiere können ihn davon abbringen. Petrus stirbt für seine Freundschaft zu Jesus. Er stirbt für das, was er selbst erlebt hat und woran er glaubt. Aus dem „Ich kenne den Menschen nicht!“ von Jerusalem wird das „Ich glaube!“ von Rom. Und darum sind der erste Schrei des Hahns, die Tränen am Morgen danach nicht das Ende. Sie sind der Anfang. Der Anfang einer unzerstörbaren, ewigen Freundschaft. Amen.

VERSAGEN Impuls in der Karwoche von Jasmin Salzger (7.04.2020)

Liebe Gemeinde Eigentlich müsste man das doch gut schaffen können. Eigentlich sollte es kein Problem sein. Eine solche Aufgabe stellt doch kein Problem dar. So denken wir manchmal, machen uns an die Arbeit – und scheitern dennoch daran. Vielleicht, weil wir die Aufgabe letztendlich doch unterschätzt haben. Vielleicht, weil wir unsere eigenen Fähigkeiten am Ende doch überschätzt haben. Der Grund für dieses Scheitern, er spielt eigentlich keine Rolle. Was bleibt, ist nur dieses ungute Gefühl. „Ich habe versagt, wo ich gefordert war.“ Und Gedanken schwirren mir durch den Kopf: „Was werden die anderen Leute nur sagen?“ „Wenn ich das schon nicht schaffe, wie soll ich dann in Zukunft noch ganz andere Dinge hinbekommen?“ „Ich bin wirklich zu nichts zu gebrauchen, nicht einmal zu den einfachsten Dingen.“ Selbstzweifel, Resignation, Verunsicherung – all das schwingt mit, wenn es ums Versagen geht. Ein Versager, eine Versagerin will niemand sein – und vor allem will niemand so genannt werden. Und doch sind wir mit dem Vorwurf des Versagens sehr schnell bei der Hand, wenn etwas nicht so gelaufen ist, wie wir es uns gewünscht hätten, wie wir es erwartet hätten. Bei uns selbst ebenso wie bei anderen auch. Wir nennen uns selbst Versagerinnen und Versager – und wir fällen über andere dieses Urteil. Von Versagern – und ich sage hier ganz bewusst nur die männliche Form – ist auch in der Passionsgeschichte immer wieder die Rede, von den ganz großen „Versagern“ Judas und Petrus, aber auch von den etwas kleineren wie Jakobus und Johannes. Eigentlich war auch ihre Aufgabe eine leichte: Nicht einschlafen! Mehr war es gar nicht. Sie sollten einfach nur wach bleiben und gemeinsam mit und für ihren Meister in seiner schwersten Stunde beten. Doch was so leicht klingt, dass gestaltet sich in der dunklen Wirklichkeit des Gartens Gethsemane als schwierig, ja als unmöglich. Kaum sind sie allein, da schlafen die beiden Jünger und Petrus auch schon tief und fest. Die Anspannung der letzten Tage, die aufreibenden und aufwühlenden Erlebnisse vom Einzug in Jerusalem bis zum gemeinsamen Mahl, sie fordern ihren Tribut. Die Enttäuschung ist dennoch groß, bei den Jüngern ebenso wie bei Jesus, der, getrieben von Angst und Zweifeln, wieder zu ihnen zurückkommt und sie schlafend vorfindet. Die Jünger sind an dieser kleinen Aufgabe gescheitert. Doch, anders als oftmals in unserem Leben, sie bekommen eine zweite Chance – und scheitern wieder. Und diesmal ist dieses zweite Scheitern noch beschämender, noch frustrierender. Nicht einmal das bekommen die drei hin, auch nicht im zweiten Anlauf. Das ist wirklich ein Versagen auf ganzer Linie, eine Niederlage, die in die