Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis von Pfarrerin Jasmin Salzger (19.07.2020)

Liebe Gemeinde,

warum gerade wir? Das fragten sich die Menschen im alten Israel vor fast 3000 Jahren. Unter allen Völkern der damaligen Zeit gehörte das Volk Israel zu den am wenigsten bedeutenden. Bodenschätze, die Wohlstand und Reichtum zuerst für die Spitzen der Gesellschaft, dann aber auch für das gesamten Volk bedeutet hätten, fehlten. Israel lag auch nicht an einer der großen Karawanenstraßen, so dass es vom Fernhandel zwischen den beiden großen Wirtschaftsräumen Ägypten und dem Zweistromland auf dem Gebiet des heutigen Iran hätte profitieren können. Und auch als politische und militärische Macht spielte das Land am Jordan im Konzert der Großen nur eine ganz kleine Geige. Klein, unbedeutend, ja vielleicht sogar wertlos – so müssen sich die Menschen im alten Israel gefühlt haben. Und für die Zeitgenossen war eines ganz klar: Wer so klein, so unbedeutend, ja so wertlos ist, der ist auch noch von allen Göttern verlassen. Kein Gott hätte es zugelassen, dass ein Volk, mit dem er sich verbunden fühlte, so machtlos und schwach war. Ja, mehr noch, kein Gott würde ein solches, schwaches und kleines Land überhaupt für sich erwählen. Jedenfalls sollte man das denken. Also, warum dennoch wir? Denn da war diese ganz andere Erfahrung, von der die alten Überlieferungen und Schriften des Volkes berichteten. Geschichten, die davon sprachen, dass Gott selbst genau dieses Volk auserwählt hat, damit es sein Eigentum sein würde. Erzählungen von wundersamen Rettungen und davon, dass Gott selbst sein Volk geführt hat bis in das Land, dass er den Vorvätern der Israeliten als Besitz versprochen hatte. Und verbunden waren diese großartigen Taten Gottes mit ebenso großen Anforderungen an das Volk. Und so blieb die Frage im Raum: Warum gerade wir? Warum gerade das Volk Israel? Und man versuchte, darauf eine Antwort zu finden.

Im 5. Buch Mose lesen wir im 7. Kapitel: Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat. (5. Mose 7, 6-12)

Die Antwort ist doch ein wenig überraschend. Nicht obwohl das Volk Israel das kleinste unter den Völkern ist, sondern weil es das Kleinste ist, darum hat Gott es auserwählt. Gerade das Kleine! Gegen alles, was man erwarten würde, hat Gott genau dieses Volk zu seinem heiligen Volk, seinem Eigentum erwählt. Große Eroberungen, monumentale Bauwerke, beeindruckende technische Errungenschaften, Fortschritte in der sozialen Entwicklung der Gesellschaft – alles das spielt als Faktor für die Erwählung nicht die geringste Rolle. Es gibt nur einen einzigen Grund, warum Gott genau dieses Volk unter allen Völkern auserwählt hat. Und das ist die Liebe und die Treue Gottes. In seiner unendlichen Liebe hat Gott sich mit diesem Volk verbunden und in seiner unverbrüchlichen Treue hält er an diesem Bund fest. Einen rational nachvollziehbaren Grund gibt es dafür nicht. Wie viel leichter wäre es, das zu lieben, das für alle auf den ersten Blick liebenswert erscheint, ein großes und starkes Volk. Doch Gott liebt gerade das Kleine und Schwache. Deshalb wählt er Israel als sein heiliges Volk aus. Deshalb wählt er David, den Hirtenjungen und Jüngsten unter seinen Brüdern aus, um König über ganz Israel zu werden. Der Prophet Jeremia verweist auf seine Jugend und seine fehlende Erfahrung – und Gott schickt ihn dennoch als Prophet in einer schwierigen Zeit zu seinem Volk. Am Anfang steht immer die Erwählung aus Liebe, aus reiner Liebe und ohne Vorbedingungen. Und dann folgt, eng damit verbunden, immer ein besonderer Auftrag an den oder die Erwählten. Das Volk Israel soll die Gebote Gottes einhalten. Der König David soll gerecht und weise das Volk regieren; der Prophet Jeremia dem Volk den Willen Gottes verkündigen. Auf große, vorbehaltlose Liebe folgt ein großer Auftrag. Am 6. Sonntag nach Trinitatis erinnern wir uns an unsere eigene Taufe und denken darüber nach, was die Taufe für uns in unserem Leben bedeutet hat und bedeutet. Die Taufe, insbesondere die Taufe von kleinen Kindern, sie ist sichtbares Zeichen für Gottes vorbehaltlose, bedingungslose Liebe zu uns Menschen. Kleine Kinder können keine Vorleistungen vollbringen, sie sind vielmehr in all ihrer Verletzlichkeit auf die bedingungslose Liebe angewiesen, die ihnen die Eltern und die Familie entgegenbringen. In der Taufe spricht Gott selbst, der gerade das Kleine liebt, dem kleinen Kind seine Liebe zu. Und erst später folgt dann auf diese Liebe der besondere Auftrag, im Geiste dieser Liebe dem Nächsten zu begegnen und sein Leben auf Gottes Wort und seine Gebote hin auszurichten. Durch die Taufe gewinnen wir Anteil am Heiligen Volk Gottes und werden somit eingegliedert in die Gemeinschaft der Heiligen, wie es im Glaubensbekenntnis heißt. Gott liebt gerade das Kleine! Gott liebt uns!

Amen.

Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis von Pfarrerin Salzger (12.7.2020)

Liebe Gemeinde,

warum gibt es uns eigentlich? Ich meine nicht, warum es Sie als Personen, warum es mich als Person auf der Welt gibt. Dafür gibt es, da bin ich sicher, wirklich gute Gründe. Nein, in der Frage geht es um uns hier, um uns als Kirche. Warum gibt es heute nach 2000 Jahren immer noch die Kirche? 2019 sorgte eine Studie der Universität Freiburg für Aufsehen. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass 2060 nur noch halb so viele Menschen den christlichen Kirchen in Deutschland angehören werden wie heute. Und angesichts der aktuellen Krise mit den damit verbundenen Schließungen von Kirchen und Gemeindehäusern kann man sich fragen, ob die Menschen unsere Angebote überhaupt vermisst haben, ob sie gemerkt haben, dass etwas gefehlt hat oder noch immer fehlt, ob sie die alternativen Angebote, seien sie digital im Internet oder analog in Form von Mutmachkarten, gedruckten Texten und Predigten, überhaupt genutzt haben. Da bietet sich insgesamt ein höchst unterschiedliches Bild, das von völligem Desinteresse an jeglichem kirchlichen Angebot bis hin zu großer Freude an neuen Ideen und an der Rückkehr zu traditionellen Veranstaltungen reicht. Deshalb noch einmal die Frage: Warum gibt es heute noch die Kirche? Der Evangelist Lukas erzählt hierzu eine kleine Geschichte:

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. (Lk. 5, 1-11).

„Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Am Ende dieser wunderbaren, ja unglaublichen Geschichte steht diese Feststellung Jesu. Und sie ist nichts anderes als der feste, unumstößliche Auftrag an Petrus und die anderen, die sich von nun an Jünger nennen werden. Menschen fangen – Menschenfischer – zugegebenermaßen eine etwas merkwürdige Vorstellung. Denn mit „Fangen“ ist, besonders im Zusammenhang mit der Fischerei, ja nicht gerade etwas Positives verbunden. Wer ins Netz gegangen ist, den erwartet kein angenehmes Schicksal, sondern der Kochtopf, der Grill oder die Pfanne. Und darum will sich auch kein Fisch gerne einfangen lassen. Und was für die Tiere gilt, das gilt dann doch in noch größerem Maße für die Menschen. Niemand wird gerne gefangen. Und der Satz „Da ist jemand ins Netz gegangen.“ meint nichts anders als „Da ist jemand erwischt worden, den z.B. die Polizei schon lange gejagt hat.“ Nein, für den, der gefangen wird, ist das keine angenehme Sache. Und dennoch ist da der Auftrag Jesu, Menschenfischer zu werden. Doch das Bild vom Fischzug, es hat nicht nur negative Aspekte. Ein erfolgreicher Fischzug bedeutet Auskommen, Nahrung und Leben für die Menschen, die von der Fischerei direkt oder indirekt leben. Und so freut sich der Fischer über jeden Fisch, der ihm ins Netz gegangen ist. Und er wird sich nach Kräften bemühen, so viel Erfolg wie möglich zu haben. Nur wer die richtigen Fischgründe kennt, wer genau weiß, wann die Fische am Besten beißen, wer mit seinen eigenen Kräften richtig haushält, wird am Ende den großen Fang mit in den Hafen bringen. Doch eine Garantie gibt es nicht. Menschen zu fangen ist darum auch eine unglaublich große und bisweilen auch schwierige Aufgabe. Das mussten Petrus und die anderen Jünger von nun an auf ihrem Weg mit Jesus immer wieder erfahren. Längst nicht alle Menschen gingen ihnen ins Netz, so sehr sie sich auch anstrengten. Sie erfuhren Ablehnung, ja Feindschaft oder auch nur totales Desinteresse und Unverständnis. Und auch bei denen, die sie sicher in ihrem Netz zu haben glaubten, gab es keine Sicherheit. Mancher sprang auch einfach wieder hinaus und war nach kurzer Zeit verschwunden. Doch die Jünger haben nicht aufgegeben. Sie ließen sich nicht entmutigen, auch nicht durch Rückschläge. Denn sie hatten den Auftrag Jesu, Menschenfischer zu werden, ganz tief verinnerlicht und sie fühlten sich an ihn gebunden. Und da war noch etwas – und war das Entscheidende. Anders als den Fischern auf dem See ging es ihnen vor allem um die Menschen, die ihnen „ins Netz gingen“. Sie wollten sie für das gewinnen, was für sie selbst zum Inhalt, zum Halt und zum Grund ihres ganzen Lebens geworden war, nämlich für Jesus und seine Botschaft von der Liebe Gottes, die allen Menschen gilt. Für die Jünger damals war eines ganz klar: Das, was wir den Menschen zu sagen haben, was wir ihnen bringen, das sollen alle Menschen erfahren. Denn es ist für sie in einem umfassenden Sinne wirklich lebensnotwendig. Zu wissen, dass Gott mich mit all meinen Stärken und meinem Schwächen ohne Vorbehalt und bedingungslos liebt, das kann mein Leben verändern, das kann mir Halt geben und Zuversicht, auch wenn es in meinem Leben einmal nicht so gut läuft. Diese lebensverändernde und lebenswichtige Botschaft und der Auftrag Jesu, Menschenfischer zu werden und alle Menschen für Gott zu gewinnen, dies beides trieb die Jünger an, immer weiter ihren Weg zu gehen, auch wenn er oft beschwerlich, steinig, ja manchmal sogar schier unüberwindlich war. Und daran hat sich in den letzten 2000 Jahren nichts geändert. Die Bedeutung Jesu und seiner Botschaft, sie ist heute so aktuell wie damals. Den Auftrag Jesu haben die Jünger weitergegeben an alle, die ihnen nachfolgten, an uns Christen bis auf den heutigen Tag. Und deshalb gilt: Wir haben Jesu Auftrag, allen Menschen seine lebendigmachende, lebensnotwendige Botschaft zu bringen, in unserem Leben als einzelne Christin und als einziger Christ und ebenso im Reden und Handeln unserer Gemeinde und unserer Kirche. Deshalb gibt es auch heute noch Kirche und es wird sie, davon bin ich überzeugt, auch durch alle Krisen hindurch weiterhin geben. Aber noch etwas anderes können wir aus der Geschichte vom ungewöhnlichen, wunderbaren Fischzug am See Genezareth lernen. Simon, Jakobus, Johannes und die anderen waren allesamt erfahrene Fischer. Sie kannten den See wie ihre Westentasche. Sie hatten ihr Handwerk gelernt und wussten genau, wann und wo sie ihre Netze auswerfen mussten, um einen guten Fang zu erzielen. Und auch den ein oder anderen Trick hatten sie sicherlich drauf, wenn es einmal nicht so direkt gut lief. Doch an diesem einen Tag hatte all das nichts genutzt. Sie hatten alles, wirklich alles ausprobiert, doch es war vergeblich. Erst als sie auf Raten Jesu hin die gewohnten Bahnen verließen und sich auf Neues, Ungewohntes, ja auf den ersten Blick Widersinniges einließen, da stellte sich der Erfolg ein – und er war wirklich außergewöhnlich und wunderbar. Auch darin können die Jünger für uns als Kirche ein Vorbild sein. Wenn wir wirklich im Sinne Jesu Menschenfischer sein wollen, dann müssen wir bereit sein, gewohnte Wege zu verlassen und Neues zu wagen. Ohne immer gleich das Altbewerte aufzugeben, ist es wichtig, dafür offen zu sein, unsere Netze auch einmal ganz anders, zu anderen Zeiten und mit anderen Methoden auszuwerfen, ja vielleicht sogar einmal das Netz zu wechseln. Gerade die letzte Zeit hat dazu geführt, dass in der Kirche viel erprobt wurde und insbesondere ein neues Netz, das Internet, ausgeworfen wurde. Und auch wenn der Fang nicht immer so wunderbar und ausgewöhnlich war, wie damals am See Genezareth, so hat es sich doch gelohnt, solche neuen Wege zu gehen. So, wie die Jünger nicht alles, was ihnen als Fischer vertraut war, über Bord geworfen und nur auf das Neue gesetzt haben, und dennoch zugleich für das Neue offen waren, so lautet das Motto für uns als Kirche: Das Gute und Bewährte behaltet und seid offen für neue, ungewohnte Wege zu den Menschen! Und bei all dem können wir darauf vertrauen, dass Gott diesen Weg mit uns geht. Denn er hat uns diese Botschaft geschenkt, die allen Menschen gilt und die für alle Leben bedeutet, die Botschaft seiner Liebe zu uns. Warum gibt es uns als Kirche? Genau deshalb! Amen.

Predigt 4.Sonntag nach Triniatis von Pfarrerin Jasmin Salzger 05.07.2020

Liebe Gemeinde, wer mag es schon, ermahnt zu werden? Die Antwort auf diese Frage, sie liegt klar auf der Hand. Niemand! Das fängt schon früh an. Schon den Kindern werden die Ermahnungen und Aufforderungen von Eltern, Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern schon bald lästig und sie reagieren ganz unterschiedlich, um sich ihnen zu entziehen. Dabei reicht das Spektrum vom nicht ernst gemeinten „Ja, ja, mach ich!“ bis zum kompletten Weghören und Ignorieren. Und auch wir als Erwachsene lassen uns nicht gerne ermahnen. Von den Eltern nicht, für die wir immer, egal wie alt wir sind, doch ihre Kinder bleiben. Von Vorgesetzten im Beruf nicht und von den Kolleginnen und Kollegen noch viel weniger. Niemand mag Ermahnungen. Doch genau das tut der Apostel Paulus in jedem seiner Briefe an die neu entstandenen christlichen Gemeinden; er ermahnt sie. Kein Paulusbrief ohne einen mehr oder minder langen Abschnitt, in dem er die Christen in der Gemeinde zu einem bestimmten Verhalten auffordert. Auch der Brief an die Gemeinde in Rom stellt da keine Ausnahme dar. Im 12. Kapitel stellt Paulus gleich eine ganze Liste von Aufforderungen und Ermahnungen auf. Wir hören die Verse 17 bis 21: Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Röm. 12, 17-21) Was haben die Christen in Rom wohl gedacht, als sie das zum ersten Mal gehört bzw. gelesen haben? Verwunderung, ja vielleicht sogar eine kleine Verärgerung könnten aufgekommen sein. Wie konnte Paulus, ein Fremder, den sie nicht persönlich kannten und der von ihnen auch noch nicht viel wissen konnte, es sich herausnehmen, sie zu ermahnen, ihnen sozusagen Vorschriften zu machen? Und was waren das überhaupt für Ermahnungen? Wer sollte diesen Katalog erfüllen können? Das war doch wirklich zu viel verlangt. Ich bin mir sicher, dass beim ersten Lesen auch viel Unverständnis, ja Ablehnung mitschwang. Vielleicht ging es Ihnen, liebe Gemeinde, ja auch so, als Sie diesen Text gerade gehört haben. Bei manchen Aussagen haben Sie innerlich genickt, bei anderen aber möglicherweise umso heftiger den Kopf geschüttelt. Aber sehen wir uns die einzelnen Aufforderungen einmal genauer an. Tut niemandem etwas Böses, auch dann nicht, wenn euer Gegenüber schlecht an euch handelt. Das ist oft leichter gesagt als getan. Denn der Wunsch ist stark, es dem anderen heim zu zahlen, was er mir angetan hat. „Das bekommst du zurück“, so denken wir dann vielleicht. Und auch, wenn man einen Film schaut, wünscht man sich, dass der Bösewicht irgendwie am Ende nicht ungeschoren davonkommt, sondern dass es ihm am Besten mit gleicher Münze heimgezahlt wird. Von daher ist diese erste Aufforderung des Paulus wirklich eine Zumutung. Und auch die weiteren Ermahnungen des Paulus haben es in sich. Jedem anderen nur Gutes zu tun, mit jedem Frieden zu haben, das fällt schwer. Vielleicht kommt Ihnen bei diesen Aufforderungen Ihr Nachbar in den Sinn, mit dem Sie seit Jahren, vielleicht seit Jahrzehnten im Dauerclinch liegen. Vielleicht ist es Ihre Hecke, die seiner Meinung nach immer wieder viel zu hoch ist, die für Sie aber als Sichtschutz wichtig ist. Vielleicht sind es die Äste seines Kirschbaums, die über den Zaun auf Ihr Grundstücks ragen, weshalb Sie sich in jedem Herbst über das viele Laub ärgern und bei jedem Rasenmähen aufpassen müssen, dass Sie sich nicht den Kopf stoßen. Vielleicht sind es Geschwister, mit denen Sie seit Jahren kein Wort mehr sprechen oder wenn, dann nur noch schriftlich oder am Besten über den Anwalt. Mit ihnen wieder Frieden zu haben – undenkbar! Was verlangt Paulus da bloß von uns? Ein wenig sieht es so aus, als sollte man als Christin und Christen immer nachgeben, zurückstecken und dem Anderen den Vortritt lassen. Ich halte Frieden – und der andere setzt sich durch. Ich verzichte auf Vergeltung – und der andere macht ungestraft weiter. Ich tue Gutes – und der andere setzt seinem bösen Verhalten immer noch eins drauf und es wird für mich schlimmer und schlimmer. Mit dieser Aussage werden wir Paulus nicht gerecht. So meint er es nicht. Es steckt mehr dahinter als die Aufforderung: Sei als Christ allzeit lieb, nett, friedfertig und verzichte auf deine eigenen Interessen. Tatsächlich verfolgt Paulus mit seinen Ermahnungen eine ganze bestimmte Strategie. Es geht ihn um Deeskalation. Wenn ich auf das Böse, was mir widerfährt, immer mit etwas Bösem antworte, dann entsteht schnell eine regelrechte Spirale der bösen Taten, die sich immer schneller dreht. Und die Qualität des Bösen nimmt von Tat zu Tat immer weiter zu. Wenn aber die an sich nachvollziehbare Reaktion ausbleibt, wenn auf das Böse nicht wieder Böses folgt, wird diese Spirale durchbrochen. Vielleicht nicht sofort und nicht komplett, aber im Laufe der Zeit kann es geschehen. Und Paulus geht in seiner Strategie noch einen wesentlichen Schritt weiter. Der Verzicht auf die eigene, an sich vielleicht sogar angemessene Reaktion ist nur die eine Seite. Paulus mutet uns noch mehr zu. Ich soll auf das Böse nicht nur nicht mit einem eigenen schlechten Verhalten reagieren, sondern meinerseits sogar meinem Widersacher etwas Gutes tun. Das ist in der Tat eine Zumutung. Stellen Sie sich einmal vor, was passieren würde, wenn Sie Ihrem Nachbarn statt eines Rechtsanwaltsschreibens mit einer Unterlassungsklage einen selbstgebackenen Kuchen über den Zaun reichen würden. Wahrscheinlich würde er direkt wieder auf Ihrem Grundstück landen, hingeworfen und abgelehnt. Und die Worte, die mein Nachbar damit verbinden würde, wären sicherlich auch alles andere als nett. Genau das würde passieren. Oder etwa nicht? „Ja, vielleicht schon, zumindest zu Anfang“, so würde Paulus vielleicht darauf reagieren, „aber warte doch einfach einmal ab und hab Geduld!“ Die Strategie des Paulus ist eine längerfristige. „Überwinde das Böse mit Gutem!“ Auf diesen Satz laufen seine Ermahnungen hinaus. Wenn ich meinem Widersacher statt Bösem Gutes tue, dann wird das im Laufe der Zeit Früchte tragen. Davon ist Paulus überzeugt. Am Anfang kann mein Gegner das vielleicht noch ignorieren und weitermachen. Aber irgendwann muss er das Gute, das ich ihm immer wieder tue, doch wahrnehmen. Paulus gebraucht hierfür das Bild der glühenden Kohlen auf dem Kopf des anderen. Und dann wird sich seine Reaktion möglicherweise verändern. Und so kann dadurch, dass ich darauf verzichte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und stattdessen meinem Gegenüber Gutes tue, das Böse überwunden werden. Aber funktioniert das wirklich, fragt sich jetzt vielleicht manche und mancher von Ihnen. Eine Garantie dafür, dass diese Strategie in jedem Fall aufgeht, gibt es nicht. Aber der Versuch lohnt sich. Und es gibt Beispiele in der Geschichte, die dafür Mut machen. Mahatma Ghandis gewaltfreier Widerstand gegen die britische Besatzungsmacht führte zur Unabhängigkeit Indiens. Die friedlichen Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Orten führten zum Ende der DDR-Diktatur. Das sind Beispiele dafür, dass Menschen sich nicht auf die Spirale des bösen Handelns eingelassen, sondern Böses durch Gutes überwunden haben. Vielleicht versuchen auch Sie einmal in den kleinen und großen Streitigkeiten in ihrem Leben. Und dann machen Sie möglicherweise die Erfahrung, dass Ihr gutes Tun das Böse überwindet. Amen.

Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis von Prädikantin Katja Möhle-Stöhr 28.06.2020

„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.“ (Micha 7, 18-20)

So, liebe Gemeinde, geht das Buch des Propheten Micha zu Ende. Mit einem wunderbaren Lobgesang auf Gott. Erstaunlich. Nach allem, was wir von dem Propheten Micha und seiner Zeit wissen, sollte es eigentlich gar nicht gut ausgehen. Er hat den Mächtigen, Großen und Reichen gehörig die Leviten gelesen. Und das war nötig. Denn sie hatten sich erdreistet, den einfachen Leuten ihre Häuser wegzunehmen und die Bewohner zu verjagen. Die Kaufleute und Händler benutzten falsche Maße und gefälschte Gewichte und betrogen die Leute nach Strich und Faden. Die Richter fällten ihre Urteile gegen Schmiergeld. Sie waren durch und durch korrupt. Und genauso die Propheten. Sie redeten dem gut zu, der ihnen was in die Tasche steckte. Und alle zusammen setzten dem noch die Krone drauf und sagten: Was kann uns schon passieren. Gott ist ja mit uns. Micha hat im Auftrag Gottes ein furchtbares Strafgericht angedroht: Eure Stadt wird ein Trümmerhaufen werden, das Land zur Wüste und die Bewohner werden in die Fremde verschleppt werden. Es kam so. Und das Heulen war laut und lang. Viele Menschen waren in der Katastrophe umgekommen. Ein großer Klagegesang müsste eigentlich am Ende stehen: Herr, du hast uns bestraft für alles, was wir angerichtet haben. Wir sind am Ende. Wir sind ja nur der klägliche Rest. Es ist alles trostlos. Vielen war sicherlich zum Klagen zumute. Stattdessen aber stimmen sie am Schluss diesen über-wältigenden Lobgesang an: »Wo ist ein Gott, wie du es bist!« Wie kann das zugehen? Ein ganzes Menschenalter war vergangen seit der Katastrophe. Die meisten, die sie verursacht haben, waren bereits verstorben in der Fremde. Und viele, die nichts dafür konnten, die nur Opfer des Unrechts waren, auch. 1000 Kilometer von der Heimat entfernt. Auch der Prophet Micha war lange tot. Aber seine Worte waren noch da. Manche von den Rückkehrern hatten sie im Reisegepäck. Ein schmales Bündel von Blättern. Sie beschlossen, dieses Büchlein jetzt neu herauszugeben. Oder vielmehr das erste Mal. Denn früher durfte es gar nicht verbreitet werden. Es war nur im Untergrund zugänglich für Eingeweihte. Sie wollten es aber jetzt zum ersten Mal allen zugänglich machen. Jeder sollte wissen, wie es zu der Katastrophe gekommen war, und auch, dass da eine Stimme war, die gewarnt hatte und das Unglück vorhergesagt hatte. Bevor sie es aber verbreiteten, schrieben sie noch ein Nachwort. Sie schrieben diesen Lobgesang des unvergleichlichen Gottes auf die letzte Seite. Unseren heutigen Predigttext. Gott liebt die Güte und er hält die Treue. Und er setzt seine ganze Kraft ein, um die Verfehlungen fortzutragen, auf seinen Schultern. Mit kräftigen Schritten tritt er das ganze Dornengestrüpp, das aus dem falschen Leben gewuchert ist, zu Boden. Und zuletzt wirft er alles Schändliche, alle Falschheit und allen Betrug ins Meer. So tut Gott. Er ist einzigartig, darum: Wo ist ein Gott wie du? Da ist kein Laut von Strafen drin, auch keine Bitte um Verschonung. Einfach nur Lob des guten, des unvergleichlichen Gottes. Das war mutig, nach allem was geschehen war, Gott so zu besingen. Er ist nur gut. Er straft nicht. Er zerstört nicht. Und auch wenn nur noch ein Rest seines Volkes übrig ist, so bewahrt er ihn. Es war mutig, jetzt nicht die Klage über Gottes Strafen und die Bitten um Vergebung anzustimmen. Es ist für uns ungewohnt, den strafenden, den zornigen Gott mal außen vor zu lassen. Auch der Prophet Micha ging ganz selbstverständlich davon aus, dass Gott das schändliche Treiben der Oberen in Israel furchtbar bestrafen wird. Die weisen Menschen, die dieses Nachwort zum Micha-Buch verfasst haben, die dachten anders. Sie hatten ein tiefes Verständnis von der menschlichen Natur. Sie wussten: Wer Angst hat vor dem zornigen, strafenden Gott, der wird Mittel und Wege finden, seine Vergehen kleinzureden, zu vertuschen, die Schuld auf andere abzuschieben, und wenn sie dann ganz klein geworden ist, dann kann man sie ja ein bisschen zugeben, denn so ganz schlimm wird es dann ja nicht sein mit der Strafe. Es ist wie bei fußballspielenden Kindern. Wenn eine Scheibe kaputtgegangen ist, dann kommt das alles: Ich war’s nicht. Die anderen haben viel öfter auf dieses Fenster geschossen. Der hat mich gerempelt und dann konnte ich nicht gut zielen. Auch Polizisten und Richter erleben dieses Spiel in ihrem Berufsalltag. Und wer sich gut rausgeredet hat, lacht sich ins Fäustchen und macht grade so weiter. Doch wer sich ein Herz fasst und anfängt, den Gott der Güte liebt, über alles zu loben, der kann gar nicht anders, als die Nähe zu diesem Gott zu suchen. Er wird alles tun, was ihm möglich ist, um diese Güte zu erfahren. Und er wird alles unterlassen, womit er sich entfernen würde von dieser Treue. Und so, wie sie dieses Gotteslob verfasst haben, wird klar: Gott bleibt sich treu. Er liebt die Güte. Er geht seinen Weg. Es sind wir Menschen, die allzu oft einander das Leben zur Hölle machen – im Großen Tag für Tag dort, wo Krieg geführt wird, und im Kleinen manchmal auch. Wir können froh und dankbar sein, dass jene uns unbekannten weisen Menschen sich ein Herz gefasst haben, und in einer schweren Zeit ihren ziemlich verzweifelten und verzagten Mitmenschen dieses Gotteslob geschenkt haben. Amen.

Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis von Pfarrerin Salzger 21.6.2020

Liebe Gemeinde,

„Ich bin richtig urlaubsreif!“ Vielleicht geht es Ihnen im Moment gerade so. Wer arbeitet, sei es im Beruf, sei es zu Hause in der Familie, braucht immer mal wieder eine Auszeit. Und für viele Menschen ist die Urlaubszeit der Höhepunkt des ganzen Jahres. Es ist die Zeit, auf die die Menschen sich schon lange freuen und nach der sie sich sehnen. Daher beginnen die Planungen hierfür schon viele Wochen und Monate vorher, frei nach dem alten Fußballermotto „Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub“. Und das ist auch verständlich, denn schließlich soll der wohlverdiente Urlaub ja auch wirklich die schönste Zeit des Jahres werden. Denn „wohlverdient“, das ist er in der Tat. Denn wenn man viel arbeitet, dann braucht man auch immer wieder eine Ruhepause. Schließlich ist der Mensch keine Maschine. Vor dem Urlaub, da ist unser innerer Akku irgendwie so richtig leer und es fehlt immer mehr die Kraft, um die anstehenden Aufgaben gut zu bewältigen. Und wenn es dann endlich soweit ist, wenn ich zum letzten Mal die Tür zu meiner Arbeitsstätte geschlossen habe, wenn zu Hause die Wohnung auf Vordermann gebracht ist, die Koffer gepackt sind und wenn dann der Urlaubsort endlich erreicht ist, dann ist es Zeit, zur Ruhe zu kommen. Und das tut dann richtig gut. Einmal wirklich die Seele baumeln lassen. Einmal sich nicht über die nächsten Aufgaben im Büro Gedanken machen müssen. Einmal nicht selbst dafür zuständig sein, dass das Essen rechtzeitig auf dem Tisch steht und die Wohnung in Ordnung ist. Sich einfach einmal bedienen lassen und den Beruf Beruf sein lassen. Vielleicht einmal ein gutes Buch lesen, was schon lange zu Hause ungelesen im Regal stand. Und einfach mal ausschlafen. Das tut gut. So langsam kriecht die Anzeige, die den Ladezustand des persönlichen Akkus anzeigt, wieder nach oben. Doch wie das so ist, gerade wenn man sich an die freie Zeit gewöhnt hat, wenn man so richtig am Urlaubsort angekommen ist, dann ist schon wieder Schluss und es geht zurück nach Hause, zurück in den gewohnten Alltag. Schon sehr bald beginnt sich der Akku wieder zu entleeren. Und schon kurz nach dem Urlaub fühlen sich manche Menschen vielleicht schon wieder urlaubsreif. Aber das geht ja nicht. Niemand hat so viel Urlaub, dass er oder sie schon nach einer kurzen Arbeitsphase wieder eine Auszeit nehmen kann. Wie aber dann neue Kraft tanken? Wie dann dafür sorgen, dass der innere Akku nicht ganz schnell auf Null zurückgeht? Diese Frage beschäftigt uns gerade auch in diesem Jahr in besonderer Weise. Die Pfingstferien, für viele hier bei uns ja die Hauptreisezeit, musste in diesem Jahr mehr oder weniger ausfallen. Die beliebten Reiseziele der Vergangenheit waren noch geschlossen, die Auflagen an den schon geöffneten Orten so streng, dass die ganze Urlaubsfreude wohl auf der Strecke geblieben wäre. Und was mit dem Sommerurlaub werden wird, weiß man jetzt auch noch nicht so genau, auch wenn die Zeichen im Moment ja auf Lockerung stehen. Wie soll man in so einer Situation seinen inneren Akku wieder aufladen? Und dann noch verhindern, dass er sich nach der Auszeit wieder schnell entlädt? Vielleicht kann uns da der Predigttext für den heutigen 2. Sonntag nach Trinitatis weiterhelfen.

Im Matthäusevangelium im 11. Kapitel heißt es: Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Mt. 11, 25-30) Ja, es gibt wirklich allen Grund dazu, Gott von ganzem Herzen zu loben; dafür nämlich, dass wir alle das verstehen können, was Jesus uns zu sagen hat. Es ist keine theologische Geheimwissenschaft. Seine Botschaft ist nicht nur denen verständlich, die sich ihr ganzes Leben lang mit dem kompletten Repertoire an wissenschaftlichen Methoden damit auseinandersetzen. Ja, mehr noch, manchmal versperrt die Perspektive der Wissenschaftlerin sogar den Blick auf das Wesentliche. Vielleicht, weil die Botschaft Jesu einfach sein will, klar und verständlich – und das für alle Menschen, ohne Ausnahme. Was Jesus zu sagen hat, will er allen Menschen sagen – und deshalb darf es keine Hürden oder Mauern geben, die das Verstehen verhindern. Und diese Botschaft Jesu, sie gilt gerade auch allen, die für ihr Leben Erholung, Auszeit und Entspannung suchen. Mit anderen Worten, es geht hier tatsächlich um eine ganz besondere Form von Urlaub. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Mühselig und beladen – diese Beschreibung passt letztendlich auf uns alle. Denn es geht hier nicht nur um diejenigen, die durch die Last ihres Lebens niedergedrückt werden, durch Schicksalsschläge schwer getroffen wurden. Auch die ganz normale Last des Alltags und der Arbeit sind hier gemeint, eben alles, was uns belastet. Mit all dem dürfen wir zu Gott kommen und Gott selbst will für uns die Kraftquelle sein, an der wir unsere Kraft wieder aufladen können. Wohlgemerkt, es geht hier nicht darum, dass Gott uns alle Lasten einfach so von den Schultern nimmt. Vielmehr ist von einem Joch die Rede, das wir auf uns nehmen sollen. Die Belastungen unseres Lebens sind real, sie sind da – und sie bleiben es auch. Doch Gott gibt uns die Kraft dazu, sie zu tragen. Er schenkt uns die Ruhe, die wir immer wieder brauchen, um dann mit neuer Kraft die Aufgaben, die vor uns liegen, anzupacken. Und so werden dann auch das Joch und die Last leicht. Gott selbst gibt uns die Kraft. Oder mit anderen Worten: Bei Gott selbst können wir immer wieder Urlaub machen, um zu Kräften zu kommen. Eine mutmachende Vorstellung ist dies, aber sie hat einen kleinen Schönheitsfehler! Urlaub bei Gott, wie kann ich mir das vorstellen? Stellen sie sich einmal vor, Sie ständen am Bahnhof am Fahrkartenschalter in der Schlange. Vor Ihnen steht ein Mann. Jetzt ist er an der Reihe. Mehr zufällig bekommen Sie mit, was er zu der Frau am Fahrkartenschalter sagt: „Guten Tag, ich möchte bitte eine Fahrkarte kaufen.“ „Gerne, und wohin soll die Reise gehen?“ „Ach, gar nicht weit, nur zu Gott. Wissen Sie, ich bin nämlich so richtig urlaubsreif. Da wird mir ein Urlaub bei Gott so richtig guttun.“ Ich bin mir sicher, dass das Erstaunen, ja das Unverständnis bei der Frau am Schalter und auch bei allen Umstehenden groß wäre. Wo soll das denn sein, ein Urlaubsort bei Gott? Eine Fahrkarte in den Urlaub bei Gott, die kann man nicht kaufen. Dieses Reiseziel findet sich in keinem Reiseführer und keinem Fahrplan. So einfach geht es nicht und doch denke ich, dass es möglich, ja sogar einfach ist. Ganz anders zwar als ein normaler Urlaub nach Österreich oder Italien und auch weder mit dem Fahrrad, dem Auto, der Bahn oder dem Flugzeug, doch es ist möglich. Die Wege in den Urlaub bei Gott sind höchst unterschiedlich und individuell. Jede und jeder kann einen anderen Weg in seinen oder ihren Urlaub bei Gott nehmen. Hier nur ein paar Beispiele. Die eine findet dadurch Ruhe, dass sie einfach durch einen Wald spazieren geht. In Gottes Schöpfung kann man Ruhe finden. Für den anderen ist es die Beschäftigung mit der Bibel. Im Wort Gottes Erholung für die Seele finden! Oder aber die Ruhe und Stille in einer Kirche. Bestimmt haben Sie das auch schon einmal erlebt. Da ist man den ganzen Tag in Hektik einer Innenstadt, vielleicht in Esslingen oder Stuttgart, unterwegs gewesen. Vielleicht sogar noch kurz vor Weihnachten auf der Suche nach den letzten Geschenken. Die ganze Hektik, das Gehetze, die Unruhe sind kaum noch auszuhalten. Mehr zufällig führt der Weg in eine Kirche. Und dann geschieht es. Sobald sich die Türflügel hinter Ihnen geschlossen haben, da sind Sie wie in einer anderen Welt. Die ganze Hektik und Unruhe bleiben draußen. Endlich einmal durchatmen. Urlaub bei Gott sozusagen bei ihm zu Hause, in seinem Wohnzimmer. Die Urlaubsorte bei Gott können für jede und jeden ganz verschieden sein. Sie müssen sich nur auf die Suche machen, um den für Sie idealen Urlaubsort bei Gott zu finden. Und wenn Sie ihn gefunden haben, dann können Sie immer dorthin zurückkehren. Denn eins ist sicher: ausgebucht sind diese Urlaubsorte nie! Es gibt immer noch ein Plätzchen, weil unser Platz bei Gott schon immer gebucht ist. Wir haben sozusagen schon von Geburt an eine lebenslange Dauerkarte all inklusive für unseren persönlichen Urlaub bei Gott. Und diese besondere Urlaubsreise zu Gott können wir jederzeit antreten; trotz aller aktuellen Beschränkungen, die den sonstigen Urlaub erschweren, und auch dann, wenn wir unsere normalen Urlaubstage längst verbraucht haben oder wieder voll im Alltag gefangen sind. Sein Versprechen und seine Zusage gelten – mitten in Arbeit und Alltag: „Kommt her zu mir alle, die mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Und in diesem Sinne wünsche ich uns immer wieder "schöne Ferien bei Gott", wo und wie auch immer Ihr persönlicher Urlaubsort bei Gott sein mag.

Amen.

Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis von Prädikantin Angelika Rist 14.6.2020

Liebe Gemeinde,

Hören wir zunächst den Predigttext für den heutigen Sonntag Ich lese aus der Apostelgeschichte im Kapitel 4 ( 32 ) "Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam“.