Geschichte eingegangen ist. Der richtige Umgang mit dem Versagen – damals wie heute ein großes Problem. Die Jünger und wir Versagerinnen und Versager heute müssen damit klarkommen. Wir müssen es annehmen, dass wir etwas nicht geschafft haben, aus welchem Grund auch immer. Und zugleich dürfen wir es nicht zulassen, dass die Angst vor einem erneuten Versagen uns lähmt. Nur dann kann nach der Erfahrung, versagt zu haben, sich auch wieder das Gefühl einstellen, etwas zu schaffen. Und da tut es gut, wenn jemand mich nach meinem Scheitern in den Arm nimmt und mir neuen Mut zuspricht. Für die Jünger damals war das Einschlafen nicht die einzige Versagenserfahrung in dieser Nacht. Es sollten noch weitere folgen. Doch am Ende stand dennoch nicht das Gefühl totalen Scheiterns, sondern, so paradox es klingen mag, die Gewissheit nun alles, was kommen würde, schaffen zu können. Denn Jesus selbst ist seinen Jüngern wieder begegnet und er hat ihnen neuen Mut und die Kraft gegeben, mit ihrem Scheitern fertig zu werden und anzunehmen, dass gerade aus ihrem Versagen heraus etwas Neues, etwas Großes erwachsen ist; etwas, das uns bis heute helfen kann, auch mit unserem Versagen zu leben. So, wie Jesus die Jünger gerade in ihrem Scheitern angenommen hat, so ist er uns auch nahe und hilft uns auf, wenn wir unseren Aufgaben, unseren Zielen einmal nicht entsprechen, nicht gerecht werden können. Amen.

VERRAT Impuls in der Karwoche von Pfarrerin Jasmin Salzger (6.4.2020)

Liebe Gemeinde ,

das Klingen jeder der 30 Silbermünzen, die auf dem Boden aufschlägt, bringt die Erinnerung an das Unbegreifliche. den besten Freund, den Lehrer, den Meister hat er verraten an seine schlimmsten Feinde. Er ist schuld daran, wenn er jetzt leiden muss. Ja, mehr noch, wenn er jetzt sterben sollte, dann trägt er die Schuld daran. Und der Versuch, das alles wieder rückgängig zu machen, er ist gerade kläglich gescheitert. Davon künden die 30 Silbermünzen vor ihm auf dem Boden. Verrat, das ist wohl das Schlimmste, was einer Freundschaft passieren kann. Wenn ein Freund persönliche, vertrauliche und geheime Dinge an andere weitergibt und dadurch dem Freund Schaden zufügt, dann ist dies das Ende. Dann gibt es kein Zurück mehr. Und wer so etwas tut, der stellt damit auch alles, was vorher gewesen ist, in Frage. Wie kann es wirkliche Freundschaft gewesen sein, wenn am Ende der Verrat steht? Diese Zweifel kommen für den Verratenen noch zu dem Schaden, den der Verrat angerichtet hat, hinzu. Und wer so etwas einmal erlebt hat, der wird von nun an vorsichtiger sein, wen er oder sie Freund oder Freundin nennt. „Das habe ich nicht gewollt!“ Dieser Satz wird Judas Ischariot sicher immer wieder durch den Kopf geschossen sein, damals als er vor den Hohepriestern und Ältesten stand und ihnen das Geld im wörtlichen Sinne vor die Füße warf. „Das habe ich nicht gewollt!“ Aber was dann? Wie konnte Judas, einer der engsten Freunde Jesu, einer, der ihn auf seinem Weg begleitet hattet, der bei allem dabei gewesen war, einer, dem Jesus so sehr vertraute, dass er ihm die Kasse, den ganzen Besitz der kleinen Gemeinschaft anvertraute – wie konnte so jemand zum Verräter werden? Viel ist über die Beweggründe des Judas gerätselt worden. War es einfach nur Geldgier? Wollte der Schatzmeister der kleinen Gruppe um Jesus herum einfach nur immer mehr haben? Hatte er vielleicht sogar auch schon das ihm anvertraute Geld in die eigene Tasche gesteckt? Aber dann hätte er doch sicher die 30 Silbermünzen behalten. Oder war er vielleicht einfach nur enttäuscht von Jesus? Hatte er sich mehr von ihm erhofft? Vielleicht sogar die Befreiung von der Besetzung Israels durch die Römer? Manche denken sogar, dass Judas durch seinen Verrat Jesus endlich zum Handeln zwingen wollte. In der Gefahr für das eigene Leben musste Jesus sich doch endlich als der Messias, der Retter und Befreier Israels erweisen. Oder war Judas einfach nur eine Schachfigur in dem großen Plan Gottes, wenn auch eine wichtige? Und geschah das vielleicht sogar mit seiner ausdrücklichen Zustimmung? Immerhin, ohne ihn hätte es wohl keine Gefangennahme, keine Kreuzigung gegeben – und somit auch nicht die Rettung von uns allen. So gesehen könnten wir Judas sogar dankbar sein für seinen Verrat. Und er wäre vollkommen zu Unrecht zu dem sprichwörtlich gewordenen Verräter und Paradebeispiel für einen schlechten Menschen geworden. Was auch immer die Beweggründe des Judas gewesen sein mögen – wir wissen es nicht. Sicher ist nur, DASS er zum Verräter geworden ist und dass er letztendlich mit seinem Verrat nicht mehr leben wollte und konnte. Denn ihm war am Ende klar, dass es kein Zurück mehr gab. Jesus war in den Fängen seiner Feinde und sein Ende war eine beschlossene Sache. Daran änderten auch die 30 Silberstücke auf dem Boden vor den Hohepriestern und Ältesten nichts mehr. Und so stirbt Judas von der eigenen Hand – und seine letzten Gedanken dürften sich um diese eine Tat, den Verrat an Jesus, gedreht haben. Voller Reue, Scham, Verzweiflung nimmt Judas, der Freund und Verräter, sich das Leben. Und so erfüllt sich das, was Jesus ihm beim letzten Abendmahl mit den Jüngern vorhergesagt hatte: „Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“ Doch Judas ist nicht der einzige Freund, der in dieser Zeit von Gefangennahme und Kreuzigung Jesu die Freundschaft verrät. Da ist Petrus, der Jesus drei Mal verleugnet. Da sind die anderen Jünger, die Jesus in der Not einfach so im Stich lassen. Sie alle erweisen sich in dieser Situation nicht als Freunde. Doch sie alle bekommen eine zweite Chance. Sie alle werden Jesus wiedersehen. Sie werden wieder mit ihm reden können. Sie werden aus seinem Munde hören, dass er ihnen ihr Tun vergibt. Nur Judas nicht. Er wird das erlösende Wort der Vergebung nicht hören. Er wird nicht erfahren, dass Jesu Freundschaft auch dem gilt, der diese Freundschaft verraten hat – selbst ihm, dem größten Verräter, den die Menschheit kennt. Denn die Freundschaft Jesu ist stärker als selbst der schändlichste Verrat. Die Freundschaft Jesu, sie gilt denen, die ihn verleugnen, wenn es einmal schwierig wird. Sie gilt denen, die Reißaus nehmen, wenn es ungemütlich wird. Ja, sie gilt sogar denen, die ihn verraten. So war es damals, so ist es heute. Die Freundschaft Jesu – sie gilt uns! Amen.