Liebe Gemeinde! Erinnern Sie sich noch, bei welcher Gelegenheit Sie zuletzt den schönen Ausdruck „ein Herz und eine Seele“ verwendet haben? Wen oder was mag diese Redensart treffend charakterisieren? • Vielleicht gute Freunde, die sich bestens verstehen und in ihrer Freizeit vieles gemeinsam unternehmen. • Ein Ehepaar im Herbst des Lebens, das die Wechselfälle des Alltags miteinander gemeistert hat. • Eine harmonische Familie, in der niemand sich aufspielt und jeder als Mensch geachtet und akzeptiert wird, so wie er ist. Unsere Sehnsucht richtet sich auf ein wohlgeordnetes Familienleben, ein herzlich-aufrichtiges Einvernehmen im Freundeskreis, ein friedvolles Miteinander in Staat, Kirche und Gesellschaft. Denken wir eine Weile darüber nach, so wird uns wohl deutlich, wie selten Menschen tatsächlich füreinander da und miteinander wahrhaft in herzlicher Freundschaft und aufrichtiger Liebe verbunden, wie selten Menschen „ein Herz und eine Seele“ sind. Dieser Idealzustand, von dem in der Apostelgeschichte berichtet wird, erscheint uns als Idyll, als schöner, aber weltfremder Traum. Als alltäglich empfunden wird heute doch viel eher, soziale Kälte, in allen Bereichen der Gesellschaft, sogar in der Familie. Einstmals festgefügte Bande scheinen gelöst, die Ordnung aufgehoben. Der verstorbene Bischof Johannes Dyba formulierte zugespitzt, wir seien eine Gesellschaft von alternden Egoisten. Vielleicht verstehen wir tatsächlich diese Wendung aus der Apostelgeschichte so, als ob in ihr ausgedrückt ist, wie es heute unter den Menschen gerade nicht zugeht. Dann enthielte eine beliebte Fernsehserie namens: „Ein Herz und eine Seele“ aus den frühen siebziger Jahren weit mehr als ein Gran Wahrheit. Einvernehmlich ging es dort wahrlich nicht zu. Der vom Schauspieler „Heinz Schubert“ gespielte Vater, bekannt als „Ekel Alfred“, herrschte in einer satirisch dargestellten spießbürgerlichen Familie als stets im Recht sich wähnender Despot der kleinen Dinge. Vater, Mutter und die Kinder waren alles andere als: „Ein Herz und eine Seele“. Sieht es nicht heute genauso aus? Hören wir nicht tagtäglich von Krisen in der Partnerschaft, von Eheleuten, die sich nichts mehr zu sagen haben, von zerrütteten Familien, von unausgetragenen Konflikten, und hasserfülltem Streit zwischen den Generationen? Hören wir nicht täglich davon – und sieht es oft bei uns und um uns nicht auch so aus? In der eigenen Familie, aber auch im Gemeinwesen, das von Treulosigkeit und Affären nachhaltig erschüttert ist, in der Arbeitswelt, in der ein rauher Umgangston gepflegt, „Teamgeist“ gepredigt, aber „Mobbing“ praktiziert wird? In politischen Parteien, in Vereinen und Verbänden, in denen aus einem vertrauensvollen Miteinander ein misstrauisches Gegeneinander der Menschen geworden ist? Nachdem wir uns all dies vergegenwärtigt haben, lesen wir erneut denselben Satz in der Apostelgeschichte: „Die Gemeinschaften der ersten Christen waren ein Herz und eine Seele.“ Für uns ist das schwer vorstellbar. Bildete die Urkirche, wirklich eine so vollkommene Gemeinschaft? Stellte sie einen Vorgeschmack auf den verheißenen neuen Himmel, ein Paradies schon hier auf Erden dar? Dann hätte sich vieles verändert. Mit der Kirche von heute verhält es sich doch ganz anders. Wer allerdings die Briefe des Apostels Paulus an die Gemeinden der ersten Christen liest, gewinnt nicht den Eindruck, dass es in ihnen idyllisch oder gar paradiesisch zugegangen ist. Auch dort gab es Missstimmungen, Streit, verletzte Eitelkeiten, Neid, Schadenfreude und Bosheit. Die Apostel ermahnen die Gläubigen so nachdrücklich, wie nachhaltig und das nicht selten. Sie wurden gewiss nicht immer herzlich bei ihren Besuchen empfangen. Trotz alledem heißt es, dass die Gemeinden der ersten Christen „ein Herz und eine Seele“ waren. Wenn nicht ein idyllischer Zustand, der damals wie heute in der Wirklichkeit nicht bestanden hat, beschrieben wird, was könnte diese Wendung dann bedeuten? Ich glaube nicht, dass es hier und heute in den Gemeinden, unter den Menschen viel anders aussieht, als in der Welt der ersten Christen. Die Apostel reisten von Ort zu Ort und waren mit den Problemen bestens vertraut. Auch sie wurden nicht immer mit offenen Armen empfangen. Kaum eine Gemeinde, früher wie heute, würde von sich sagen, dass es in ihr zugeht, als ob alle „ein Herz und eine Seele“ wären. Sie verwiesen auf schier unüberbrückbare Differenzen, die untereinander bestünden, auf lange schon schwelende Konflikte. Bis heute sorgen Probleme verschiedener Art: • für erregte Diskussionen auf dem Kirchplatz, • für engagierte Auseinandersetzungen im Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand. Nur mühsam beruhigen sich die Gemüter wieder. Vielfach bleiben Spuren und Verwundungen zurück. Nicht selten droht in diesen Konflikten das wirklich Wichtige aus dem Blick zu geraten. Vergleichbares mag es auch in den frühchristlichen Gemeinden gegeben haben. Damals wie heute, würden die Gemeinden von sich sagen: „Ein Herz und eine Seele, wir wären es gerne! Aber seid realistisch, wir sind es nicht!“ Dann machten die Gläubigen auf die Probleme aufmerksam, die sie miteinander haben, auf strittige Themen und Konflikte, ausgetragene wie verborgene… In dieser Situation wagt jemand, von diesen Christen zu behaupten: „Seht, wie sie einander lieben!“ Dieses Wort beschrieb die Gemeinschaften der ersten Christen. Wenn das jemand über uns sagen würde, wollten wir da nicht entgegnen: „Das kann doch nicht wahr sein! Die sind ja wie mit Blindheit geschlagen…“ Worauf würden uns wohl die Apostel aufmerksam machen, wenn wir ihnen die Fragen und Probleme, die uns bewegen, schilderten? Ich könnte mir das auf folgende Weise vorstellen: Seht ihr nicht, wie ihr einander liebt? • Liebe meint doch nicht, dass man Diskussionen aus dem Weg geht und so tut, alles sei in bester Ordnung. • Liebe meint doch nicht, dass niemand sich mehr traut, zu sagen, was er denkt, nur um des vermeintlich „lieben Friedens“ willen. • Einander zuhören, auch einander zu widersprechen, ohne den Respekt und die Achtung voreinander zu verlieren, bedeutet, den Mitmenschen ernstzunehmen, ihn lieben. Seht ihr denn nicht, wie ihr einander liebt? Das heißt doch: • Seht ihr denn nicht, wie ihr miteinander feiert und arbeitet, wie ihr miteinander traurig und fröhlich seid? • Seht ihr denn nicht, wie ihr, bei allem, was euch voneinander trennt, immer noch aufeinander zugeht und es weiter miteinander versuchen wollt? • Seht ihr denn nicht, wie ihr euch bemüht, einander zu verstehen und versucht, neu anzufangen? • Seht ihr denn nicht, dass ihr einander trotz allem nicht aufgegeben, nicht verloren gegeben habt? Und schließlich: Vergesst nicht, dass Gott die Menschen nicht verloren gegeben hat, ganz gleich, wie sehr sie sich von ihm abwendeten. Er hat euch angenommen, als Menschen, mit Gaben und Können, mit Fehlern und Schwächen. Nehmt einander an, so wie Gott euch annimmt – und dient ihm mit Freuden, jeder nach seinen Möglichkeiten, jeder an seinem Platz. Er trägt und hält uns, in Gelingen und Scheitern, und liebt uns, so wie wir sind, das ganze Leben hindurch. Und erwartet von der Kirche nicht, dass sie schon der Himmel ist, den sie erst verkündet. Schaut auf Jesus Christus und nicht auf euch. Er ist das Zentrum des Glaubens, der Herr der Kirche, der Mittelpunkt der Gemeinde. Bestärkt euch im Glauben an ihn! Betet miteinander! Feiert gemeinsam Gottesdienst! Teilt eure Freude und euer Leid mit anderen! Und verliert ihn in allem, was ihr tut, nicht aus dem Blick. Richtet euch immer wieder neu an Christus aus. Seid einig in dem, worauf alles ankommt und wovon alles abhängt, im Glauben, im Hoffen und in der Liebe – denn so seid ihr „ein Herz und eine Seele“. „Die Gemeinschaft der Gläubigen war ein Herz und eine Seele.“ – nicht idyllisch, sondern, wie heute, reich an Zwistigkeiten und Konflikten, aber erfüllt von einer Liebe im christlichen Sinne: Die Gläubigen versuchten es immer wieder miteinander, und sie waren von der Einigkeit in Glaube, Hoffnung und Liebe erfüllt. Auch heute scheinen die Spannungen übermächtig zu sein und Konflikte alles zu überdecken: • In der Kirche – die Kontroverse zwischen Bewahrern und Erneuerern. • In der Familie – der Streit der Generationen. • Im Berufsleben – der fortschreitende Wandel der Arbeitswelt. Wenn wir heute – in Kirche und Welt, in der Politik und im täglichen Leben – von den ersten Christen lernen wollen, wäre es gut, immer wieder neu und vielleicht auch immer öfter auf das zu schauen, was uns verbindet. Dann mag es uns wahrhaftig gelingen, im Glauben, Hoffen und Lieben einig und mit Gott und den Menschen um uns „ein Herz und eine Seele“ zu sein. Im Bekenntnis zu Jesus Christus waren sie – in ihm, sind wir alle miteinander verbunden. Den frühen Christen gab diese fundamentale Einigkeit, Kraft für den Alltag. Wenn wir uns dies neu bewusst machen, werden wir vielleicht wahrhaftig ein Wunder erleben und tatsächlich spüren, dass wir „ein Herz und eine Seele“ sind. Amen

 

 

Vorlage zur Predigt: Dr. Thorsten Paprotny, überarbeitet von Angelika Rist.

Gesegnet sein – Predigt zum Sonntag Trinitatis von Prädikant Martin Strauß 7.06.2020

Liebe Gemeinde,

Gottesdienste sind ja zurzeit nur eingeschränkt möglich - in der Anzahl der Personen und auch zeitlich begrenzt. Wenn Sie zu entscheiden hätten, was würden Sie kürzen - die Lieder, die Gebete, die Predigt? Worauf möchten Sie am Wenigsten im Gottesdienst verzichten? Was ist uns Gottesdienstbesuchern am Wichtigsten? Eine gute Quizfrage. Es hat auch damit zu tun, was Pfarrer am meisten fürchten. Es ist der Segen! Etliche haben den schon versemmelt. Am Ende jedes Gottesdienstes steht der Segen. Ein alter Mann, der kaum mehr etwas hörte, wurde einmal gefragt, warum er denn in den Gottesdienst komme. Er antwortete: »Es ist der Segen!«. „An Gottes Segen ist alles gelegen“, das wissen wir Christen! Darauf wollen wir auf keinen Fall verzichten. Menschen wollen gesegnet sein. Der priesterliche Segen Gottes ist heute unser Thema. Er steht in 4. Mose 6,22-27: Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. Was ist Gottes Segen, was bewirkt er, wem gilt er? Gottes Segen – was ist das? Wir reden, wenn wir genau hinhören, oft von ihm. »Viel Glück und viel Segen« wünschen wir zum Geburtstag. »Herr segne dieses Haus«, steht über mancher Eingangstür. »Gesegnete Mahlzeit« sagen manche. Erst recht in der Kirche gehört er wie selbstverständlich dazu. Ein Brautpaar möchte den Segen über ihrer Ehe. Bei der Taufe werden Kinder gesegnet. Schon im Schöpfungsbericht der Bibel kommt er vor: Gott segnet die Tiere, dann die Menschen, dann den Sabbat. Was er geschaffen hat, soll weiter gedeihen, Gottes Kraft soll weiterwirken. Bei den Erzvätern im Alten Testament sehen wir: Gott erwählt und segnet Menschen, den Abraham, den Isaak und den Jakob. Gott beauftragt sie und gibt ihnen in ihren Lebensbereichen ein gutes Gelingen. Sichere Zeiten, Reichtum an Heil, Weisheit und Klugheit, so sagt es Jesaja 33,5. All das ist Segen, gute Wirkung Gottes für mein Leben. Aus den Erzvätern wurde das Volk Israel, und da geschieht nun etwas Wichtiges. Kurz bevor das Volk nach dem Bundesschluss am Sinai wieder aufbricht, befiehlt Gott dem Aaron, dem Bruder des Mose und dem ersten Priester Israels: Jetzt sollst du das ganze Volk segnen, und du sollst es immer wieder tun, und nach dir sollen es alle Priester so tun. Da beginnt eine 3.000 Jahre lange Reihe. Seitdem beenden diese Segensworte den jüdischen Gottesdienst – damals im Tempel und bis heute in der Synagoge. Martin Luther selbst war es, der diesen Segen Aarons wieder in die Gottesdienstordnung aufgenommen hat. Woche für Woche praktizieren wir so eine jüdisch-christliche Gemeinsamkeit, wenn wir ihn sprechen und empfangen – den Segen, diese Worte „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir“. Das leuchtende Angesicht Gottes steht in der Mitte des Segens. Stellen Sie sich einmal einen großen Scheinwerfer vor. In der Dunkelheit leuchtet er auf. Unter diesem Licht ist es hell. Es wärmt und hellt die Gesichter der Menschen auf. Wenn nun zugesprochen wird: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir“, dann gleicht dieses Leuchten Gottes einem Lichtkegel. Gesegnet sein heißt dann: Ich lebe unter dem Lichtkegel Gottes. In diesem Licht sieht vieles anders aus. Wenn Gott mich hell und freundlich ansieht, kann ich mich selbst und auch andere Menschen wieder heller, barmherziger ansehen, weil Gott gnädig ist. Als gesegneter Mensch bist du nicht vergessen, auch wenn du dich allein fühlst mit deiner Krankheit oder den Fragen, die sonst kein Mensch kennt. Unter dem Angesicht Gottes bist du gesegneter als du ahnst und geliebter als du denkst. Gute Gedanken habe ich über dich, „Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich Euch gebe Zukunft und Hoffnung“, so sagt es der Herr seinem Volk. (Jer. 29,11). Ein armer Bauer hat es so praktiziert: Täglich sitzt er 1 Std. in einer kleinen Kapelle vor dem Kreuz Jesu. Da kommt ein Spaziergänger vorbei, sieht ihn und geht weiter. Nach 1 Stunde kommt der Wanderer zurück. Der Bauer sitzt immer noch in der Kapelle. Er spricht ihn an: „Du hast aber viel zu beichten“. Darauf sagt der Bauer: „Nein, ich sehe nur ihn (Jesus) an und - er sieht mich an.“ Sich Gottes leuchtendem Angesicht aussetzen, auf Jesus sehen und sich lieben lassen. Da bekommen Sorgen ein anderes Gesicht. Was aus meiner Perspektive dunkel wirkt, das wird, wenn Gottes Angesicht darüber leuchtet, verändert. Ich muss mich dann nicht in Sorgen oder Vorwürfen gegen mich und andere Menschen quälen. Im Segen schenkt Gott Frieden, Schalom, ein Zum-Frieden-kommen mit Gott und mit mir selbst und dann auch wo immer möglich mit anderen Menschen. So können wir auch die anderen Zeilen verstehen. Der Herr behüte dich. Juden tragen im Gottesdienst eine Kopfbedeckung. Fromme Juden haben sie immer aufgesetzt, ihre »Kippa«. Die Kippa ist jene runde kleine Kopfbedeckung, die aussieht wie eine Hand auf den Kopf gelegt. Zeichenhaft für die segnende Hand Gottes. Er behüte dich. Du sollst leben unter des Herrn Hut. »Herrnhut« haben sie ihren Ort genannt, die Leute der Brüdergemeine in der sächsischen Lausitz, wo die Losungen herkommen. Sie wollten damit sagen: »Wir und unser ganzer Ort Herrnhut – wir sind in des Herren Obhut, von Gott selber behütet.« Er behüte dich: wie gut sind Menschen dran, die so glauben und leben können, auch in ihren Ängsten und Befürchtungen. Er segne. Das deutsche Wort segnen kommt vom lateinischen „signare“. „Signieren“ hat dieselbe Wurzel: Etwas „mit einem Zeichen versehen“ - dem Kreuzeszeichen. Als Christen sind wir mit dem Kreuz gekennzeichnet. Wir gehören ihm. Gott sorgt für uns und niemand kann uns aus seiner Hand reißen. Segnen heißt dann, sich und sein Gegenüber in den Wirkungskreis dieses Zeichens stellen – also unter das Kreuz Jesu. Martin Luther sagte einmal: »Des Morgens, so du aus dem Bette fährest, sollst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und beten.« Bei den Katholiken bekreuzigt man sich heute noch. Eine gute Tradition! Sich selbst oder den Mitmenschen beim Segnen unter das Kreuz stellen, bedeutet: Er sei dir gnädig! Jesus ist Gottes Segen in Person. Mit seinem Kreuz und der Auferstehung hat Gott der Welt seine Signatur gegeben: Gott ist in Jesus dir gnädig, ob du arm bist oder reich, schwarz oder weiß, mehr oder weniger begabt, stark oder schwach. Unter diesem Zeichen des Kreuzes kannst du leben, auch als schuldbeladener Mensch wiederaufleben und zum Segen werden. Signare, signieren – das Gegenteil davon ist das Resignieren. Das müssen wir nie mehr, denn wir sind Gesegnete in Jesus Christus. Egal, was in unserm Leben passiert, Jesus ist unser Begleiter, und er bringt uns schon an sein Ziel. Gesegnet sein heißt auch: Du bist nicht verloren, auch wenn dein Erfolg ausbleibt und du dich schwach fühlst. Du musst kein erfolgreicher Mensch sein, um ein Gesegneter zu sein. Merkmale des Segens sind nicht Erfolg, Wohlstand, Gesundheit oder Ansehen. Sonst wäre Jesus nicht gesegnet gewesen. Es sind nicht die äußerlichen Dinge, die zählen. Überlegen wir mal, wen wir für einen gesegneten Menschen halten. Sind es die, die alles haben, denen alles gelingt? Oder sind es die, die trotz aller Schwierigkeiten an ihrem Gott festhalten, wie z.B. ein Hiob, ein Samuel Koch oder die Frau, die sich so treu um ihren behinderten Sohn kümmert und dabei doch froh geblieben ist. Segen heißt nicht reich, sondern selig werden! Segen bedeutet, in Gottes Gegenwart leben, sich behütet und geführt wissen, begnadigt und befriedet sein, Festhalten an ihm, auch wenn das Leben schwer ist, darauf vertrauen, dass Er es recht mit mir macht und mich zu sich nach Hause bringt. Auf zweierlei kommt es nun zum Schluss noch an: 1. Den Segen empfangen Wer unter einem Lichtkegel steht, kann sich dem Licht zuwenden, dann wird das eigene Gesicht hell, oder sich abwenden, dann wird es dunkel. Gott zwingt niemand unter den Lichtkegel seines Segens. Er lässt es sogar zu, dass viele sich abwenden und irgendwelchen Irrlichtern folgen. Gott will, dass wir den Segen wählen. Er möchte eine Beziehung zu dir und zu mir, sich mit unsrem Leben verbinden. Segen empfangen heißt dann, es zulassen, dass Gottes Licht in mein Leben leuchtet darf, auch in die wunden Stellen, die leidvollen oder schuldbeladenen. Segen empfangen heißt dann: „Ja mein Gott, behüte mich, sei mir gnädig und gib mir den Frieden, den nur du geben kannst“. 2. Den Segen weitergeben. Nicht alle Christen werden Pfarrer, aber alle sind Segensträger und dazu berufen, Gottes Segen weiterzugeben, etwa an den Ehepartner oder die Kinder. Manche Eltern sprechen Ihnen ein Segenswort zu, wenn sie aus dem Hause gehen. Oder auch den Menschen in der Stille segnen, der einem so furchtbar auf die Nerven geht. „Segnet, die euch verfluchen“, hat Jesus gesagt. Jemanden segnen heißt: Ich breite den Lichtkegel des Angesichtes Gottes bis zu diesem Menschen aus. Über ihm soll Gottes liebendes, vergebendes freundliches Angesicht leuchten. Auch über ihm soll gelten: „Der Herr segne dich und er behüte dich.“ Sie werden sich wundern, was geschieht, wenn Sie das praktizieren. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht. Was wäre wichtiger, als dass Gottes Segen sich ausbreitet? Darum lassen Sie sich segnen und werden sie zum Segen. Amen!

Vorlage zur Predigt: Prälat i.R. Ulrich Mack, Filderstadt; überarbeitet und ergänzt von Prädikant Martin Strauß, Aichwald

Meine Grenzen überwinden – Predigt zum Pfingstsonntag von Pfarrerin Jasmin Salzger 31.05.2020 mit musikalischem Vor- und Nachspiel von Christoph Salzger

Liebe Gemeinde,

wir feiern heute einen Geburtstag, den Geburtstag unserer Kirche. Es ist nicht das Jubiläum des Baus unserer Auferstehungskirche; sondern am heutigen Pfingstsonntag erinnern wir uns daran, wie es mit der christlichen Kirche insgesamt angefangen hat. Und dieser Anfang, er war ein ständiges Auf und Ab. Und lange Zeit sah es für die Beteiligten überhaupt nicht so aus, als ob aus all dem wirklich etwas Neues entstehen könnte. Da war zunächst der absolute Tiefpunkt gewesen, der Tod Jesu am Kreuz von Golgatha. Für seine Jünger schien das Ende aller ihrer Hoffnungen erreicht zu sein. Aus, vorbei! Doch dann schlug es wie ein Blitz in die Dunkelheit ihrer Gedanken ein: Jesus lebt! Er ist auferstanden und hat den Tod überwunden! Aus der tiefsten Verzweiflung des Karfreitags wurde die überschwängliche und scheinbar durch nichts zu trübende Osterfreude. Die Begegnung mit dem Auferstandenen ließ alle Hoffnung wieder aufblühen. Doch auch diese Phase währte nicht lange. Jesus war nicht länger bei ihnen. Und an die Stelle der Osterfreude trat das Gefühl der Verlassenheit angesichts der Himmelfahrt. Und es gab keine Aussicht darauf, dass sich dieser Zustand überhaupt wieder ändern würde. Doch dann das: Ich lese aus der Apostelgeschichte im 2. Kapitel:

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? […] Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins. Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): „Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. […]“

Welch eine Wandlung der Ereignisse! Hätte man die Jünger, hätte man Petrus vor diesem Pfingsttag gesagt, was geschehen würde, sie hätten es niemals geglaubt. Einfach so das sichere Haus verlassen und in aller Öffentlichkeit den Menschen von Jesus erzählen? Und das nicht nur in der eigenen Sprache, sondern in vielen anderen Sprachen? Das hätten Petrus, Jakobus, Johannes und all die anderen nicht für möglich gehalten. Und auch die Menschen um sie herum hätten ihnen dieses Verhalten, diesen Mut und diese Begeisterung nun, nachdem Jesus von ihnen gegangen war, sicherlich nicht zugetraut. Vorher, in der Freude und dem Enthusiasmus von Ostern – ja, da vielleicht, aber nicht jetzt mehr. Denn dazu bräuchte es doch so viel, vor allem aber die Anwesenheit dessen, um den es ging und der der Inhalt und Kraftquelle der Verkündigung war. Doch er, Jesus, war nicht mehr unter ihnen. Liebe Gemeinde, bestimmt kennen Sie das auch. Da ist diese Aufgabe, vor der Sie plötzlich stehen; etwas, das Sie eigentlich tun müssten oder sogar tun wollen. Doch Ihnen fehlt der Mut, fehlt die Kraft, fehlt das Vertrauen in Ihre eigenen Fähigkeiten. Daher denken Sie sich und sagen es vielleicht sogar: „Das kann ich nicht! Damit bin ich überfordert!“ Und auch die Menschen in Ihrer Umgebung trauen es ihnen nicht zu und raten ihnen vielleicht sogar dringend davon ab, es zu versuchen. Und dann lassen Sie es lieber sein. Doch wie anders hätte es werden können, wenn da jemand gewesen wäre, der es anders sieht und der Ihnen etwas zutraut! Vielleicht wären Sie über sich hinausgewachsen, hätten Ihre eigenen Grenzen hinter sich gelassen und neue Wege und Perspektiven hätten sich Ihnen aufgetan. Wenn da jemand gewesen wäre! Da ist das Kind in der Schule. Mathematik war noch nie seine Leidenschaft und seine Stärke. Und nun steht es vor dieser einen, schwierigen Aufgabe und droht wieder an ihr zu scheitern – und zu verzweifeln. Was würde passieren, wenn in dieser Situation jemand neben ihm stände, der ihm mit vollster Überzeugung sagte: „Ich glaube an dich! Du schaffst das!“ Vielleicht würde das Kind über seinen Schatten springen und es versuchen. Und vielleicht würde es ihm tatsächlich gelingen, die schwierige Aufgabe zu lösen und daraus dann neue Kraft schöpfen für den zukünftigen Mathematikunterricht. Vielleicht – denn eine Garantie gibt es natürlich nicht. Aber es könnte sein, weil jemand anderes an das Kind geglaubt hat und ihm so Kraft zum Versuchen geschenkt hat. Auch der, der als Führungskraft in einer Firma mit Angestellten zu tun hat, weiß, wie wichtig Motivation ist. Den Mitarbeitenden das Gefühl zu geben, dass man ihnen etwas zutraut und Vertrauen in ihre Fähigkeiten hat, das lässt Menschen über sich hinauswachsen – viel mehr als die bloße Aussicht auf mehr Geld im Portemonnaie. Doch bei den Jüngern damals in Jerusalem war dieser jemand nicht in Sicht gewesen. Mehr noch, er hatte sie verlassen und nun standen sie allein da – mutlos, orientierungslos, kraftlos. So dachten sie jedenfalls bis zu diesem Pfingsttag. Denn eigentlich hatte ihnen Jesus selbst bereits diesen jemand angekündigt. Sie hätten es wissen können, dass sie nicht allein bleiben würden, dass da jemand an ihre Seite treten würde, der an sie glaubte und der ihnen die Kraft verleihen würde, Großes zu vollbringen. Und nun kommt dieser jemand zu ihnen, mitten unter sie und zu jedem von ihnen. Doch es ist ganz anders, als man es erwarten würde, irgendwie unsagbar, unfassbar, unbegreiflich. Die Bibel beschreibt hier nicht, wie es geschieht, sondern sie umschreibt es mit Bildern. Von einem gewaltigen Brausen ist die Rede, von einem Sturm mitten im Haus, von Zungen wie von Feuer. Bilder für eine unaussprechliche Kraft, die plötzlich die Jünger durchflutet, die all ihre Bedenken, ihre Sorgen, ihren mangelnden Mut beiseiteschiebt und sie ganz und gar erfüllt. Es ist Gottes Kraft; es ist sein Geist, der nun in den Jüngern wirkt. Und was sie sich vorher nie zugetraut hätten, was niemand jemals von ihnen erwartet hätte, geschieht. Sie öffnen die Türen und Fenster und verlassen das sichere Haus. Sie treten an die Öffentlichkeit und gehen hin zu den Menschen. Erfüllt von Gottes Kraft beginnen sie von all dem zu erzählen, was sie selbst in den letzten Monaten mit Jesus erlebt haben. Ohne Scheu und ohne Angst vor möglichen Konsequenzen sagen sie es frei heraus, wer dieser Jesus für sie war und wer er für alle Menschen ist – und das in genau der Stadt, in der sie vorher noch „Kreuzige ihn!“ geschrien und gejubelt hatten, als Pilatus ihr Urteil erfüllte. Und jede und jeder auf den Straßen versteht, was sie sagen, sogar die Fremden, die wegen eines hohen Festes in Jerusalem sind. Doch nicht wenige wundern sich. Diejenigen, die die Jünger bereits kannten und die ihnen diesen Schritt niemals zugetraut hätten, verstehen die Welt nicht mehr. Und manch andere können es sich nur so erklären: Diese Leute müssen einfach betrunken sein. Denn niemand, der nüchtern und bei klarem Verstand ist, würde sich einfach so vor die Menschen stellen und in aller Öffentlichkeit zu predigen anfangen, und das auch noch in vielen Sprachen. Und diese Reaktion ist durchaus verständlich. Denn von der wahren Kraft, die die Jünger durchströmt, erfahren die Zuhörer damals ja erst einmal nichts. Nun tritt Petrus vor. Nach seinem Verhalten bei der Gefangennahme Jesu, hätte man es gerade von ihm auch nicht mehr erwartet. Hat er doch mit seiner Verleugnung Jesu erst vor kurzer Zeit gezeigt, dass es mit seinem Mut und seine Standhaftigkeit nicht sehr weit her ist. Und doch, gerade ihm fällt die Aufgabe zu, die Menge davon zu überzeugen, dass sie hier Zeuginnen und Zeugen eines ganz außergewöhnlichen Geschehens sind, das die Welt verändern wird. Und er meistert sie, weil er, wie die anderen Jünger, von Gottes Kraft, von seinem Geist ganz und gar erfüllt ist. Petrus und mit ihm auch die anderen Jünger wachsen über sich hinaus, weil sie spüren, dass da jemand ist, der ihnen ganz und gar vertraut, der Zutrauen hat zu dem, was sie können, und der sie mit ganzer Kraft bei dem, was sie tun, unterstützt. Und sie legen damit das Fundament von dem, was seit diesem 1. Pfingstfest in Jerusalem immer weiter gewachsen ist bis heute – der Kirche. In Gottes Kraft über sich hinauswachsen, mit Gottes Geist seine eigenen, engen Grenzen hinter sich lassen – das haben Menschen seitdem immer wieder erfahren. In seiner engen Mönchszelle und inmitten seines verzweifelten Ringens um einen gnädigen Gott hätte Martin Luther wohl niemals daran geglaubt, dass er einmal Kaiser und Papst die Stirn bieten würde. Doch erfüllt von der Kraft Gottes überwand er seine Selbstzweifel und seine Angst und wurde zum Erneuerer der Kirche und zum Reformator. Auch Albert Schweitzer war es nicht in die Wiege gelegt, dass er einmal als Urwaldarzt für die Menschen in Afrika da sein und zugleich als streitbarer Mahner für den Frieden auftreten würde. Auch ihn trieb eine Kraft dazu an, die Erwartungen und Konventionen seiner Zeit hinter sich zu lassen. Und diese Kraft war, davon war Schweitzer selbst überzeugt gewesen, Gottes Geist. Wenn ganz normale Menschen wie du und ich sich heute in der Kirche und anderswo für andere einsetzen und ihre eigenen Bedürfnisse und ihre eigene Sicherheit hinten anstellen, wenn sie dabei immer wieder über die eigenen Kräfte und die eigenen Grenzen hinausgehen, dann tun sie das in demselben Geist, der auch Petrus und die Jünger damals angetrieben hat. Große Aufgaben erfordern keine großen Frauen und Männer, doch sie brauchen Menschen, die sich von Gottes Geist in Anspruch nehmen lassen und die in dieser Kraft über sich hinauswachsen – und so groß werden. Und ich wünsche Ihnen, dass auch Sie es immer wieder spüren und erfahren: Gerade dann, wenn ich vor einer wichtigen und schwierigen Aufgabe in meinem Leben stehe und das Gefühl habe, ich schaffe es nicht, dann bin ich nicht allein. Gerade dann darf ich darauf vertrauen, dass Gott mir die Kraft gibt, diese Aufgabe durchzustehen und zu meistern. Gerade dann schenkt Gott mir seinen Geist, der mir hilft, meine Grenzen zu überwinden und neues zu wagen. Oder wie es im 18. Psalm heißt: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ – auch über meine eigenen Mauern in mir.

Amen.

Predigt zum Sonntag Exaudi 24.05.2020 von Diakon i. R. Martin Allmendinger

Liebe Gemeinde, „Siehe, es kommt die Zeit…“ so beginnt unser heutiger Predigttext. Sicherlich kennen Sie das, von Ihren Kindern oder Enkeln. Oder Sie haben selbst Erfahrungen gemacht in Erwartung bevorstehender Ereignisse. Dazu zwei kurze Beispiele. Mein Enkel Johannes erwartet sehnsüchtig seinen dritten Geburtstag. Lassen Sie uns gemeinsam dem Dialog zuhören den er mit seiner Mama führt. Johannes: Mama, wie lange dauert es noch bis zu meinem Geburtstag? Mama: Ha, schon noch ne Weile. Johannes: Aber nimmer so lang? Mama: Schon noch einige Male schlafen. Johannes: Aber nimmer so lang? Mama: Wer soll denn zu deinem Geburtstag kommen? Johannes: Alle Onkel und Tanten (Johannes sieben Onkel und Tanten, die er dann alle aufzählt), Omas und Opas, Freunde aus dem Spielkreis… Mama: Was wünscht du dir denn, was sollen wir essen? Johannes: Spaghettis, Pommes, Gurken…und dann ess mr Eis So malt sich Johannes seinen Geburtstag in leuchtenden Farben aus und freut sich schon jetzt riesig darauf und die Zeit bis Mitte Juli ist nicht mehr so lange. Eine zweite schöne Geschichte ist mir am Freitagmorgen begegnet. Gleich habe ich sie auf meiner facebook Seite geteilt. Wenn Sie mögen können Sie die ganze Geschichte dort nachhören (facebook Martin Allmendinger, Geschichte die Theo Eißler erzählt, bzw. ins Netz gestellt hat). Theo Eißler erzählt: Da ist Walter Baltes, 95 Jahre alt, verwitwet, einsam. Er, der Erfinder aus Witten in Westfalen hat viel erlebt in seinem Leben. Seit dem Tod seiner Frau ist er recht einsam geworden. Da entschließt er sich nicht in der Einsamkeit zu versauern, geht in eine Anzeigenagentur und gibt eine Anzeige auf: Suche Sonntagsbraten – Biete Geschichten. Nach den ersten Rückmeldungen hat sich die Nervosität wohl etwas gelegt. Aber die erste Begegnung war schon spannend, mit wildfremden Menschen zusammenkommen, ihnen Geschichten aus meinem Leben zu erzählen, wie wird das wohl gehen, mag er sich gefragt haben. Auch in diesen Zeiten ist das heute möglich, auf Abstand und mit Mund – und Naseschutz, ohne Handschlag und Umarmung. Mein Angebot, und das habe ich von Walter Baltes gelernt. Er der vom Leben geprägte Mensch weiß, dass es nicht nur darum geht etwas zu bekommen oder zu nehmen, sondern ganz wesentlich darauf ankommt etwas zu geben. Deshalb steht in seiner Anzeige sinngemäß, ich bezahle die Lebensmittel die wir gemeinsam genießen und sie bekommen von mir Lebensgeschichte frei Haus geliefert. Eine sehr interessante Lebenshaltung, weit entfernt vom „ich bin so einsam und niemand kümmert sich um mich“, Trauergesang. Siehe, es kommt die Zeit… Liebe Gemeinde, ob ich meinen Enkel Johannes oder die Lebensbeispiele meiner andern Enkel nehme, die mein Leben bereichern. Ein unglaublicher Reichtum, wie Sie wissen sind es außer Johannes, zwischenzeitlich 10 weitere wunderbare Persönlichkeiten, die da aufwachsen und uns begegnen, wenn auch zur Zeit leider nur über Telefon, WhatsApp Nachrichten oder Terrassenbegegnungen auf Abstand, an ihrem Leben teilhaben lassen. Oder ob ich das Leben von Walter Baltes zum Vorbild nehme, immer lerne ich daraus für mich, ermutiget und froh in meinen Tag zu gehen. Wir kommen von Himmelfahrt her und gehen auf Pfingsten zu. So sehe ich förmlich vor mir, die Jünger am Ölberg stehen und dem nachsehen in dessen Wanderbibelschule sie gemeinsam unterwegs waren. Sie hatten viel von IHM gelernt und eine ganze Menge mit IHM erlebt. Höhen und Tiefen mit IHM durchwandert, Hindernisse überwunden, bis zuletzt wahrgenommen, dass ER dem Leiden und selbst dem Tod nicht ausgewichen ist. So standen sie unter seinem Kreuz, völlig verunsichert und voller Angst was denn nun werden sollte. Zum Davonlaufen war das. Und etliche sind zunächst auch weggegangen, haben sich eingeschlossen und konnten nichts weiter als beten. Da kommt ER durch die verschlossenen Türen, tritt mitten unter sie und sagt: „Friede sei mit euch, habt keine Angst und ihr werdet meine Zeugen sein.“ Noch konnten sie es nicht fassen. Aber als ER sie jetzt zum Ölberg gebeten hatte fingen sie an zu begreifen, spürten wie sie von SEINER Kraft erfüllt wurden. „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein.“ Da stehen sie nun und sehen IHM nach…daran haben wir uns am vergangenen Donnerstag, Christi Himmelfahrt erinnert. Wir haben Vatertag gefeiert. Diese Feier wird erst zu einem richtigen Fest, wenn wir unserem Vater im Himmel die Ehre geben. Dort ist ER, Jesus Christus, hingegangen und von dort wird er kommen und uns alle zu sich nehmen, wie wir das in unserem Wochenspruch aus dem Johannesevangelium (Joh. 12, 32) gehört haben. Das können Sie gerne alles nachlesen in Matthäus 28, 16 – 20; Markus 16, 14 – 20; Lukas 24, 50 – 53 und Apostelgeschichte 1, (1)8 – 14. Wir leben in der Zeit des wartens, zwischen Ostern und Pfingsten, zwischen dem alten und dem neuen Bund, zwischen dem in den Himmel aufgefahrenen und dem wiederkommenden Herrn. Siehe, es kommt die Zeit… So war es damals auch zur Zeit des Propheten Jeremia: „Der neue Bund 31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Das ist der neue Bund den Jesus mit seinem Leben und seinem Blut besiegelt hat. Dieser neue Bund hat längst begonnen. Damals von Jeremia angekündigt und durch das Gotteswort bestätigt. Diesen neuen Bund feiern wir, bei jedem Gottesdienst, mit jeder Abendmahlsfeier, bei jedem Vaterunser, bei jedem Erinnern und Nachdenken über IHN und mit jedem Gebet erfreuen wir uns dieses neuen Bundes. Schon damals, so übermittelt uns dies Jeremia, war dies der Inhalt des Gottesbundes: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ In uns soll der neue Bund leben und nach außen soll dies sichtbar werden. Das ist der Auftrag den Jesus seinen Jüngern damals auf dem Ölberg gegeben hat. Diesen Auftrag hatte Gott schon lange vor dem in die Herzen der Menschen in Israel und Juda gelegt. Dieser Auftrag gilt also auch Ihnen und mir, liebe Gemeinde, am heutigen Sonntag EXAUDI. „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“ Was kann uns denn Besseres passieren? Lassen wir das doch einfach zu und laden Gott in unser Leben in unser Herz ein: „Herr, komm in mir wohnen, lass mein’ Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden; komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre, dass ich dich stets lieb und ehre. Wo ich geh, sitz und steh, lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken.“ EG 165, 8 aus Gott ist gegenwärtig… Amen

Wenn Worte fehlen- Predigt zum Sonntag Rogate von Pfarrerin Jasmin Salzger 17.Mai 2020 mit musikalischem Vor-und Nachspiel von Christoph Salzger

Liebe Gemeinde,

„Da fehlen mir die Worte.“ Ich bin mir sicher, dass jede und jeder von uns diesen Satz schon einmal gedacht und gesagt hat. Oft ist es bloß eine Floskel – und es geht dann mit dem Worten munter weiter. Aber manchmal, da ist es wirklich so. Da fehlen einem die richtigen Worte. Und das passiert besonders bei wirklich wichtigen Gesprächen. Da will man einem anderen seine große Dankbarkeit ausdrücken – und es fehlen die Worte. Da will man sich entschuldigen für etwas, was man getan hat – und es fehlen die Worte. Da will man dem anderen sagen, was einen stört und belastet – und es fehlen die Worte. Da will man einem anderen Menschen seine Liebe gestehen – und es fehlen die Worte. Und wenn einem die Worte fehlen, dann bleibt man stumm und lässt die Gelegenheit für ein Gespräch vorübergehen.

„Rogate!“ „Betet!“ – so lautet der Name dieses Sonntags – und er ruft uns Menschen dazu auf, mit Gott in Beziehung zu treten. Er lädt ein zum Gebet. Es ist der wohlgemeinte Ratschlag, das Gespräch mit unserem Gott zu suchen. Doch einen Ratschlag befolgt man in der Regel nur dann, wenn es einem auch einsichtig ist, warum man dieses oder jenes tun soll. Von daher stellt sich die Frage:

Warum soll ich überhaupt beten?

Vielen Menschen heute erscheint das Gebet als eine höchst überflüssige Angelegenheit, für manche sogar regelrecht als etwas Dummes. Warum sollte man ein Gespräch mit jemandem führen, der sowieso nicht antwortet?Wäre das Gebet tatsächlich nur ein Gespräch wie jedes andere auch, dann müsste man dieser Einschätzung sicher recht geben – und es sein lassen! Doch es ist so viel mehr. Wie gut tut es, im Gebet vor Gott zur Ruhe zu kommen und die Alltagssorgen hinter sich zu lassen! Das erfahren immer wieder Menschen, wenn sie sich die Zeit dazu nehmen. Welch eine Erleichterung ist es, wenn man sich seine ganzen Sorgen und Ängste, alles, was das Leben schwer macht, einfach so von der Seele reden kann und dabei weiß, dass all das bei Gott gut aufgehoben ist und dass er mir meine Last von den Schultern nehmen und sie selbst tragen möchte. Vielleicht haben Sie das ja auch schon in Ihrem Leben erfahren können. Und dann ist da auch noch die Erfahrung, dass das Gebet tatsächlich eine Auswirkung auf das Leben hat und dass Gott wirklich auf Bitten reagiert. Nicht immer läuft das genauso, wie man sich das vorgestellt hat, und für andere könnte es auch Zufall sein, aber als glaubender Mensch ist man gewiss, dass es letztendlich Gottes Antwort auf das Gebet ist.

„Rogate!“ „Betet!“ – das also ist ein guter Rat – und zugleich eine große Herausforderung. Denn viele Menschen heute haben den Gesprächsfaden zu Gott längst abreißen lassen. Oder sie haben ihn noch niemals aufgenommen. Und für manche von ihnen gilt auch hierbei der Satz „Da fehlen mir die Worte!“ Und wer nicht weiß, was er sagen soll, der schweigt lieber. Aber auch diejenigen, denen das Gebet in ihrem Leben immer wichtig war, kommen manchmal an einen Punkt, an dem die eigenen Worte versagen. Ich will beten, aber ich kann es nicht. Und der Rest ist Schweigen!

Wie kann ich beten?


So lautet darum die wichtige Frage, gerade heute am Sonntag des Gebets. Die Antwort darauf gibt Jesus seinen Jüngern und damit auch uns in der Bergpredigt. So heißt es im Matthäusevangelium im 6. Kapitel: Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. (Matthäus 6, 9-13)


Eine regelrechte Gebrauchsanweisung haben wir hier für das Gespräch mit Gott. Jesus zeigt uns, was wir beten können, wenn unsere eigenen Worte verstummt sind.

„Unser Vater im Himmel!“

Schon in dieser kurzen Anrede Gottes steckt so viel. Wir Menschen können zu ihm kommen als seine Kinder. Er liebt uns wie ein guter Vater seine Kinder – vorbehaltlos, uneingeschränkt und mit der ganzen Kraft seines Herzens. Mit allem dürfen wir zu ihm kommen. Alles können wir ihm sagen. Es gibt keine Einschränkungen. Und er, unser Vater, hört uns zu und nimmt uns mit all unseren Anliegen ernst. Am Anfang des Gebets und damit über allem, was dann folgen wird, steht, sozusagen als ein uneingeschränkt positives Vorzeichen, diese Anrede. Im Gebet kommen wir zu Gott, dem uns über alle Maßen liebenden Vater. Alles dürfen wir ihm anvertrauen. Und was das im Einzelnen ist, bringt Jesus dann in insgesamt 7 Bitten auf den Punkt. Es sind die elementarsten und tiefsten Bedürfnisse und Wünsche, die wir Menschen nur überhaupt haben.

„Geheiligt werde dein Name!“

Um nichts weniger als um die Haltung der Menschen gegenüber Gott geht es hier. Es ist der Wunsch, dass wir Menschen in unserem Reden und Handeln Gott die Ehre zuteilwerden lassen, die ihm gebührt. Wie sehr hat es uns als Kinder geärgert, wenn andere mit unserem Namen ihre Späße gemacht haben. Als ganz persönliche Beleidigung haben wir es empfunden. Und es kommt nicht von ungefähr, dass immer wieder Menschen ihren Namen ändern, weil sie damit nicht umgehen können und wollen. Doch wie oft kommt es vor, dass uns und anderen ganz leichtfertig und, ohne nachzudenken, „Gott“ über die Lippen kommt – und das immer wieder auch in Zusammenhängen, in denen dies vollkommen fehl am Platz ist. Gebt Gott die Ehre und zeigt dies nach außen, indem ihr seinen Namen achtet und ehrt. So lautet diese erste Bitte, dieser erste innige Wunsch.

„Dein Reich komme!“

In einer Welt, die vielerorts geprägt ist von Ungerechtigkeit und hemmungsloser Gier nach Macht und Geld, von Unfrieden und Streit zwischen Völkern und einzelnen Menschen, ist diese Bitte Ausdruck einer tiefen Sehnsucht der Menschen. Es ist die Sehnsucht nach der Königsherrschaft Gottes über die ganze Welt – eine Herrschaft, die geprägt ist von Gerechtigkeit, Frieden und der Bewahrung der Schöpfung. Und auch, wenn sie nicht von heute auf morgen Wirklichkeit werden kann, so ist diese Bitte doch der Wunsch nach kleinen Schritten in Richtung auf Gottes Reich.

„Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden!“

Vieles, was auf der Welt geschieht, entspricht ganz und gar nicht dem Willen Gottes, ja es läuft ihm zutiefst zuwider. Jede und jeder, der oder die mit offenen Augen durch die Welt geht, kann dies immer wieder sehen. Dass Gottes Wille Wirklichkeit werden möge, schon jetzt und sofort und zumindest in kleinen Schritten in die richtige Richtung, auch dieser Wunsch kommt darum aus tiefstem Herzen.

„Unser tägliches Brot gib uns heute!“

Nahrung, Kleidung, Wohnung, Gemeinschaft – um nichts weniger als um alle grundlegenden, lebensnotwendigen Bedürfnisse geht es in dieser Bitte. Und auch, wenn Gott weiß, was wir alles brauchen, um leben zu können, können wir als das dennoch immer wieder im Gebet vor ihn bringen in der Gewissheit, der er für uns sorgen wird!

„Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“

Als Menschen werden wir immer wieder an anderen schuldig, ob wir es wollen oder nicht. Diese Erfahrung machen schon kleine Kinder und sie zieht sich wie ein roter Faden durch unser ganzes Leben. Umso mehr sind wir daher auf die Vergebung angewiesen, die Vergebung untereinander und die Vergebung durch Gott. Denn nur, wenn wir einander vergeben, ist immer wieder ein Neustart und ein gelingendes Miteinander möglich. Daher bitten wir hier um Vergebung durch Gott und um die Fähigkeit, einander zu vergeben.

„Und führe uns nicht in Versuchung, …“

Das Leben steckt voller Versuchungen, angefangen von Süßigkeiten bis hin zur Gelegenheit, mich auf Kosten anderer selbst zu bereichern oder in ein gutes Licht zu rücken. Darum gehört auch die Bitte, gar nicht erst in solche Situationen zu geraten, nachvollziehbarerweise zu den grundlegenden menschlichen Wünschen. Doch zugleich sind Versuchungen auch Bewährungsproben, an den wir wachsen und uns entwickeln können. Sie sind, so gesehen, tatsächlich Chancen, die Gott uns gibt. Und implizit schwingt daher in dieser Bitte auch der Wunsch mit, Gott möge uns die Standhaftigkeit geben, um diese Situation zu meistern.

„… sondern erlöse uns von dem Bösen!“

In einer Welt, die vom Bösen geprägt zu sein scheint, ob es nun Corona heißt, sich als Naturkatastrophe zeigt oder im Handeln einzelner Staaten und Gruppen gesehen wird, ist der verzweifelte Schrei nach Erlösung nur allzu verständlich. In ihm zeigt sich die Hoffnung, dass das Böse in all seinen Formen letztendlich nicht das letzte Wort behalten wird, sondern Gott. Auf die 7 Bitten folgt als ein Letztes dann, in Form des Lobpreises, die Begründung, warum wir mit all unseren Anliegen überhaupt zu Gott kommen können:

„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“

Das Wissen um Gottes Herrschaft und Macht gibt uns die Hoffnung darauf, dass unser Bitten nicht vergebens ist. Worum wir ihn bitten, er hat alle Kraft und den Willen, um das zu tun, was für uns letztendlich das Beste ist.

„Rogate!“ „Betet!“ – dazu lädt uns dieser Sonntag in besonderer Weise ein. Sucht das Gespräch mit Gott! Nehmt den Gesprächsfaden wieder auf und lasst ihn nicht abreißen! Kommt zu ihm mit allem, was euch belastet! Als Richtschnur und Leitfaden kann euch dabei das Gebet dienen, das Jesus seinen Jüngern und auch uns gegeben hat, das Vaterunser. Die Worte fehlen uns nicht, denn er hat sie uns geschenkt! „Amen.“

Endlich zu Hause- Predigt zum Sonntag Kantate von Pfarrerin Jasmin Salzger 10.Mai 2020 mit musikalischem Vor-und Nachspiel von Christoph Salzger

Liebe Gemeinde,

endlich zu Hause! Haben Sie diesen Satz auch schon einmal gedacht oder gesagt? Vielleicht am Ende einer Urlaubsreise? Der Urlaub an einem weit entfernten Ort ist wirklich schön gewesen. Sie haben sich entspannt und erholt. Sie haben neue Eindrücke gesammelt, neue Freunde gefunden. Doch irgendwann kommt dann der Punkt, an dem es Zeit wird, wieder nach Hause zurück zu kehren. Wenn da nur nicht die lange Rückfahrt wäre! Und wenn es dann geschafft ist, wenn man dann die Tür zur Wohnung aufschließt und die eigenen vier Wände betritt, dann kommt dieser Satz aus tiefstem Herzen: Endlich zu Hause!

Mir selbst geht es in der aktuellen Situation jedes Mal so, wenn ich den Berg hier nach Lichtenwald wieder hinauffahre. Die Geschäftigkeit, die Hektik und auch das im Moment allgegenwärtige Unbehagen lasse ich im Tal zurück. Hier oben ist es ruhiger, beschaulicher und irgendwie wirkt es auch sicherer. Endlich zu Hause!

Endlich wieder zu Hause!Vielleicht haben diejenigen von Ihnen, die sich heute Morgen in den Gottesdienst aufgemacht haben, das ja auch gedacht, als sie zum ersten Mal nach acht Wochen wieder die Tür zu unserer Auferstehungskirche durchschritten haben. Auch wenn vieles heute anders ist als sonst – die einzeln stehenden Stühle in der Kirche, die genaue Festlegung, auf welchen Wegen die Kirche zu betreten und zu verlassen ist, und die Schutzmasken vor den Gesichtern sind ein deutliches Zeichen dafür –, so ist diese Kirche dennoch ein Stück Zuhause. Und man freut sich, endlich wieder nach Hause zurückkommen zu dürfen.

Und dieses Zuhause, es ist ein ganz besonderes. Denn wir wohnen nicht hier. Niemand wohnt hier, und doch sind viele hier zu Hause, sind wir hier zu Hause. Doch warum ist das so? Warum ist eine Kirche für viele Menschen eine Heimat und doch zugleich auch ein besonderer, bisweilen auch fremder Ort – ein Ort, an dem man sich anders verhält als anderswo?

Vielleicht kann uns eine Geschichte aus längst vergangener Zeit einen Hinweis geben. Weit zurück in der Zeit müssen wir dazu gehen, zurück bis in die Stadt Jerusalem zur Zeit des Königs Salomo. Es war eine Zeit des Aufbruchs in Israel. Dies konnte man überall in der Stadt erkennen. Gebäude, eines prächtiger als das andere, wuchsen in die Höhe – Zeichen des Wohlstands und der Macht Israels und seines Königs. Und der Höhepunkt aller Bautätigkeit, das neue Zentrum der Stadt und des Landes sollte der Tempel werden, den Salomo hatte bauen lassen. Und nun stand er in seiner Pracht und Erhabenheit fertig da.

Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. […] So brachten die Priester die Lade des Bundes des Herrn an ihre Stätte, in den innersten Raum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim, […] und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes. (2. Chronik 5, 2-5.7.12-14)

Von einem großen Fest ist hier die Rede, von Feierlichkeiten, die ihresgleichen suchten. Und gefeiert wurde eine Heimkehr nach langer Reise – eine Reise, die viele Jahre gedauert hatte. Es war die Heimkehr eines ganzen Volkes. Nun endlich hatte Israel wirklich seine Heimat gefunden. Denn der Tempel, er war von nun an nichts weniger als das Zentrum, der Mittelpunkt, die Herzkammer des ganzen Lebens und Glaubens des Volkes. Hier würden von nun an die Menschen zusammenkommen, um gemeinsam zu loben, zu danken und auch um zu klagen. Denn hier war ab jetzt der Ort, an dem sie IHM besonders nahekommen konnten, an dem sie SEINE Gegenwart spüren konnten. Denn hier war von nun an SEIN Haus, das Haus Gottes. Und mit dem heutigen Tag nahm er sein Haus in Besitz. Die Wolke als Zeichen seiner Herrlichkeit machte es für alle deutlich: „Unser Gott thront in Jerusalem, im Tempel. Und hier können wir ihm in ganz besonderer Weise begegnen.“ Und deshalb wurde diese Heimkehr damals auch gefeiert wie kein anderes Fest vorher. Alle Welt sollte es sehen, alle Lande sollten es hören: „Gott ist hier, mitten unter uns, in seinem Haus, dem Tempel.“ Der Jubel darüber, er kannte keine Grenzen. Und er brach sich seine Bahn im Klang der Trompeten, Trommeln und Harfen. Er kam zum Ausdruck im Gesang der Priester, Leviten und des ganzen Volkes: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währet ewig.“

Der Tempel als der Ort, an dem Gott den Menschen in besonderer Weise nahe ist – ein wenig ist von dieser Vorstellung heute noch spürbar. Eine Kirche ist auch für die meisten Menschen heute immer noch ein besonderer Ort. Dies merkt man bereits, wenn man eine Kirche betritt. Kirchen haben zumeist eine ganz besondere Atmosphäre. Menschen, auch diejenigen, die mit Glauben und Kirche eigentlich nichts mehr zu tun haben, verhalten sich in diesem Gebäude anders als sonst, vielleicht weil sie spüren, dass etwas anders ist. Oft kann man dieses Gefühl gar nicht in Worte fassen, doch es ist da. Gerade bei alten Kirchen spürt man, dass hier der Ort ist, an dem seit vielen Jahrhunderten Menschen zusammengekommen sind mit all ihren Fragen, ihrer Freude, ihren Ängsten, ihren Sorgen, ihren Klagen, ihrem Jubel. Und vielleicht fühlt man sich Gott hier, sozusagen in seinem Haus, besonders nahe. Natürlich bedeutet das nicht, dass wir außerhalb der Kirchenmauern von Gott weiter entfernt sind. Das Gespräch mit Gott im Gebet ist überall möglich. Gottes Nähe können wir überall erfahren, in der Kirche ebenso wie im eigenen Zuhause, in der Gesellschaft anderer ebenso wie in der Natur. Und doch, in der Kirche ist es anders, nicht fassbar, nicht beschreibbar, aber eben doch anders.

Deshalb ist auch heute vielen Menschen gerade ihre Kirche vor Ort wichtig. Sie ist ein Stück Heimat, in das sie gerne immer mal wieder zurückkehren, die einen öfter, die anderen nur selten. Dies ist vielen Menschen gerade in der letzten Zeit schmerzlich wieder deutlich geworden. Gottesdienste mussten ausfallen, Kirchen blieben geschlossen. Der Zugang zu einem Stück Heimat blieb den Menschen verschlossen. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Menschen vorher das Angebot genutzt haben, in dieses Zuhause immer mal wieder zurückzukehren, oder nicht.

Und so ist es auch mehr als verständlich, dass viele Menschen die Rückkehr in diese Heimat Kirche herbeigesehnt haben und dass für sie der heutige Sonntag Kantate ein Tag der Freude ist, ein Tag, den sie gerne mit Musik und Gesang gebührend feiern würden. Endlich wieder zu Hause, zu Hause in der Kirche, zu Hause bei Gott! Es ist eine Heimkehr der besonderen Art, eine Heimkehr auf Abstand und ohne Gesang. Und viele, die heute gerne auch dabei wären, können jetzt noch nicht zurückkehren, weil sie aus Sorge um ihre Gesundheit noch darauf verzichten müssen. Wenn wir heute Gottesdienst feiern, dann denken wir besonders auch an sie. Sie fehlen und die Gemeinschaft der Menschen, die sich sonst in der Kirche versammelt, sie ist nicht komplett. Deshalb ist diese Heimkehr in die Heimat Kirche jetzt auch nur eine vorläufige. Denn die endgültige Rückkehr aller, sie steht noch aus. Und der Jubel über diese Heimkehr ist darum auch nur ein sehr verhaltener. Und daher passt es auch, dass wir jetzt noch auf den Gesang, den Ausdruck unserer Freude über die Rückkehr, verzichten müssen. Umso schöner und freudiger wird er dann erklingen, wenn wir wirklich wieder alle zu Hause sind, zu Hause in der Kirche, zu Hause bei Gott.

Aber bis dahin braucht es noch viel Geduld. Der Tag heute, er bedeutet nur eine kleine Öffnung, eine kleine Lockerung. Es liegt noch ein langer Weg nach Hause, ein weiter Heimweg vor uns. Doch in all dem dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns nahekommen möchte, wo wir sind und leben. Und das muss nicht immer ein Ort mit Turm, Glocken, Orgel und Altar sein. Das war auch schon den Menschen vor 3000 Jahren klar. Es ist die Herrlichkeit Gottes, die im Tempel einzieht. Es ist nicht Gott selbst, der in dieser großartigen Zeremonie Wohnung nimmt im Tempel. Gott lädt uns zu sich ein, zu sich nach Hause. Und sein Zuhause ist überall da, wo Menschen leben. Und in dieser Gewissheit konnten wir es in den letzten Wochen aushalten, dass die Türen der Kirchen zum Gottesdienst verschlossen waren. Und wir können auch noch länger damit leben, dass Gottesdienste nicht so sind, wie wir sie kennen, und dass wir selbst vielleicht noch gar nicht in die Kirche kommen dürfen. Der Ruf „endlich zu Hause“, er gilt auch und gerade jetzt. Wir sind zu Hause bei Gott und dabei ist es egal, ob wir in sein Haus, die Kirche, kommen dürfen, oder in unserem eigenen Zuhause das Gespräch mit ihm suchen! Wir sind zu Hause! Endlich! Amen.

Von Wurzeln und Früchten – Predigt zum Sonntag Jubilate von Pfarrerin Jasmin Salzger 3.Mai 2020 mit musikalischem Vor-und Nachspiel von Christoph Salzger

Liebe Gemeinde,

wer einen Garten hat, der kennt vielleicht dieses Problem. Da hat man vor Jahren einen Baum gepflanzt und er ist auch gut angegangen. Damals, als man ihn eingesetzt hat, da war er genau an der richtigen Stelle im Garten. Da stand er genau da, wo er hingehörte. Und man war der festen Überzeugung, dass es auch immer der richtige Ort bleiben würde. Doch dann, nach einiger Zeit will man den Garten neugestalten. Und nun steht der Baum einfach nur noch im Weg und er gehört eigentlich fünf Meter weiter nach rechts. Ein ärgerliches Problem und nicht einmal selten. Denn wer kann schon in die Zukunft sehen und wissen, wie der Garten in fünf oder mehr Jahren aussehen soll? Was tun? Ein Umsetzen birgt ja immer ein gewisses Risiko. Wer weiß, ob der Baum am neuen Ort überhaupt wieder angeht? Darum gilt: Wenn ich den Strauch ausbuddele, dann muss ich aufpassen. Insbesondere darf ich die Wurzeln nicht beschädigen. Denn sonst ist alles umsonst. Auf die Wurzeln kommt es an. Nur wenn die Wurzeln intakt sind, kann der Baum die Nährstoffe und das Wasser aufnehmen, das er zum Leben braucht. Sind die Wurzeln beschädigt, dann wird der Baum keine Früchte bringen und wahrscheinlich nicht einmal überleben. Ein guter Baum, der gute Früchte bringt, braucht gute Wurzeln.

Was sind Ihre Wurzeln, liebe Gemeinde? Worauf gründet Ihr Leben? Was gibt Ihnen Kraft und Stärke? Die Antworten auf diese Fragen sind sicherlich bei jeder und jedem von Ihnen ganz unterschiedlich – und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Meine Wurzeln sind meine Herkunft. Wo und wie ich aufgewachsen bin, das bestimmt mein Leben zu einem nicht geringen Teil. Elternhaus, Familie, Heimat, so nennen wir diese Wurzeln, die vielen Menschen ihr ganzes Leben lang Kraft, Stärke und Zuversicht geben. Für manche ist es vor allem der Beruf, aus dem sie das für sich und ihr Leben Notwendige herausziehen. Die regelmäßige Arbeit gibt ihnen Halt. Der berufliche Erfolg gibt ihnen Bestätigung, Sicherheit und Kraft für neue Aufgaben. Für vielen Menschen ist auch die Liebe eines anderen Menschen so eine starke Wurzel, eine Grundlage des Lebens und eine Kraftquelle. Diese Liebe gibt mir einen festen Halt. Und gerade Menschen, die um der Liebe willen ihre angestammte Heimat verlassen und ihre Wurzeln ein stückweit aufgeben, verwurzelt sie neu in der neuen Heimat.

Was auch immer die Wurzeln Ihres Lebens sein mögen, eines ist sicher: Wir brauchen diese Wurzeln, um leben zu können. Und genauso sicher ist, dass diese Wurzeln immer wieder auch bedroht und gefährdet sind. Manchmal reichen schon kleine Ereignisse aus, um uns der Wurzeln zu berauben und um uns zu entwurzeln. Viele Menschen, auch in unserem Land, haben es erlebt und erleben es noch, was es heißt, die Familie und die Heimat zurücklassen zu müssen. Und wenn heute Menschen sich in der aktuellen Situation nicht besuchen können und beieinander sind, dann ist auch das wie eine kleine Entwurzelung. Eine Kündigung oder auch der an sich wohlverdiente Ruhestand bedeuten oft auch, dass man seine oder ihre Wurzeln verliert. Wer in diesen Zeiten in Kurzarbeit oder sogar vom Verlust des Arbeitsplatzes bedroht ist, kann dies sicherlich gut nachvollziehen. Und ob die Liebe, die an sich vielleicht stärkste Wurzel, ewig hält, auch dafür gibt es keine Garantie. Die aktuelle Kontaktsperre stellt gerade in dieser Hinsicht viele Liebende vor eine große Herausforderung. Überwindet die Liebe die im Moment schier unüberbrückbar scheinende räumliche Distanz? Trägt sie auch in Zeiten, in denen man permanent auf engstem Raum zusammenlebt? Unsere Lebenswurzeln sind nicht unzerstörbar, sondern zerbrechlich. Das erfahren wir gerade auch jetzt.

Von einer Wurzel ganz anderer Art spricht Jesus im Johannesevangelium, wenn er sagt:

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. (Joh. 15, 1-8)

Die Wurzel, um die es hier geht, ist anders als die anderen. Diese Wurzel ist nicht wie all die anderen, den Widrigkeiten und Stürmen des Lebens ausgesetzt und dadurch gefährdet. Diese Wurzel, dieser Weinstock, der Jesus selbst ist, ist absolut fest und kann nicht beschädigt oder gar zerstört werden. Wer sich an diesen Halt hält, wer an Jesus festhält, für den wird diese Kraftquelle niemals versiegen. Gerade in Zeiten, in denen vieles von dem, was bisher sicher und unumstößlich zu sein schien, durch etwas nicht Sichtbares, nicht Greifbares in Frage gestellt, ja sogar zerstört wird, kann dies eine Gewissheit sein, die Mut und Kraft schenkt. Jesus war, ist und bleibt der Weinstock, der uns als Reben hält, der uns Kraft gibt und der alles, was wir zum Leben brauchen, für uns bereitstellt. Und alles, was wir dafür tun müssen, ist, darauf zu vertrauen und an ihn zu glauben. Diese Zusage Jesu macht Mut und schenkt Zuversicht. Und doch, da gibt es auch noch eine andere Seite in den Worten Jesu. Von den Reben, die vom Weinstock abgenommen und ins Feuer geworfen werden, ist da die Rede, von der Verpflichtung der Reben, viele Früchte zu bringen, um diesem Schicksal zu entgehen. Jesus, eine Wurzel mit Bedingungen?

Doch was auf den ersten Blick befremdlich, ja erschreckend erscheint, erweist sich beim zweiten Hinsehen als vollkommen normal. Die Rebe kann nicht darüber entscheiden, ob sie Früchte bringen will. Vielmehr müssen da viele verschiedene Faktoren zusammenkommen, damit es eine gute Weinlese geben kann. Es liegt auch nicht in der Hand der Rebe, ob sie weiter Teil des Weinstocks sein will. Die Entscheidung darüber treffen andere. Doch wir Menschen sind keine Weinreben. Zwar geht es uns manchmal tatsächlich genauso wie den Reben. Denn die anderen Wurzeln unseres Lebens sind immer wieder gefährdet und bedroht. Aber oft können wir auch selbst entscheiden, wie es mit unseren Lebenswurzeln weitergehen soll. Ich kann ganz bewusst meine Familie und meine Heimat hinter mir lassen. Ich kann die Arbeitsstelle, durch die ich bisher so fest verwurzelt war, verlassen. Und ich kann mich gegen die Liebe entscheiden. Und so anders die Wurzel Jesus im Vergleich zu unseren anderen Lebenswurzeln auch ist, in einem stimmt sie doch mit ihnen überein: Die Entscheidung liegt bei uns! Jesus will der Weinstock sein, an dem ich festen, unerschütterlichen Halt habe. Er will mich mit allem versorgen, was ich zum Leben brauche. Und ich kann dieses Geschenk dankbar annehmen – oder eben auch zurückweisen.

Dazu gehört vor allem eins. Ich muss es wollen; ich muss mich darauf einlassen. Gott hat uns den freien Willen geschenkt, Ja zu sagen oder Nein. Doch damit ist mehr gemeint als ein bloßes Lippenbekenntnis. Denn Rebe am Weinstock Jesu zu sein ist nicht nur ein Geschenk, sondern eben auch eine Verpflichtung. Die Rebe ist dazu da, dass sie Frucht bringt. Eine Rebe, die dies nicht tut, verfehlt ihre Bestimmung – und ist somit nutzlos, ja sogar schädlich für den Weinstock insgesamt. Und darum wird sie entfernt, zum Wohle des Weinstocks und der anderen Reben. Doch ein erfahrener und guter Weingärtner wird eine Rebe auch nicht vorschnell entfernen. Denn er weiß darum, dass es manchmal mit den Früchten auch länger dauert. Und darum gibt er der Rebe eine Chance zu zeigen, was in ihr steckt. Als Rebe am Weinstock Jesus sollen auch wir Frucht bringen. Der Weinstock stellt uns alles dafür zur Verfügung, was wir brauchen, damit wir reiche Frucht tragen können. Aber tun müssen wir es. Dabei können diese Früchte ganz unterschiedlich aussehen. Kein anderer Weinstock ist so bunt, so vielfältig und auch so überraschend wie der Weinstock Jesus. Die eine bringt Frucht, wenn sie ihren Teil dazu beiträgt, die frohe Botschaft von Jesus Christus weiter zu verbreiten. Die Frucht des anderen besteht in der Hilfe für Menschen, die bedürftig und auf Hilfe angewiesen sind. Und auch die Arbeit in politischen Gremien oder in Gewerkschaften, die dazu beiträgt, die Lebensbedingungen von Menschen zu verbessern, kann eine solche Frucht sein. Die Früchte sind vielfältig und jede und jeder ist gefordert, für sich ihre oder seine eigene Frucht zu finden, die sie oder er wachsen lassen will und kann. Einen Zeitdruck gibt es dabei nicht. Genauso, wie es auch beim Wein früh- und spätreifende Sorten gibt, so ist auch bei uns Menschen nicht festgelegt, wann unsere Früchte reifen müssen. Für die eine gehört es schon von Anfang an zu ihrem Leben dazu, sichtbare Früchte ihres Glaubens zu bringen. Der andere gelangt erst im Laufe seines Lebens an diesen Punkt. So unterschiedlich unsere Lebenswege sind, so verschieden sind unsere Glaubensfrüchte und so weit liegen die Zeitpunkte auseinander, an denen sie sichtbar und wirksam werden.