Predigt von Pfarrerin Jasmin Salzger Palmsonntag (Mk 14, 3-9), 05.04.2020

Liebe Gemeinde, wer ist denn in Ihrer Familie heute der Palmesel geworden? Falls Sie diesen Brauch nicht kennen: Palmesel wird der- oder diejenige, die am Palmsonntag als letztes aus dem Bett kommt. Und deshalb gilt es am Palmsonntag morgen genau aufzupassen, wann die anderen in der Familie aufstehen. Besonders für die Kinder ist dies eine große Sache. Denn man will doch nicht für ein ganzes Jahr der Palmesel sein – und immer wieder damit aufgezogen werden. So läuft das in Familien ab, in denen dieser Brauch noch gekannt und gelebt wird. Also: auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an, insbesondere für Langschläfer. So lange wie möglich im Bett bleiben und dann genau zur richtigen Zeit aufstehen – das ist die Devise. Und wenn nur der Fuß den Boden berührt, bevor die Schwester oder der Bruder sich regt – das reicht schon. Es geht um den richtigen Zeitpunkt – und das nicht nur beim Palmesel. Wann soll ich meinen Rasen mähen, wann die Blumen einpflanzen, wann das Beet umgraben, wann die Sträucher und Bäume schneiden? Für alle großen und kleinen Gärtnerinnen und Gärtner sind das wohlbekannte Fragen, gerade auch jetzt im Frühling. Und wer den richtigen Zeitpunkt verpasst, der hat Pech gehabt. Dann gibt es eben in diesem Jahr keine Tomaten oder nicht die schönen Blumen, die sonst immer im Beet sind. Und was für den Garten gilt, gilt auch für unser ganzes Leben. Immer wieder müssen wir uns entscheiden, was wir gerade jetzt tun – und eben auch lassen sollen. Die Sache mag gut sein, doch es gibt den richtigen und den falschen Zeitpunkt. Und der will wohlüberlegt sein. Ein aktuelles Beispiel mag dies deutlich machen. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen Gesellschaft, brauchen Kontakt, möglichst den direkten Kontakt. Das ist einfach so. Doch gerade jetzt müssen wir uns fragen: „Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um sich zu treffen, um miteinander etwas zu unternehmen?“ Und die Antwort liegt in der aktuellen Situation klar auf der Hand: NEIN! Jetzt ist dafür der falsche Zeitpunkt, denn nun gilt es, Abstand zu halten von anderen, so weit wie nur möglich. Aber es ist auch der richtige Zeitpunkt. Jetzt ist es Zeit, andere Wege zu finden, auf denen wir miteinander Kontakt halten können. Immer mal wieder mit anderen über das Telefon sprechen. Mithilfe der vielfältigen Möglichkeiten des Internets miteinander in Kontakt treten. Oder einfach mal wieder die alte und doch zeitlose Form des Briefes. Warum nicht einfach mal wieder jemandem, den oder die man gerade nicht sehen kann, einen Brief schreiben? Dafür ist jetzt Zeit, die richtige Zeit! Und der oder die andere freut sich bestimmt darüber – und schreibt vielleicht sogar zurück. Auch von Jesus wird eine Geschichte erzählt, in der es um den richtigen – und den falschen Zeitpunkt geht. Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. Der Ärger der Jünger ist durchaus verständlich. Denn das Öl, das die Frau verwendet hat, war wirklich etwas ganz Besonderes. Auf heutige Verhältnisse umgerechnet müsste man dafür etwas 20000 Euro ausgeben, eine wirklich staatliche Summe! Was hätte man damit alles Gutes tun können? Wie vielen Bedürftigen hätte man damit das Notwendige zum Leben kaufen können? Wäre das nicht viel besser gewesen, als das Geld so zum Fenster heraus zu werfen? Das Öl, es mag ja für den Moment Jesus gutgetan haben, aber es verfliegt nach kurzer Zeit. Wie gesagt, der Ärger der Jünger ist verständlich. Und er ist auch heute immer mal wieder zu hören. Da soll eine Kirche für viel Geld renoviert oder sogar eine neue gebaut werden. Schnell ist da auch der Einwand zu hören: Was könnte man mit dem Geld nicht alles Gutes für die Armen tun? Und dieser Einwand, er erscheint berechtigt angesichts des Leidens, der Armut und der Not in