Ich wünsche uns allen, dass wir, gerade in dieser Zeit, immer wieder den Halt und die Kraft spüren können, die uns unser Weinstock Jesus Christus schenken will, und dass wir die Gelegenheiten erkennen und nicht verstreichen lassen, an denen wir mit unseren Möglichkeiten unsere ganz eigene Frucht bringen können. Lasst uns gute Reben am Weinstock Jesus Christus sein, die gute Früchte bringen! Und lasst uns Gott im Gebet darum bitten, dass dies gelingen möge! Amen.

Behütet- Predigt zum Sonntag Misericordias Domini von Pfarrerin Jasmin Salzger 26.04.2020 mit musikalischem Vor- und Nachspiel von Christoph Salzger

Liebe Gemeinde,

„Wenn ich noch einmal auf die Welt kommen sollte, dann nur als Hund.“ Diesen Satz habe ich tatsächlich schon einmal von einer Hundebesitzerin gehört. Auf meine überraschte Frage, warum sie denn ausgerechnet als ein Hund wieder auf die Welt kommen wolle, gab sie mir die folgende Antwort. „Sehen Sie, ein Hund hat es doch wirklich gut. Wenn ich da nur an meinen Hund denke! Er weiß genau, dass ich immer für sein Fressen sorge. Und auch seine Trinkschale ist immer voll. Da muss er sich um nichts Sorgen machen. Und wenn wir draußen unterwegs sind, dann weiß er genau, dass er sich auf mich immer verlassen kann. Wenn ihn ein anderer Hund angreift, dann gehe ich dazwischen und beschütze ihn. Der hat es wirklich gut, mein Hund!“ Irgendwie kann ich die Frau tatsächlich verstehen. So ein Hundeleben kann wirklich einfach sein. Ohne Sorgen um das Lebensnotwendige, ohne Angst vor Bedrohungen und Gefährdungen für meine Sicherheit und mein Leben und in der Gewissheit, dass da jemand ist, der immer für mich da ist und für alles sorgt, was ich zum Leben brauche – so ein Leben wünscht man sich doch, nicht nur als Haustier, sondern auch als Mensch.

Der Hund und sein Frauchen oder Herrchen – ein Symbol für bedingungslose Treue und Verantwortung. „Du bist ewig verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast.“ So hat es der kleine Prinz einmal gesagt. Als Hundehalterin und Hundehalter ist man verantwortlich für sein Haustier und für sein Wohlergehen in jeder Situation. Und diese Verantwortung geht über das bloße Befüllen von Futternapf und Trinkschale weiter hinaus. Wer ein Haustier sein Eigen nennt, muss auch für es einstehen. Für den Schaden, den es verursacht, muss man auch finanziell geradestehen. Und wenn es einmal in Gefahr ist, dann ist man mit der ganzen Person gefordert, auch wenn es vielleicht sogar bedeutet, sich selbst in Gefahr zu bringen, etwa wenn ein anderer Hund angreift. Wer sich ein Haustier anschafft, sollte das wissen und bereit sein, diese Verpflichtung zu übernehmen.

Dies galt in früheren Zeiten insbesondere auch für eine Berufsgruppe, für die Hirten. Sie waren verantwortlich für die Schafe. Und dabei war es gleichgültig, ob die Tiere ihnen selbst gehörten oder sie nur die Herde eines anderen hüteten. Von den Hirten wurde immer ganzer Einsatz für die ihnen anvertrauten Tiere erwartet. Die Suche nach saftigen Wiesen und sprudelnden Wasserquellen gehörte ebenso dazu wie der Kampf gegen wilde Tiere. Und nicht selten kam dabei auch der Hirte selbst zu Schaden. Denn der Angriff eines Wolfes oder sogar eines Löwen bedeutet ja nicht nur für die Tiere höchste Gefahr, sondern auch für das Leben des Hirten selbst. Doch ein guter Hirte nahm dies alles auf sich und war mit Leib und Seele für seine Schafe dar. Und so ist der gute Hirte sprichwörtlich geworden und zu einem Bild für jemanden, der sich mit all seiner Kraft für die ihm Anvertrauten einsetzt. Wie gut wäre es, wenn wir gerade in dieser schwierigen und bedrohlichen Situation der Corona-Pandemie einen solchen guten Hirten, eine so engagierte Hundebesitzerin an unserer Seite hätten! Jemanden also, der oder die unsere Bedürfnisse gerade jetzt genau kennt und dafür sorgt, dass wir das Notwendige bekommen. Jemand, die oder der versucht, uns unsere Sorgen und Ängste zu nehmen. Jemand, der oder die uns vor den allgegenwärtigen Gefahren durch Corona zu schützen versucht. Und eben jemand, die oder der dabei nicht in erster Linie darauf bedacht ist, dass es ihm oder ihr selbst gut geht und sie oder er sicher durch diese Krise hindurchkommt.

Und tatsächlich erleben wir, gerade in diesen Tagen, genau dies. Menschen versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten gute Hirtinnen und Hirten ihrer Schafe zu sein. Da sind die Eltern, die für ihre Kinder alles tun, damit diese sicher leben können und trotz aller Einschränkungen in ihren besonderen Bedürfnissen nicht zu kurz kommen. Da ist die Familie, die für ihre gefährdeten Mitglieder da ist, sei es beim Einkaufen, sei es am Telefon zu Gesprächen und für die uns als Menschen so wichtigen sozialen Kontakte. Da sind die Nachbarn, die auf die Menschen in der Nachbarschaft achten und ihnen dabei helfen, den Alltag irgendwie zu bewältigen. Und das, auch wenn sie selbst oft zur sogenannten Risikogruppe dazugehören. Da sind die Menschen, die in den unterschiedlichsten Berufen für andere und auch für uns da sind, damit es uns an nichts fehlt. Da sind die Politikerinnen und Politiker, die versuchen, das große Ganze im Blick zu behalten und das Bestmögliche für alle Beteiligten zu erreichen. Hirtinnen und Hirten in der Krise, so möchte man sie alle fast bildlich betiteln.

Doch sie alle stoßen immer wieder auch an ihre Grenzen. Erschöpfung, Mutlosigkeit, Resignation, Verzweiflung – all das sind Empfindungen, die ihnen nicht unbekannt sind und die, je länger die Krise andauert, mehr und mehr Raum einnehmen. Wie soll man da noch eine gute Hirtin oder ein guter Hirte bleiben, wenn man selbst an seine Grenzen kommt und oft schon weit darüber hinausgegangen ist? Wo ist der gute Hirte, der für die vielen guten Hirtinnen und Hirten unserer Zeit sorgt, der darauf achtet, dass auch sie beschützt und behütet sind, der mit Leib und Leben für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden einsteht und bei dem sie sich immer sicher und geborgen fühlen können? Wo ist dieser gute Hirte?

Da gibt es jemanden, der von sich selbst gesagt hat: „Ich bin der gute Hirte.“ Und was er damit gemeint hat, wie er seine Aufgabe, sein Amt verstanden hat, das hat er uns und aller Welt sehr deutlich gezeigt.

Im 1. Petrusbrief heißt es: Und eben dazu hat er euch berufen. Ihr wisst doch: Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Ihr wisst: »Er hat kein Unrecht getan; nie ist ein unwahres Wort aus seinem Mund gekommen. «Wenn er beleidigt wurde, gab er es nicht zurück. Wenn er leiden musste, drohte er nicht mit Vergeltung, sondern überließ es Gott, ihm zum Recht zu verhelfen. Unsere Sünden hat er ans Kreuz hinaufgetragen, mit seinem eigenen Leib. Damit sind wir für die Sünden tot und können nun für das Gute leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden! Ihr wart wie Schafe, die sich verlaufen haben; jetzt aber seid ihr auf den rechten Weg zurückgekehrt und folgt dem Hirten, der euch leitet und schützt. (1.Petr. 2, 21-25)

In dieser Zeit kommen wir von Karfreitag und von Ostern her. Kaum 14 Tage liegt das Osterfest zurück. Wir haben uns an diesen guten Hirten und an seinen Einsatz für uns, seine Schafe, erinnert. Bedingungslose Treue, Aufopferung ohne Rücksicht auf die eigene Person, ja Hingabe bis in den Tod – all das zeichnet diesen guten Hirten aus. Jeder hätte es wohl verstanden, wenn Jesus, als es buchstäblich um Leben und Tod ging, die letzte Gelegenheit genutzt hätte, um seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen. Hatte er bis dahin nicht schon genug getan? War er nicht auch jetzt schon ein guter Hirte gewesen für die, die ihm anvertraut waren? Hatte er ihnen nicht schon genug mit auf den Weg gegeben an Stärkung, an Mutmachung, an Sicherheit? Nein, er ist den Weg für seine Herde bis zum bitteren Ende gegangen. Er hat sein Leben eingesetzt und geopfert, um seine Schafe, um uns, zu retten. Wir dürfen leben, weil er sein Leben aufgegeben hat. Keine Herde könnte sich je einen besseren Hirten wünschen.

Wenn wir heute in unseren Berufen und bei den Aufgaben, vor denen wir in dieser Krise stehen, für die Menschen, die uns anvertraut sind, auch als gute Hirtinnen und Hirten gefordert sind, dann kann und soll Jesus darin unser Vorbild sein. Ihm sollen wir nachfolgen; seinem Vorbild sollen wir nacheifern. Doch diese Fußstapfen, in die wir da, bildlich gesprochen, gerade treten, sie sind groß – zu groß, ja zu riesig für uns. Denn die Anforderung, alles, wirklich alles aufzugeben und sich mit allem, wirklich allem, was ich habe, für andere einzusetzen, ja sogar ohne Rücksicht auf das eigene Leben – ist dies nicht eine zu große Anforderung, ja eine Überforderung?                                                       Das ist es ohne Zweifel. Wir sind Menschen, wir sind nicht Jesus, wir sind nicht Gott! Und darum kann unsere Nachfolge als gute Hirtinnen und Hirten immer auch im Rahmen unserer Möglichkeiten erfolgen. Und damit ist immer auch zugleich eine Grenze unseres Tuns markiert, denn diese unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Und es ist gut, um die Begrenzung auch zu wissen und sich dadurch nicht selbst zu überfordern. Wir sind, wenn man so will, immer nur Hirtinnen und Hirten in Teilzeit. Unsere Aufgabe umfasst nicht die ganze Herde und auch nicht jede Situation, in die die Schafe, die uns Anvertrauten, hingeraten können. Dies müssen wir uns immer wieder vor Augen führen und uns darin erinnern. Unsere Aufgabe und unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Das gilt insbesondere jetzt in der Krise – und es gilt auch sonst.

Und wenn wir in unserer Tätigkeit als Teilzeithirtinnen und -hirten dann immer wieder unausweichlich an unsere Grenzen stoßen, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass es diesen einen Hirten gab und gibt, der für uns, seine Herde, mit seinem Leben einstand und immer wieder einsteht; der sich ganz für uns geopfert hat, damit wir, seine Schafe, leben können. Wo wir an unsere Grenzen stoßen, ja stoßen müssen, da steht er und geht über diese Grenzen hinaus. Was wir nicht vermögen, er tut es. Und darauf dürfen wir vertrauen, wenn wir, gerade jetzt, auf unseren vielen verschiedenen Wegen unterwegs sind, um anderen, die unsere Hilfe, in welcher Form auch immer, benötigen, beizustehen und zu helfen.

Darum: Lasst uns gute Hirtinnen und Hirten sein in der Gewissheit, dass wir selbst auch Schafe sind in der Herde des einzig wahren guten Hirten, Jesus Christus! Amen.

Gewissheit- Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti von Pfarrerin Jasmin Salzger 19.04.2020 mit musikalischem Vor- und Nachspiel von Christoph Salzger

Liebe Gemeinde,

Warum durfte ich an Ostern nicht zu Oma und Opa? Vielleicht haben Sie in den letzten Tagen diese Frage auch schon einmal von Ihren Kindern oder Enkeln gehört. Wegen des Virus. So lautet in der Regel die erste und natürlich auch richtige Antwort. Doch ist diese Antwort wirklich befriedigend für die Kinder? Ein Virus soll das alles verursacht haben? Ich kann ihn ja noch nicht einmal sehen oder fühlen. Das ist für Kinder eigentlich unvorstellbar. Und wenn wir ehrlich sind, dann geht es uns Erwachsenen manchmal auch nicht anders. Was man nicht sehen, nicht fühlen, nicht riechen, nicht schmecken, nicht im wahrsten Sinne des Wortes „begreifen“ kann, kann das überhaupt wirklich sein? Da bleiben doch zumindest Zweifel übrig. Das geht uns aber nicht nur beim im Moment allgegenwärtigen Corona-Virus so, sondern auch bei anderen Phänomenen. Angefangen bei der Handystrahlung, die zwar schädlich sein soll, die ich aber auch weder spüren noch überhaupt direkt wahrnehmen kann, über kleine Mikroorganismen, die vielleicht sogar hilfreich sind für unser Leben, bis zu den unglaublich kleinen Teilchen in der Physik, wie z.B. den Atomen – alles Phänomene, die eine Bedeutung in unserem Leben haben, die wir aber nicht direkt mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Und immer wieder gibt es auch Menschen, die sagen: was ich nicht mit den Augen sehen, mit den Ohren hören, mit meinen Händen begreifen, mit meiner Zunge schmecken oder mit meiner Nase riechen kann, das gibt es für mich nicht. An seine Existenz kann ich nicht glauben.                                                             

Auch ein biblisches Vorbild für ein solches Denken gibt es. Im Johannesevangelium wird im 20. Kapitel von ihm erzählt:

Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben. (Joh. 20, 24-25)

Ich kann Thomas gut verstehen. Wie sollte er das glauben, was die anderen ihm da erzählten. Es war ja auch wirklich allzu unglaubwürdig, zu phantastisch. Und er war ja auch nicht dabei gewesen und hatte es selbst erlebt. Dann, ja dann wäre es etwas anderes gewesen. Dann wäre auch er überzeugt gewesen. Dann würde auch er ganz begeistert und erfüllt von Freude und Jubel anderen davon erzählen. Zweifel gäbe es für ihn dann nicht mehr. Aber, wie gesagt, er war ja nicht dabei gewesen. Und die Erzählungen der anderen allein reichten ihm nicht aus. Ich kann ihn gut verstehen. Einen Beweis verlangt er. Er will es mit seinen eigenen Augen sehen und mehr noch, er will es spüren. Denn auch die Augen können getäuscht werden oder sich selbst täuschen. Erst durch die Berührung mit den eigenen Händen kann aus Zweifel Gewissheit werden. Erst dann würde Thomas dem vertrauen, was die anderen ihm erzählt haben.

Ob Thomas letztendlich wirklich damit gerechnet hat, dass seine Forderungen erfüllt würde, das wissen wir nicht. Ob Thomas es am Ende von ganzem Herzen wollte, dass es wahr war, was die anderen erzählten, das wissen wir nicht. Er war eben der ungläubige Thomas – und als dieser ist er auch in die Geschichte eingegangen. Als der, der mehr als die anderen Jünger Gewissheit verlangte. Als der, der seinen Glauben an eine Vorbedingung knüpfte. Und damit als der, der uns Menschen heute eigentlich besonders nahesteht. Kein Glaubensheld, der nur auf das Wort „Er ist auferstanden.“ der anderen hin in Jubel ausbrach und sein ganzes Leben darauf ausrichtete. Vielmehr jemand, der zweifelte und alles hinterfragte. Er, von dem er wusste, dass er ans Kreuz geschlagen worden war, dessen Tod und dessen Beerdigung ihm berichtet worden war, er sollte wieder leben? Er sollte den Tod überwunden haben und dem Grab entstiegen sein? Wie sollte er an diese phantastische Geschichte auch glauben können?

Doch dann kam der Moment, den er erhofft, ersehnt und vielleicht doch nicht erwartet hatte.

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Joh. 20, 26-29)

Wieder einmal, eine Woche später, waren die Jünger Jesu in einem Haus versammelt. Und diesmal war Thomas dabei. Da trat plötzlich Jesus mitten unter sie. Und schlagartig war Thomas alles klar. Alle Zweifel waren verflogen. Die Wahrheit traf ihn bis ins Herz. Jesus ist auferstanden! Er lebt! Die Beweise, die er vorher verlangt hatte, sie waren nun überflüssig geworden, auch wenn Jesus ihm seine Hände mit den Nägelmalen und seine Seite mit der Wunde von der Lanze als Beweis anbot. Angesichts der Gegenwart des Auferstandenen blieb nur noch das Bekenntnis des Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“. Durch die persönliche Begegnung mit Jesus wurde aus Zweifel und Unglauben Glauben und Gewissheit.

Diese direkte, körperliche Begegnung mit Jesus aber ist es, die uns Menschen heute fehlt. Daher ist unser Glaube immer auch mit Zweifel verbunden. Zweifel, die von außen an uns herangetragen werden. „Wie kann man in einer Zeit, in der die Wissenschaft schon auf fast alle Fragen unseres Lebens eine Antwort hat, in der Computer und künstliche Intelligenz uns unser Leben immer einfacher zu machen scheinen – wie kann man in dieser Zeit noch an Wunder wie die Auferstehung eines Gekreuzigten glauben? Wie kann man angesichts der aktuellen weltweiten Krise noch an einen gnädigen und barmherzigen Gott glauben, dem wir als Menschen ganz wichtig sind? Mit solchen oder andern kritischen Anfragen werden wir als Christen 2020 von unterschiedlichen Seiten konfrontiert. Und genauso werden auch aus unserer unmittelbaren Umgebung ähnliche Fragen an uns ganz persönlich herangetragen. „Du bist doch eigentlich ganz vernünftig. Wie kannst du da noch in der Kirche gehen oder im Internet digitale Angebote der Kirche nutzen?“ Solche Anfragen und solche Kritik kann in uns Zweifel wecken.

Und da ist auch noch der Zweifel, der aus uns selbst kommt. Was wir selbst erleben an Ungutem und Schlechtem in unserem Leben, das kann uns zweifeln, ja verzweifeln lassen, an der Kirche, an unserem Glauben, an Gott.

Zweifel – sie haben im Glauben immer einen Platz. Wer glaubt, muss deshalb nicht seinen Verstand ausschalten. Und doch, im Glauben werden wir immer wieder an die Grenze dessen kommen, was wir mit unserem Verstand begreifen können. Die Auferstehung Jesu von den Toten und ihre Bedeutung für uns, sie wird letztendlich immer ein Geheimnis bleiben, das wir nie ganz verstehen werden. Gottes unendliche Liebe zu uns ist ein Geschenk, das wir annehmen können; aber die Frage, warum Gott gerade uns, gerade mich liebt, sie wird letztendlich immer unbeantwortet bleiben – und damit ein Einfallstor des Zweifels.

Doch diese Zweifel können auch etwas Gutes haben. Sie stellen Althergebrachtes auf den Prüfstand und der Satz „Das war schon immer so!“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht!“ verliert seine unwidersprochene Gültigkeit. Und so kann sich unser Glaube gerade auch durch den Zweifel weiterentwickeln und uns nach einer Phase der Verunsicherung neuen, ja besseren Halt für unser Leben geben.

Im Falle von Thomas gehören der Zweifel und die Begegnung mit dem Auferstanden zusammen. Nur beides zusammengenommen lässt ihn als ersten der Jünger die Wahrheit erkennen und bringt ihn zu seinem Bekenntnis „Mein Herr und mein Gott!“. Und so wird aus dem Zweifler, dem sprichwörtlichen ungläubigen Thomas der unerschütterlich glaubende Jünger Jesu. Und so kann gerade dieser Thomas für uns in unseren Glaubenszweifeln zum Vorbild werden. Glauben und vor allem die Weiterentwicklung des eigenen Glaubens ohne Zweifel gibt es nicht. Ja, der Zweifel ist gleichsam ein Motor, der unseren Glauben voranbringen kann. Deshalb wünsche ich uns allen, die wir glauben, nicht nur feste, unerschütterliche Glaubensgewissheit, sondern eben auch Glaubenszweifel, die unseren Glauben wachsen lassen. Amen.

Verstehen- Predigt zum Ostersonntag von Pfarrerin Jasmin Salzger (12.04.2020)

Liebe Gemeinde, haben Sie schon einmal Ihren Schlüssel gesucht und fanden ihn nicht? Und dann stellte sich heraus, dass er genau da lag, wo er immer liegt, aber Sie haben ihn nicht gesehen. Sie schütteln Kopf und denken: „Wie konnte mir das denn jetzt passieren? Da hatte ich wirklich Tomaten auf den Augen.“ So etwas passiert wahrscheinlich jeder und jedem von uns – und das nicht nur bei so alltäglichen Dingen wie der Suche nach dem Schlüssel. Da ist die Schülerin, die die Matheaufgabe auch nach der dritten Erklärung des Lehrers nicht versteht, bis es dann plötzlich mit Hilfe einer Mitschülerin „Klick“ macht und alles ganz einfach ist. „Wie konnte ich nur so blöd sein“, denkt sie sich. Da sind die Eltern, die einfach nicht verstehen können, warum ihr Sohn immer wieder in der Schule negativ auffällt und Ärger bekommt. Bis es dann dank einer außenstehenden Person, z.B. eines Lehrers, klar wird: er ist einfach nur unterfordert. Ihm ist langweilig und er bräuchte eigentlich viel anspruchsvollere Aufgaben. „Warum haben wir das nicht schon längst gesehen? Die Zeichen dafür waren doch so deutlich!“, so denken die Eltern dann. Oder da ist die Seniorin, die trotz aller Erklärungsversuche des Sohnes einfach nicht mit dem neuen Smartphone zurechtkommt. Doch dann erklärt es die Enkelin – und der Knoten ist geplatzt. Die whatsapp-Nachrichten sprudeln nur so – zur Freude oder auch zum Leidwesen der Kinder und Enkel. „So schwer ist das doch gar nicht. Das hätte ich doch sofort kapieren müssen“, so denkt die Seniorin vielleicht – und schreibt die nächste Nachricht. Manchmal hat man wirklich das sprichwörtliche Brett vor dem Kopf. Da ist etwas direkt vor Augen und klar und deutlich zu erkennen – und doch sieht man es nicht. Und man versteht es nicht. So ging es auch den beiden Männern, die sich von Jerusalem aufgemacht hatten in ein kleines Dorf mit Namen Emmaus. Hinter ihnen lag eine wirklich schwierige Zeit. Und noch immer konnten sie nicht so ganz begreifen, was da eigentlich passiert war. Kaum eine Woche war es erst her, da waren sie alle zusammen im Triumphzug nach Jerusalem gekommen. Die Menschen hatten ihm zugejubelt. Hosianna hatten sie gerufen. Wie ein König war er in die Stadt eingezogen. Und etwas von dem Jubel und der überschäumenden Begeisterung war auch auf sie, seine Begleiter und Freunde, abgefallen. Sie waren so etwas wie sein Hofstaat gewesen – und voller Vorfreude auf die großen Dinge, die nun noch passieren sollten. Große Dinge, bedeutende Taten – doch was dann kam, war etwas vollkommen anderes, eigentlich das genaue Gegenteil. Verrat, Versagen, Verleugnung, Verzweiflung, Verlassenheit, Verlust – das sollte die nächsten Tage prägen und bestimmen. Und am Ende standen sie ganz alleine da, jeder für sich mit seiner Angst, seiner Enttäuschung, seiner Scham und Reue, seiner Hoffnungslosigkeit. Und warum das alles? Musste das Ende wirklich das Kreuz sein? Hätte es nicht einen anderen, einen besseren Weg gegeben? Und dann auch das noch, sozusagen der letzte Akt in diesem Drama. Am Morgen waren einige Frauen zu ihnen gekommen und hatten behauptet, das Grab sei leer. Und als wäre das noch nicht genug, behaupteten sie sogar noch, dass sie Engel gesehen hätten. Das alles ging wirklich über den Verstand der beiden Männer. Und so verließen sie Jerusalem – aus Angst, selbst noch verhaftet und getötet zu werden, oder einfach nur, um Abstand von all dem zu gewinnen. Aber natürlich drehte sich auf dem ganzen Weg, den ganzen 11 Kilometern bis nach Emmaus, alles um die Geschehnisse der vergangenen Tage. Sie konnten es einfach nicht fassen, nicht verstehen. Ihr Gespräch drehte sich im Kreis und sie kamen nicht weiter. Und so wie wir manchmal heute, so brauchten auch sie jemanden, der ihnen half zu verstehen. Irgendwann auf ihrem Weg stieß eine dritte Person zu ihnen. Wer es war, das bemerkten die beiden nicht. Das Brett vor ihrem Kopf verhinderte es, dass sie die Wahrheit erkannten. Auch als er ihnen alles, was in den vergangenen Tagen in Jerusalem geschehen war, erklärte, verstanden sie zwar manches besser, nicht aber das Entscheidende. Ihnen wurde klar, dass der Tod Jesu unumgänglich, ja notwendig gewesen war. Denn nur so konnte er zum Retter Israels, ja zum Retter der ganzen Menschheit werden. Nur so konnte er sogar den Tod besiegen. Ein wenig fielen die Scheuklappen von ihren Augen ab, aber nur ein wenig. Um ihn zu erkennen, um zu verstehen, wer da mit ihnen sprach, brauchte es noch mehr, brauchte es ein Zeichen. Sie nahmen den Fremden mit in ihr Haus und luden ihn ein, mit ihnen zu essen. Und erst jetzt, in seiner Art das Brot zu nehmen, dafür zu danken, es zu brechen und es ihnen zu geben erkannten sie ihn, erkannten sie Jesus, den Gekreuzigten, der wirklich von den Toten auferstanden war. Jetzt fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen. Nun erst verstanden sie wirklich alles, was er gesagt hatte. Jetzt brauchten sie keine Hilfe mehr um zu verstehen. Und deshalb verschwand Jesus. Die beiden Jünger aber machten sich auf, zurück nach Jerusalem, um allen davon zu erzählen: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Ihre Erleichterung, ihre Freude, ihr Jubel waren schier grenzenlos. Ich muss sagen, ich beneide die beiden Jünger um diese Erfahrung. In der Begegnung mit Jesus selbst erkennen sie und verstehen sie. Der Leidensweg Jesu bis hin zu seiner Kreuzigung und bis zu seiner Auferstehung von den Toten, für sie ist all das nun verständlich und klar. Aber ich bin nicht nach Emmaus gegangen. Ich habe nicht mit Jesus von Angesicht zu Angesicht gesprochen. Ich habe nicht mit ihm das Abendmahl gefeiert – und ihn dabei erkannt. Und darum fehlt mir auch ihr klares und festes Verständnis. Meine Unsicherheit, meine Anfragen, meine Zweifel bleiben, auch und gerade angesichts von Ostern 2020. Und doch, vielleicht kann die Geschichte von den zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus auch uns heute Mut machen in all unseren Zweifeln und Fragen. Die Jünger verstanden nicht, was da geschehen war. Ihre Erfahrungen, die sie bisher mit Jesus gemacht hatten und über die sie sicherlich auch immer wieder nach seinem Tod mit den anderen Jüngern gesprochen haben, änderten daran nichts. Die Gespräche mit den anderen Jüngern, die immer wieder um dieses „Warum?“ kreisten, halfen ihnen nicht. Und selbst das Gespräch auf dem Weg mit Jesus selbst brachte ihnen nicht die Erkenntnis. Sie verstanden nicht und sie konnten auch nicht verstehen. Denn das, was da in Jerusalem und auf Golgatha geschehen ist, geht über unseren Verstand weit hinaus. Wir können es nicht begreifen, so wenig wie die Jünger damals auch. Es ist die Erfahrung mit dem Auferstandenen, die die Jünger erkennen und verstehen lässt. Es ist letztendlich eine Sache des Glaubens und nicht des Verstandes oder, wie es im „Kleine Prinzen“ heißt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut; das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Um das Geheimnis von Ostern zu verstehen, brauchen wir keine langen wissenschaftlichen Abhandlungen, keine wohl durchdachten Vorträge, keine ausgefeilten Predigten. Wir brauchen das Herz: wir brauchen den Glauben. Und dieser Glaube ist ein Geschenk, das Geschenk Gottes an die Jünger damals und an uns heute. Darum dürfen wir ihn bitten und darauf dürfen wir vertrauen. Amen.

VERLOREN Impuls in der Karwoche Karsamstag von Pfarrerin Jasmin Salzger

Liebe Gemeinde, „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ So heißt es in einem bekannten Sprichwort. Doch was ist, wenn es wirklich passiert? Wenn alles, auch die Hoffnung, verloren scheint? Wenn man an einem Punkt angekommen ist, an dem es kein Zurück mehr, aber auch kein Vorwärts mehr gibt? Ein solcher Augenblick gehört wohl zu den tiefsten Punkten, zu denen wir in unserem Leben gelangen. Einen Moment größerer Verzweiflung, Mutlosigkeit, Ausweglosigkeit kann es kaum geben. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Und wenn sie stirbt, dann ist wirklich alles aus. An diesem Punkt waren auch einige Frauen angekommen. Bis zuletzt hatten sie gehofft und gebetet. Bis zum allerletzten Augenblick waren sie bei ihm geblieben. Sie hatten ihn nicht verlassen. Sie hatten ihn nicht verraten. Sie hatten ihn nicht verleugnet. Sie waren nicht einfach geflohen. Sie waren ihm bis zuletzt treu geblieben. Sie hatten seine Schmerzen, seine Qualen mit ausgehalten und waren ihm, so gut es nur ging, Begleiterinnen und Freundinnen gewesen. Und selbst, als die Hoffnung dann wirklich gestorben war, blieben sie. Sie begleiteten ihn auch noch bis in das Grab hinein. Sie leisteten ihm den letzten Dienst, indem sie ihn, zumindest provisorisch, für das Grab vorbereiteten. Die Frauen hatten sich wirklich nichts vorzuwerfen – anders als diejenigen, die sich immer als seine Freunde, seine Jünger bezeichnet hatten. Doch jetzt standen die Frauen vor dem Nichts. Alle Hoffnung, die sie in Jesus gesetzt hatten, auf ein besseres Leben für das Volk Israel und auch für sie selbst, auf die Anerkennung, die ihnen als Frauen sonst nie zuteil wurde, all dies war zusammen mit ihm am Kreuz von Golgatha gestorben und mit ihm in das Grab gelegt worden. Und nun lag der Stein davor als ein endgültiges und schier unverrückbares Zeichen der totalen Hoffnungslosigkeit. Die Frauen, die Jesus auf seinem Weg begleitet hatten, sie standen wirklich vor dem Nichts. Anders als die Jünger konnten sie nicht einfach so in ihr altes Leben zurückkehren. Sie konnten nicht einfach so wieder fischen gehen, so als ob nichts gewesen wäre. Alles hatten sie für ihn aufgegeben, weil sie an ihn und seine Botschaft geglaubt haben. Einen Weg zurück gab es nicht mehr. Aber auch keinen Weg nach vorne. An diesem ersten Tag nach der Kreuzigung war nur noch Platz für Resignation, für Verzweiflung und vollkommene Mut- und Hoffnungslosigkeit. Und nicht einmal das allerkleinste sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels war zu sehen. Vor ihnen lag nur noch Dunkelheit und Ungewissheit. Und das einzige, was sie jetzt noch in Bewegung hielt, war die Aufgabe, die sie morgen früh noch zu bewältigen hatten – die endgültige Bereitung des Leichnams Jesu im Grab. Es würde der letzte Dienst, ja Liebesdienst, sein, den sie ihm tun konnten. Und sie würden es voller Traurigkeit, aber auch voller Liebe und Hingabe tun. Und danach dann Nichts mehr! Karsamstag, so nennen wir diesen Tag nach der Erinnerung an die Kreuzigung Jesu. Es ist ein merkwürdiger, stiller Tag. In vielen Gemeinden schweigen heute die Glocken. Und es gibt auch keine Passionsandachten und Gottesdienste mehr – auch keine digitalen in dieser außergewöhnlichen, ja bisweilen auch mut- und fast schon hoffnungslosen Zeit. Schweigen, das ist jedenfalls in der Kirche das besondere Kennzeichen dieses einen Samstags. Schweigen, weil es nach dem Kreuz von Golgatha und angesichts des verschlossenen Grabes nichts mehr zu sagen gibt. Für die Frauen damals nicht – und für uns heute ebensowenig. Doch dieser Samstag hat manchmal noch einen zweiten Namen, nämlich Ostersamstag. Denn er ist nicht nur der Tag nach Karfreitag, sondern auch der Tag vor Ostersonntag. Was die Frauen damals nicht wussten, wir wissen es. Mit Kreuz und Grab war nicht alles vorbei. Es gab diesen Tag danach. Den Tag, an dem als erste die Frauen das leere Grab finden würden, vor allen Jüngern. An dem sie als erste wieder in Kontakt zum Auferstandenen treten würden. Doch das lag für die Frauen noch in der Dunkelheit der Zukunft verborgen. Sie hatten alles verloren – doch eigentlich bedeutete dieser Verlust den allergrößten Gewinn. Doch damit dieser Gewinn überhaupt möglich war, darum brauchte es erst den Verlust, die vollkommene Hoffnungslosigkeit, für die als Zeichen das Kreuz steht. Vor Ostern musste erst Karfreitag kommen. Und das Scharnier zwischen beidem ist der Karsamstag, der Ostersamstag. Alles verloren und damit alles – und noch viel mehr – gewonnen. Dies galt für die Frauen damals – und es gilt für uns heute noch immer. Amen.

VERLASSENHEIT Predigt zu Karfreitag von Jasmin Salzger (10.04.2020)

Liebe Gemeinde, „Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei.“ Diese Grundaussage über den Menschen steht ganz am Anfang. Gott selbst ist es, der sie formuliert und danach handelt. Und aus einem Menschen werden zwei – und daraus dann die ganze Menschheit. Der Mensch soll nicht alleine sein. Oder, wie es der antike Philosoph Aristoteles gesagt hat: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir Menschen brauchen die Gemeinschaft mit anderen. Wir sind auf den Austausch mit anderen angewiesen, den Kontakt, die Gespräche, ja auch die Berührungen. Das fängt schon in der frühesten Kindheit an. So schnell wie möglich wird das neugeborene Kind mit seiner Mutter – und, wenn möglich, auch mit seinem Vater in Kontakt gebracht. So wird eine Beziehung aufgebaut, die ein ganzes Leben lang halten soll und die für das Kind – und auch für die Eltern – ungeheuer wichtig, ja existentiell ist. Und es soll nicht die einzige Beziehung, der einzige Kontakt werden, den ein Mensch im Laufe seines Lebens haben wird. Andere Menschen treten in das Leben und bestimmen es mit, zumindest für eine gewisse Zeit. Ja, wir Menschen brauchen unbedingt den Kontakt zu anderen. Und wenn ein Kontakt, aus welchen Gründen auch immer, abbricht, dann erfahren wir das als einen deutlichen, ja schmerzhaften Einschnitt. Diese an sich ganz selbstverständlich Einsicht in das Wesen von uns Menschen wird gerade in der aktuellen Situation wieder greifbar, spürbar, erfahrbar. Kontaktsperre, die Aufforderung, zu Hause zu bleiben und die direkten, sozialen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren, Quarantäne und Isolation lassen uns schmerzlich spüren, wie sehr wir die Gemeinschaft und den direkten Kontakt eigentlich brauchen, um leben zu können, um Mensch sein zu können. Nicht das Fehlen von Dingen des alltäglichen Lebens, wovon die leeren Supermarktregale für Mehl, Konserven und Toilettenpapier zeugen, sondern der Verlust des sozialen Lebens ist das Hauptproblem der gegenwärtigen Krise. Einsamkeit und Verlassenheit sind ebenso Schwierigkeiten, vor denen viele Menschen gerade jetzt stehen. Verlassenheit – das war auch für Jesus in den letzten Tagen und Stunden seines Lebens DAS große Thema. Im Garten Gethsemane, in der Stunde größter seelischer Not war er allein. Die drei Jünger, die ihn begleitet hatten, schliefen. Dabei hatte er auf sie gehofft und sie fast schon flehentlich gebeten: „Bleibet hier und wachet mir, wachet und betet!“ Doch in dieser dunklen Stunde blieb er letztendlich auf sich allein gestellt, einsam, ohne die Nähe dieser Drei. Und statt ihres Beistandes, ihrer Nähe, erlebte Jesus das Versagen seiner Freunde. Später, als ihn die Soldaten und Häscher gefangen nahmen, wo waren da die Menschen, die ihn bisher begleitet hatten? Wo waren die Menschen, die sich selbst als seine Jünger, als seine Freunde bezeichnet hatten? Sie waren verschwunden, vom Ort der Gefangennahme geflohen und in alle Richtungen auseinandergelaufen. Er aber blieb ganz allein zurück, inmitten von Menschen, die ihm Böses wollten. Und zur Verlassenheit war die Erfahrung des Verrats hinzugekommen. Die nächste, noch größere Enttäuschung, sie ließ nicht lange auf sich warten. Im Hof des Hohepriesters begegnete dem Gefangenen sein engster, bester Freund, auf den er sich immer hatte verlassen können – und tat so, als würde er ihn gar nicht kennen. Zur Verlassenheit kam die Verleugnung. Und aus Angst wurde mehr und mehr Verzweiflung. Auch den weiteren Weg, hinein zu den Hohepriestern und Anführern des Volkes Israel, zu Pilatus, zu seinem Landesherrn Herodes, zu den Folterknechten, die ihn erniedrigten und quälten, bis hin zum Kreuz auf Golgatha, musste Jesus allein gehen. Niemand war bei ihm, niemand begleitete ihn, tröstete ihn, richtete ihn auf. Kein Mensch – und auch nicht Gott. So jedenfalls scheint es. Zu Jesu Gebet im Garten Gethsemane hatte Gott geschwiegen. Wo war er gewesen, als sie ihn gefangen nahmen, verhörten, quälten und erniedrigten? Wo war Gott, als sie ihn schließlich ans Kreuz schlugen? Von allen Menschen, die ihm wichtig gewesen waren und denen er vertraut hatte, ist er verlassen worden – und nun auch von Gott, dem er bedingungslos vertraut hatte und auf den sein ganzes Reden und Handeln ausgerichtet war? War zur Menschenverlassenheit jetzt auch noch die Gottverlassenheit dazugekommen, an diesem größten und schwärzesten Tiefpunkt seines Lebens? Jesu letzte Worte am Kreuz, kurz vor seinem Tod, scheinen dieses Gefühl der Gottverlassenheit Jesu auf den Punkt zu bringen. Im Markusevangelium heißt es: Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia. Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme! Aber Jesus schrie laut und verschied. Jesus stirbt, von allen Menschen – und von Gott – verlassen. Und die Menschen, die doch dabei sind, verspotten ihn sogar noch in seiner seelischen Qual. Der auf Gemeinschaft, auf Beziehung und Kontakt angelegte Mensch ist in der Stunde seines Todes allein, wirklich und wahrhaft allein. Und er erreicht damit den tiefsten nur denkbaren Punkt menschlicher Existenz. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Jesus stirbt gerade nicht mit der Anklage an Gott – Warum hast du mich verlassen“ – auf den Lippen. Wenn er hier nämlich den Anfang des 22. Psalms zitiert, dann ist für ihn – und für jeden gläubigen Juden, jede gläubige Jüdin – klar, dass er damit den ganzen Psalm meint. Und dieser endet nämlich nicht mit der Anklage an Gott, sondern mit dem Lobpreis Gottes, der die Klage und das Flehen des Beters in Not und Einsamkeit gehört und ihn errettet hat. In der schwersten Stunde seines Lebens weiß Jesus sich in der Liebe Gottes geborgen. Er spürt, dass er im Augenblick größter Verlassenheit gerade nicht verlassen ist von Gott. Gott ist bei ihm, Gott trägt ihn durch die Schmerzen und das Leiden, ja mehr noch, Gott begleitet ihn in den Tod – und durch ihn hindurch. Und der scheinbare Klageruf Jesu ist in wirklich ein Lobpreis und ein Dank an diesen nahen und gegenwärtigen Gott, diesen Gott, der auch durch den Tod hindurch die Beziehung zu Jesus aufrechterhält. Diese Erfahrung Jesu in seiner dunkelsten Stunde, diese unauslöschliche Zuversicht, sie kann auch uns in dieser Zeit der Verlassenheit, der Kontaktsperren, der Reduzierung aller sozialen Beziehungen auf das Nötigste, Mut und Zuversicht geben. Gott bleibt in Kontakt mit uns, er hält die Beziehung aufrecht und lässt uns nicht allein. Zu ihm können wir kommen mit all unseren Sorgen und Ängsten – immer und gerade auch jetzt. Daran wird auch Corona nichts ändern! Die Kontaktsperre gilt NICHT zwischen Mensch und Gott. Amen. Gebet In einer Zeit, in der Kontaktsperren an die Stelle von direkten Beziehungen getreten sind, bist du, treuer Gott, an unserer Seite. Du bist uns nahe und lässt uns nicht allein, auch wenn wir verlassen und einsam sind. Dafür danken wir dir. Wir bitten dich: Sei du bei denjenigen unter uns, die besonders von Einsamkeit und Verlassenheit betroffen sind. Lass sie immer wieder deine Nähe spüren. Sende ihnen Menschen, die für sie da sind, ihnen helfen und einfach nur den Kontakt zu ihnen halten – in welcher Form auch immer. Sei du bei allen, die von Krankheit und Tod bedroht sind. Hilf, dass ihnen die richtige Hilfe, die richtigen Maßnahmen zuteilwerden, damit sie gerettet werden können. Sei bei allen, die sich für andere Menschen einsetzen an dem Platz, an den du sie gestellt hast. Gib ihnen Kraft, Mut und Zuversicht, um diesen Weg weitergehen zu können. Erhalte ihre Gesundheit – für sie selbst und für diejenigen, für die sie verantwortlich sind. Sei du bei deiner Kirche, dass sie immer wieder ein Ort ist, an dem deine Nähe, deine Hilfe erfahrbar wird. Gib, dass sie Wege zu den Menschen findet, gerade in dieser Krise. Lass sie die richtigen Taten und Worte finden in dieser Zeit. Dir vertrauen wir uns an mit allem, was uns beschäftigt und was uns auf dem Herzen liegt. Amen.