der Welt und auch bei uns. Umso überraschender ist die Reaktion Jesu. Erwarten würde man doch, dass er den Jünger recht gibt – und vielleicht sogar die Frau ermahnt. Er, dem gerade auch die Menschen am Rand der Gesellschaft, die Ärmsten der Armen, am Herzen liegen – müsste er sich nicht geradezu empören angesichts einer solchen Verschwendung? Die Jünger hätten so eine Reaktion sicherlich erwartet. Eiskalt erwischt sie darum auch die tatsächliche Reaktion Jesu. Statt Bestätigung erfahren sie eine schroffe Zurückweisung. Nicht ihnen, sondern der Frau stärkt Jesus hier den Rücken. Ihr Verhalten heißt er ausdrücklich gut – und mehr noch, er hebt es ganz besonders hervor. Man wird sich an sie erinnern, überall auf der Welt und zu allen Zeiten, gerade weil sie dies getan hat. Indirekt schwingt da auch noch etwas anderes mit. Hätte sie sich so verhalten, wie die Jünger es gewollt hätten, hätte sie die riesige Summe den Armen gespendet, dann wäre sie vergessen. Dann würde heute, nach 2000 Jahren, niemand mehr ihre Geschichte kennen. Dann wäre sie eine von vielen anonymen Wohltäterinnen und Wohltätern geblieben, die es glücklicherweise in der Geschichte gegeben hat. Aber es kam anders – und so denken wir auch noch im Jahr 2020 an sie. Doch warum lobt Jesus die Frau ausdrücklich und hebt sie hervor? Die Antwort ist überraschend einfach. Sie hat den richtigen Zeitpunkt erkannt und die entsprechende Entscheidung getroffen. Jetzt war nicht die Zeit, um Armen zu helfen. Nun ging es nicht darum, für Bedürftige da zu sein. Nicht jetzt! Der aktuelle Moment erforderte etwas anderes. Jetzt war Jesus selbst da. Noch, denn die Zeit bis zu seiner Gefangennahme, seiner Kreuzigung, seinem Tod war nur noch kurz. Jetzt war die Zeit, um ihm etwas Gutes zu tun. Und dafür konnten keine Mühe zu groß, keine Kosten zu hoch sein. Das hat die Frau gespürt und danach hat sie gehandelt. Sie hat Jesus gesalbt, ihm damit etwas Gutes getan und zugleich hat sie damit auch schon das vorweg genommen, was ihn nun bald erwarten würde. Sie hat ihn für seinen Tod gesalbt. Den richtigen Zeitpunkt erkennen und danach handeln – darum geht in der Geschichte von der Frau und ihrem kostbaren Nardenöl. Leicht ist das nicht immer. Oft sind die Entscheidungen dafür oder dagegen wirklich schwierig. Entscheidungshilfen, klare Vorgaben, sie fehlen in vielen Fällen. Und das Naheliegende, das, was der gesunde Menschenverstand einem sagt, muss nicht immer auch in diesem einen Moment das Richtige sein. Deshalb gilt es immer wieder auch, mutig zu sein und seine Entscheidungen offensiv zu vertreten. Selbst wenn es dann immer auch wieder Widerstand und Kritik, ja Ärger und Wut gibt. Ich wünsche Ihnen allen die Kraft, die Einsicht und den Weitblick, um den richtigen Zeitpunkt, die richtige Handlung zur richtigen Zeit zu erkennen und danach zu handeln. Dazu möge Gott, der uns in Jesus Christus so unendlich nahe ist, uns leiten und führen. Amen. Gebet: Guter Gott, in Jesus Christus bist du zu den Menschen in Jerusalem gekommen. Du bist zu uns gekommen. Du warst ihnen unendlich nah; du bist uns unendlich nah. Dafür danken wir dir. Wir bitten dich: Lass uns, gerade jetzt in einer Zeit, in der Abstand und nicht Nähe das Gebot der Stunde ist, immer wieder deine Nähe spüren. Lass uns erfahren, dass wir nicht allein sind mit unseren Fragen, unseren Sorgen, unseren Ängsten. Sei du denen nahe, die sich für andere Menschen einsetzen, den Beschäftigten in den Krankenhäusern und Arztpraxen, die für die Kranken da sind, den Beschäftigten in den Supermärkten und Lebensmittelgeschäften, die uns alle mit dem Lebenswichtigen versorgen, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die an möglichen Heilmitteln forschen, den Politikerinnen und Politikern, die alles ihnen Mögliche tun, um die Krise einzudämmen, um uns zu schützen und um uns zugleich das Leben noch so angenehm wie möglich zu erhalten, den Nachbarinnen und Nachbarn, den Freundinnen und Freunde, den Verwandten, die für die Kranken zuhause und für die besonders Gefährdeten da sind, für sie einkaufen und einfach nur den Kontakt aufrechterhalten. Schenke du Ihnen Kraft, Mut und Zuversicht für ihre gerade jetzt so wichtige Arbeit. Sei du denen nahe, die selbst krank sind oder in Angst vor der Krankheit leben. Gib ihnen Halt und Trost. Lass sie neuen Mut schöpfen. Schenke ihnen die Kraft, die sie brauchen, um die Angst oder die Erkrankung zu überwinden. Sei du uns allen nahe, damit wir diese Zeit gemeinsam durchstehen. Gib, dass wir als Gesellschaft, als Menschheit eine neue Einigkeit, eine neue, bessere Gemeinschaft erfahren, die auch über die Krise hinausträgt und wächst. Dir vertrauen wir uns an, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Predigt von Pfarrerin Jasmin Salzger Sonntag Judika, 29.03.2020

Liebe Gemeinde, für andere da sein – bedingungslos, schutzlos, bis zur letzten Konsequenz. Das ist für viele Menschen heute zu einer bitteren Realität geworden. Bis zur völligen Erschöpfung, ohne Rücksicht auf die eigene Person und die eigenen Bedürfnisse, tragen Menschen in Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ihren Teil dazu bei, dass Menschen, die sich mit dem Corona-Virus infiziert haben, Hilfe bekommen. Und wenn Schutzmasken und -handschuhe ausgehen, dann geschieht dies oft sogar vollkommen schutzlos. Aber die Menschen wissen, dass sie gebraucht werden, dass andere auf sie angewiesen sind. Wissenschaftler forschen rund um die Uhr, um wirksame Medikamente zu entwickeln, die den Menschen helfen und die Krankheit besiegen können. Und auch an vielen anderen Stellen wird darüber nachgedacht, wie wir der Krise Herr werden können. Die unterschiedlichsten Maßnahmen werden von den unterschiedlichsten Stellen auf den Weg gebracht. Dass dabei nicht immer alles glatt läuft, dass dabei nicht immer jeder zufrieden ist, liegt in der Natur der Sache. Denn mit solch einer Krise waren wir noch nie konfrontiert. Doch eines steht bei all dem im Vordergrund, sozusagen als der Leitgedanke, der alles andere bestimmt: Das Wohl der anderen steht über allem. Für andere da sein – das geschieht auch in unserem unmittelbaren Umfeld. Eltern setzen alles daran, in dieser besonderen Situation für ihre Kinder da zu sein, um ihnen den jetzt so ganz anderen Alltag so angenehm wie möglich zu gestalten. Andere Dinge, die sonst wichtig und liebgewonnen sind, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche müssen oft jetzt einfach zurückstehen. Auch Eltern kommen dabei immer wieder an ihre eigenen Grenzen – und gehen darüber hinaus. Und noch andere Beispiele gibt es, direkt hier bei uns. Nachbarn übernehmen die Einkäufe für andere, die es im Moment nicht selbst tun können und sollen. Menschen erklären sich bereit, für andere, die sie vielleicht nie zuvor gesehen haben, mit denen sie niemals gesprochen haben, da zu sein und ihnen zu helfen. Für andere da sein – das ist tatsächlich das Motto dieser Zeit und ein Hoffnungsschimmer, der inmitten der Krise aufblitzt. Angesichts dieser enormen Anstrengungen, die Menschen auf sich nehmen, stellt sich die Frage: Woher nehmen sie bloß diese Kraft? Was motiviert sie dazu, sich jeden Tag neu dieser Herausforderung zu stellen? Die Antwort auf diese Frage ist gar nicht so einfach. Es gibt eine Reihe von unterschiedlichen Motivationen, die Menschen jetzt antreiben. Für manche ist es einfach das Pflichtbewusstsein, dass sie an dem Ort, an dem sie stehen, ihren Dienst zu tun haben. Für andere ist es ganz allgemein die Liebe zum anderen Menschen, die sie dazu bewegt, weiter zu machen. Oft ist es, wie z.B. in den Familien, auch ganz konkret die bedingungslose Liebe zu den geliebten Menschen, die uns immer weiter machen lässt. Andere wiederum denken sich: Wenn ich in dieser Lage wäre, würde ich mir auch wünschen, dass andere für mich da sind. Und deshalb tue ich es!“ Und vielen ist es vielleicht gar nicht klar, warum sie sich mit allem, was sie haben, gerade jetzt einbringen, ja warum sie sich „aufopfern“. Für uns als Christen gibt es noch eine andere Motivation, an die wir – jedes Jahr und in diesem Jahr ganz besonders – denken und uns erinnern. Im Predigttext aus dem Hebräerbrief, der für diesen Sonntag vorgegeben ist, heißt es: Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebr 13, 12-14) Für andere da sein – bedingungslos, schutzlos, bis zur letzten Konsequenz. In der Passionszeit erinnern wir uns an den Leidensweg Jesu Christi. Von einem seiner besten Freunde verraten, von all seinen Freunden verlassen, von seinem engsten Freund verleumdet, verhaftet, immer wieder verhört, misshandelt, gefoltert und dann getötet – diesen Weg ist Jesus gegangen. Und er nahm all dies auf sich in der Gewissheit, dass er es für andere Menschen – für alle anderen Menschen und auch für uns – getan hat. Immer wieder hätte er sich zurückziehen können, um für sich selbst und seine Sicherheit zu sorgen. Gelegenheiten gab es genug. Doch er blieb konsequent dabei, bis zur letzten Konsequenz, dem Kreuz. Denn er wusste, wofür er dies alles auf sich nahm – für uns und für alle Menschen. Er hat erlebt, am eigenen Leib erfahren, was es heißt, sich aufzuopfern. Für andere da sein – bedingungslos, schutzlos, bis zur letzten Konsequenz. Für den Verfasser des Hebräerbriefes ist klar: Als Christen sollen wir uns Jesus und seinen Weg zum Vorbild nehmen. Wir sollen ihm „nachfolgen“ Doch was das genau bedeutet, das hängt von der konkreten Situation ab, in der wir stehen. Wenn wir als Christen jetzt in der Corona-Krise für andere da sind, dann ist das Nachfolge Jesu Christi. Dann eifern wir seinem Vorbild nach. Und in welcher Weise das genau erfolgt, das hängt von einem jeden, einer jeden von uns ab. Nachfolge Jesu in dieser Zeit betrifft Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Politiker und Politikerinnen. Und es betriff jede und jeden von uns. Für andere da sein – das kann das Gespräch von Fenster zu Fenster oder auch per Telefon, Skype, Whatsapp sein, der Einkauf für die Nachbarin, das Gassi-Gehen mit dem Hund. Das sind nur einige der Möglichkeiten, die sich jetzt bieten. Und auch, einmal NICHT da sein, kann bedeuten, für andere da zu sein. Wenn wir die Einschränkungen, von denen wir jetzt betroffen sind, als das ernstnehmen, was sie sind, nämlich Schutzmaßnahmen gerade auch für andere, auch dann folgen wir in einer ganz bestimmten Art und Weise Jesus nach. Sich Jesus zum Vorbild nehmen, das heißt, sich ganz auf das einlassen, was jetzt geboten ist: Schutz der anderen Menschen – und damit aber auch Schutz für sich selbst. Aber egal, worin genau unser Für-Andere-Dasein besteht, immer dürfen wir uns darauf verlassen, dass wir damit nicht allein sind. Jesus Christus ist den Weg schlimmsten Leidens allein gegangen. Er hat erfahren, was es heißt, sich „aufzuopfern“. Und deshalb dürfen wir darauf vertrauen, dass wir nicht allein diesen Weg gehen. Er, der selbst gelitten hat bis zum Tod am Kreuz, er will bei uns sein, wenn wir ihm nachfolgen. Er geht mit uns, egal, wie unser Weg genau aussieht. Zu ihm dürfen wir, gerade jetzt, mit all unseren Sorgen, unseren Ängsten kommen. Und das kann und soll uns Mut machen, um diesen Weg durch die Krise weiter zu gehen. Denn diese Krise wird nicht das letzte Wort behalten. Es ist, um den Hebräerbrief noch einmal aufzunehmen, nicht die bleibende Stadt, in der wir uns wohl oder übel einrichten müssen. Nein, wir sind und bleiben auf dem Weg. Und dieser Weg führt uns zu Gott, auch durch diese Krise hindurch. Und nicht zuletzt trägt uns dabei die Gewissheit, dass nach der Passion, dem Leiden immer auch wieder Ostern, die Auferstehung, kommt. Amen.