VERZWEIFLUNG Impuls in der Karwoche Gründonnerstag von Jasmin Salzger (9.04.2020)

Liebe Gemeinde, ach, wenn ich doch an deiner Stelle gewesen wäre! Ich hätte es ganz bestimmt viel besser gemacht! Da bin ich mir ganz sicher. Das wäre mir nicht passiert. Ich denke, wir alle kennen solche Sätze. Wir haben sie selbst schon hören müssen. Oder vielleicht sind sie uns auch schon über die Lippen gekommen. Doch hinterher ist man immer schlauer. Im Rückblick, da fällt es einem schon leicht, das richtige zu erkennen. Eben dass, was in einer bestimmten Situation eigentlich dran gewesen wäre. Und ebenso leicht fällt es einem dann, den anderen zu verurteilen, der sich anders entschieden hat. Wenn wir in dieser Passionszeit den Weg Jesu bis ans Kreuz von Golgatha noch einmal mitgehen, dann begegnen uns eine ganze Reihe von Menschen. Und manchmal, da denkt man auch ganz unwillkürlich: warum hat er oder sie das denn jetzt gemacht. Es ist doch so offensichtlich, was hier eigentlich angesagt gewesen wäre. Eine Gruppe von Männern sticht da besonders heraus. Kopfschütteln über den Verrat des Judas. Unverständnis dafür, dass Petrus, Jakobus und Johannes im Garten Gethsemane einschlafen konnten. Die Hände über dem Kopf zusammenschlagen über die Verleumdung des erst so großsprecherisch auftretenden Petrus. All dies gehört dazu, wenn wir über den Leidensweg Jesu nachdenken. Und im Nachhinein, da wissen wir es natürlich viel besser. Doch halt, da fehlen doch noch welche! Bis jetzt ist doch erst von 4 Jüngern die Rede gewesen und noch nicht von allen 12. Die anderen 8, sie stehen quasi am Rande der Geschichte. In vielen Texten und Meditationen zur Passion fehlen sie völlig. Ein Grund mehr, sie einmal ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Zunächst, da stehen sie in einem etwas besseren Licht da als die anderen. Ich bin mir sicher, sie sind froh gewesen, dass nicht sie den Verrat begangen haben. Dass Jesus ihnen nicht auch die Verleumdung angekündigt hatte. Dass sie im Garten nicht dabei gewesen und eingeschlafen sind, als Jesus sie brauchte. Und wer weiß, vielleicht hat der eine oder andere auch gedacht: „Mir könnte so etwas nicht passieren! Ich weiß es besser als Petrus, Judas, Jakobus und Johannes!“? Doch dann das! Die Gefangennahme Jesu. Der ganze Garten voll von Bewaffneten. Verzweiflung und Angst macht sich unter den Jüngern breit. Aber noch geben sie nicht auf. Noch sind sie bereit, für ihren Freund und Meister zu kämpfen. Doch dann verbietet Jesus es ihnen. Aus Angst und Verzweiflung werden Ohnmacht und Panik. Nur noch weg hier. Fort von den Häschern. Nur noch das eigene Leben ist jetzt wichtig. Bloß weg! In alle Richtungen strömen die Jünger auseinander. Sie, die sie vorher noch gedacht haben, dass ihnen das nie passieren könnte. Erst langsam, allmählich kommen sie wieder zur Besinnung. Erst, nachdem sie den ein oder anderen Meter, vielleicht sogar Kilometer hinter sich gebracht haben. Ich sehe sie vor mir. Erschöpft lehnen sie an einer Mauer. Kaum noch Luft bekommen sie, so schnell sind sie gerannt. Aber wenigstens das nackte Leben haben sie retten können. Doch schnell mischt sich in die Erleichterung auch noch ein anderes Gefühl. Scham. Das schlechte Gewissen meldet sich. Alleingelassen haben sie Jesus. Und so sind sie nicht besser als Petrus, Jakobus und Johannes. Ja noch nicht einmal besser als Judas, der Jesus verriet. Denn was ist die Flucht anderes als eine kleine Verleumdung, ein kleiner Verrat? Ich bin mir sicher, die Jünger wären am liebsten im Boden versunken. Von ihrer einstigen Selbstsicherheit ist nichts mehr geblieben. Wie sollte es jetzt nur weitergehen? Diese bohrende Frage haben die Jünger mitgenommen in die nächsten Stunden und Tage. Sie hat sie beschäftigt, als sie von der Verurteilung Jesu hörten. Als sie ihn mit dem Kreuz durch die Straßen von Jerusalem wanken sahen. Als er am Kreuz hing. Als sie ihn in das Grab legten. Und sie waren sich sicher, dass sie das niemals wieder gutmachen könnten. Doch Gott hatte noch etwas mit ihnen vor. Jeder von ihnen hat die Gelegenheit dazu gehabt zu zeigen, was wirklich in ihm steckte. Und jeder hat diese Chance genutzt. Nach der Auferweckung Jesu sind es gerade diese 11 Jünger gewesen, diese 11 „Versager“, die die Botschaft von Jesus in alle Welt hinausgetragen haben. Widerstände und Gefahren, ja selbst Folter und Tod haben sie daran nicht mehr hindern können. Denn jetzt wussten sie, was ihre Aufgabe war. Jetzt haben sie nicht noch einmal versagt. Und jetzt konnte keiner mehr sagen: Ich hätte es besser gemacht als sie! Amen.

Verleumdung Impuls in der Karwoche Mittwoch von Jasmin Salzger (08.04.2020)

Liebe Gemeinde, Verleumdung, Verleumdung, Verleumdung. Der Schrei des Hahns, die ersten Sonnenstrahlen des neuen Morgens, sie bringen es ans Licht. Das Dunkel der Nacht, es verdeckt nicht mehr das Undenkbar, das Unsagbare, das Ungeheuerliche. Ein Freund verleugnet den Freund. Die Freundschaft wird verraten. Die Bande zwischen den beiden, die jedem Sturm standhalten sollten, sie sind zerrissen in einer einzigen Nacht der Angst und der Bedrängnis. Und der erste Hahnenschrei, er bringt es ans Licht, wie es um diese Freundschaft bestellt gewesen ist. Wie tragfähig sie wirklich war. Die Lippenbekenntnisse des Abends vorher, sie zählen nun nicht mehr. Als der ganze Mensch gefordert war, nicht mehr nur bloße Worte, als der Freund mit seinem Leben für die Freundschaft einstehen sollte, als die vollkommene Hingabe gefordert war, da blieb nur eines, das Versagen. Die Freundschaft hat versagt. Der Freund hat versagt. Und im Licht des neuen Morgens steht er vor den Trümmern der einst so unzerbrechlich scheinenden Freundschaft. Und das ausgerechnet ihm, Petrus. Dem Felsen. Der bislang jedem Sturm in seinem Leben getrotzt, der jeder Schwierigkeit mutig ins Auge gesehen hatte. Zu dem die anderen Jünger aufgeschaut hatten. An den sie sich angelehnt hatten. Auf dessen Stärke sie sich verlassen hatten. Ausgerechnet er. Tränen. Das ist alles, was ihm jetzt noch bleibt. Es gibt keine Worte mehr für das, was Petrus nun empfindet. Bittere Tränen der Trauer, der Reue, ja der Scham. Der Verachtung für sich selbst und für das, was er getan, oder besser, was er nicht getan hat. Und niemand ist da, an den er sich nun anlehnen kann. Der ihn wieder aufrichtet. Der ihm ein gutes Wort zusagt. Der ihm vielleicht sogar das vergibt, was geschehen ist. Der Freund, Jesus, er ist nicht da. Er kann ihm nicht helfen. Mit seinen Tränen bleibt Petrus allein. Mit seiner Trauer muss er selbst fertig werden. Eine zweite Chance für die Freundschaft mit Jesus, sie ist nicht in Sicht. Ja mehr noch, sie scheint ausgeschlossen zu sein. Jesus ist in den Händen seiner Feinde. Sein Tod ist beschlossene Sache. Aus und vorbei. Mit der Schande seines Versagens wird Petrus den Rest seines Lebens zurechtkommen müssen. Diese Last wird bis zu seinem Tod nicht von seinen Schultern genommen werden. Petrus weiß das. Mit seinen Tränen fügt er sich darum auch in sein unausweichliches Schicksal. Und dann wird doch alles anders kommen. Die Geschichte der Freundschaft zwischen Petrus und Jesus ist weiter gegangen. Der erste Schrei des Hahns hat nicht das letzte Wort behalten. Auf Karfreitag folgte Ostern. Petrus ist Jesus wieder begegnet. Auf die dreimalige Verleumdung folgte die dreimalige Frage Jesu: „Simon, hast du mich lieb?“ Und die Antwort des Petrus, sie folgt auf dem Fuß: „Du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Die Freundschaft bekommt eine zweite Chance. Und nun ist sie fester und enger als je zuvor. Nun ist sie stärker als alle Gefahren, ja stärker sogar als der Tod. Nie wieder wird Petrus seinen Freund verleumden. Immer wird er sich zu ihm bekennen. Auch dann, wenn es um sein eigenes Leben geht. Petrus steht zu seiner Freundschaft, selbst noch in der Arena von Rom. Nicht die gröhlende Menge, ja noch nicht einmal die wilden Tiere können ihn davon abbringen. Petrus stirbt für seine Freundschaft zu Jesus. Er stirbt für das, was er selbst erlebt hat und woran er glaubt. Aus dem „Ich kenne den Menschen nicht!“ von Jerusalem wird das „Ich glaube!“ von Rom. Und darum sind der erste Schrei des Hahns, die Tränen am Morgen danach nicht das Ende. Sie sind der Anfang. Der Anfang einer unzerstörbaren, ewigen Freundschaft. Amen.

VERSAGEN Impuls in der Karwoche von Jasmin Salzger (7.04.2020)

Liebe Gemeinde Eigentlich müsste man das doch gut schaffen können. Eigentlich sollte es kein Problem sein. Eine solche Aufgabe stellt doch kein Problem dar. So denken wir manchmal, machen uns an die Arbeit – und scheitern dennoch daran. Vielleicht, weil wir die Aufgabe letztendlich doch unterschätzt haben. Vielleicht, weil wir unsere eigenen Fähigkeiten am Ende doch überschätzt haben. Der Grund für dieses Scheitern, er spielt eigentlich keine Rolle. Was bleibt, ist nur dieses ungute Gefühl. „Ich habe versagt, wo ich gefordert war.“ Und Gedanken schwirren mir durch den Kopf: „Was werden die anderen Leute nur sagen?“ „Wenn ich das schon nicht schaffe, wie soll ich dann in Zukunft noch ganz andere Dinge hinbekommen?“ „Ich bin wirklich zu nichts zu gebrauchen, nicht einmal zu den einfachsten Dingen.“ Selbstzweifel, Resignation, Verunsicherung – all das schwingt mit, wenn es ums Versagen geht. Ein Versager, eine Versagerin will niemand sein – und vor allem will niemand so genannt werden. Und doch sind wir mit dem Vorwurf des Versagens sehr schnell bei der Hand, wenn etwas nicht so gelaufen ist, wie wir es uns gewünscht hätten, wie wir es erwartet hätten. Bei uns selbst ebenso wie bei anderen auch. Wir nennen uns selbst Versagerinnen und Versager – und wir fällen über andere dieses Urteil. Von Versagern – und ich sage hier ganz bewusst nur die männliche Form – ist auch in der Passionsgeschichte immer wieder die Rede, von den ganz großen „Versagern“ Judas und Petrus, aber auch von den etwas kleineren wie Jakobus und Johannes. Eigentlich war auch ihre Aufgabe eine leichte: Nicht einschlafen! Mehr war es gar nicht. Sie sollten einfach nur wach bleiben und gemeinsam mit und für ihren Meister in seiner schwersten Stunde beten. Doch was so leicht klingt, dass gestaltet sich in der dunklen Wirklichkeit des Gartens Gethsemane als schwierig, ja als unmöglich. Kaum sind sie allein, da schlafen die beiden Jünger und Petrus auch schon tief und fest. Die Anspannung der letzten Tage, die aufreibenden und aufwühlenden Erlebnisse vom Einzug in Jerusalem bis zum gemeinsamen Mahl, sie fordern ihren Tribut. Die Enttäuschung ist dennoch groß, bei den Jüngern ebenso wie bei Jesus, der, getrieben von Angst und Zweifeln, wieder zu ihnen zurückkommt und sie schlafend vorfindet. Die Jünger sind an dieser kleinen Aufgabe gescheitert. Doch, anders als oftmals in unserem Leben, sie bekommen eine zweite Chance – und scheitern wieder. Und diesmal ist dieses zweite Scheitern noch beschämender, noch frustrierender. Nicht einmal das bekommen die drei hin, auch nicht im zweiten Anlauf. Das ist wirklich ein Versagen auf ganzer Linie, eine Niederlage, die in die Geschichte eingegangen ist. Der richtige Umgang mit dem Versagen – damals wie heute ein großes Problem. Die Jünger und wir Versagerinnen und Versager heute müssen damit klarkommen. Wir müssen es annehmen, dass wir etwas nicht geschafft haben, aus welchem Grund auch immer. Und zugleich dürfen wir es nicht zulassen, dass die Angst vor einem erneuten Versagen uns lähmt. Nur dann kann nach der Erfahrung, versagt zu haben, sich auch wieder das Gefühl einstellen, etwas zu schaffen. Und da tut es gut, wenn jemand mich nach meinem Scheitern in den Arm nimmt und mir neuen Mut zuspricht. Für die Jünger damals war das Einschlafen nicht die einzige Versagenserfahrung in dieser Nacht. Es sollten noch weitere folgen. Doch am Ende stand dennoch nicht das Gefühl totalen Scheiterns, sondern, so paradox es klingen mag, die Gewissheit nun alles, was kommen würde, schaffen zu können. Denn Jesus selbst ist seinen Jüngern wieder begegnet und er hat ihnen neuen Mut und die Kraft gegeben, mit ihrem Scheitern fertig zu werden und anzunehmen, dass gerade aus ihrem Versagen heraus etwas Neues, etwas Großes erwachsen ist; etwas, das uns bis heute helfen kann, auch mit unserem Versagen zu leben. So, wie Jesus die Jünger gerade in ihrem Scheitern angenommen hat, so ist er uns auch nahe und hilft uns auf, wenn wir unseren Aufgaben, unseren Zielen einmal nicht entsprechen, nicht gerecht werden können. Amen.

VERRAT Impuls in der Karwoche von Pfarrerin Jasmin Salzger (6.4.2020)

Liebe Gemeinde ,

das Klingen jeder der 30 Silbermünzen, die auf dem Boden aufschlägt, bringt die Erinnerung an das Unbegreifliche. den besten Freund, den Lehrer, den Meister hat er verraten an seine schlimmsten Feinde. Er ist schuld daran, wenn er jetzt leiden muss. Ja, mehr noch, wenn er jetzt sterben sollte, dann trägt er die Schuld daran. Und der Versuch, das alles wieder rückgängig zu machen, er ist gerade kläglich gescheitert. Davon künden die 30 Silbermünzen vor ihm auf dem Boden. Verrat, das ist wohl das Schlimmste, was einer Freundschaft passieren kann. Wenn ein Freund persönliche, vertrauliche und geheime Dinge an andere weitergibt und dadurch dem Freund Schaden zufügt, dann ist dies das Ende. Dann gibt es kein Zurück mehr. Und wer so etwas tut, der stellt damit auch alles, was vorher gewesen ist, in Frage. Wie kann es wirkliche Freundschaft gewesen sein, wenn am Ende der Verrat steht? Diese Zweifel kommen für den Verratenen noch zu dem Schaden, den der Verrat angerichtet hat, hinzu. Und wer so etwas einmal erlebt hat, der wird von nun an vorsichtiger sein, wen er oder sie Freund oder Freundin nennt. „Das habe ich nicht gewollt!“ Dieser Satz wird Judas Ischariot sicher immer wieder durch den Kopf geschossen sein, damals als er vor den Hohepriestern und Ältesten stand und ihnen das Geld im wörtlichen Sinne vor die Füße warf. „Das habe ich nicht gewollt!“ Aber was dann? Wie konnte Judas, einer der engsten Freunde Jesu, einer, der ihn auf seinem Weg begleitet hattet, der bei allem dabei gewesen war, einer, dem Jesus so sehr vertraute, dass er ihm die Kasse, den ganzen Besitz der kleinen Gemeinschaft anvertraute – wie konnte so jemand zum Verräter werden? Viel ist über die Beweggründe des Judas gerätselt worden. War es einfach nur Geldgier? Wollte der Schatzmeister der kleinen Gruppe um Jesus herum einfach nur immer mehr haben? Hatte er vielleicht sogar auch schon das ihm anvertraute Geld in die eigene Tasche gesteckt? Aber dann hätte er doch sicher die 30 Silbermünzen behalten. Oder war er vielleicht einfach nur enttäuscht von Jesus? Hatte er sich mehr von ihm erhofft? Vielleicht sogar die Befreiung von der Besetzung Israels durch die Römer? Manche denken sogar, dass Judas durch seinen Verrat Jesus endlich zum Handeln zwingen wollte. In der Gefahr für das eigene Leben musste Jesus sich doch endlich als der Messias, der Retter und Befreier Israels erweisen. Oder war Judas einfach nur eine Schachfigur in dem großen Plan Gottes, wenn auch eine wichtige? Und geschah das vielleicht sogar mit seiner ausdrücklichen Zustimmung? Immerhin, ohne ihn hätte es wohl keine Gefangennahme, keine Kreuzigung gegeben – und somit auch nicht die Rettung von uns allen. So gesehen könnten wir Judas sogar dankbar sein für seinen Verrat. Und er wäre vollkommen zu Unrecht zu dem sprichwörtlich gewordenen Verräter und Paradebeispiel für einen schlechten Menschen geworden. Was auch immer die Beweggründe des Judas gewesen sein mögen – wir wissen es nicht. Sicher ist nur, DASS er zum Verräter geworden ist und dass er letztendlich mit seinem Verrat nicht mehr leben wollte und konnte. Denn ihm war am Ende klar, dass es kein Zurück mehr gab. Jesus war in den Fängen seiner Feinde und sein Ende war eine beschlossene Sache. Daran änderten auch die 30 Silberstücke auf dem Boden vor den Hohepriestern und Ältesten nichts mehr. Und so stirbt Judas von der eigenen Hand – und seine letzten Gedanken dürften sich um diese eine Tat, den Verrat an Jesus, gedreht haben. Voller Reue, Scham, Verzweiflung nimmt Judas, der Freund und Verräter, sich das Leben. Und so erfüllt sich das, was Jesus ihm beim letzten Abendmahl mit den Jüngern vorhergesagt hatte: „Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“ Doch Judas ist nicht der einzige Freund, der in dieser Zeit von Gefangennahme und Kreuzigung Jesu die Freundschaft verrät. Da ist Petrus, der Jesus drei Mal verleugnet. Da sind die anderen Jünger, die Jesus in der Not einfach so im Stich lassen. Sie alle erweisen sich in dieser Situation nicht als Freunde. Doch sie alle bekommen eine zweite Chance. Sie alle werden Jesus wiedersehen. Sie werden wieder mit ihm reden können. Sie werden aus seinem Munde hören, dass er ihnen ihr Tun vergibt. Nur Judas nicht. Er wird das erlösende Wort der Vergebung nicht hören. Er wird nicht erfahren, dass Jesu Freundschaft auch dem gilt, der diese Freundschaft verraten hat – selbst ihm, dem größten Verräter, den die Menschheit kennt. Denn die Freundschaft Jesu ist stärker als selbst der schändlichste Verrat. Die Freundschaft Jesu, sie gilt denen, die ihn verleugnen, wenn es einmal schwierig wird. Sie gilt denen, die Reißaus nehmen, wenn es ungemütlich wird. Ja, sie gilt sogar denen, die ihn verraten. So war es damals, so ist es heute. Die Freundschaft Jesu – sie gilt uns! Amen.

Predigt von Pfarrerin Jasmin Salzger Palmsonntag (Mk 14, 3-9), 05.04.2020

Liebe Gemeinde, wer ist denn in Ihrer Familie heute der Palmesel geworden? Falls Sie diesen Brauch nicht kennen: Palmesel wird der- oder diejenige, die am Palmsonntag als letztes aus dem Bett kommt. Und deshalb gilt es am Palmsonntag morgen genau aufzupassen, wann die anderen in der Familie aufstehen. Besonders für die Kinder ist dies eine große Sache. Denn man will doch nicht für ein ganzes Jahr der Palmesel sein – und immer wieder damit aufgezogen werden. So läuft das in Familien ab, in denen dieser Brauch noch gekannt und gelebt wird. Also: auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an, insbesondere für Langschläfer. So lange wie möglich im Bett bleiben und dann genau zur richtigen Zeit aufstehen – das ist die Devise. Und wenn nur der Fuß den Boden berührt, bevor die Schwester oder der Bruder sich regt – das reicht schon. Es geht um den richtigen Zeitpunkt – und das nicht nur beim Palmesel. Wann soll ich meinen Rasen mähen, wann die Blumen einpflanzen, wann das Beet umgraben, wann die Sträucher und Bäume schneiden? Für alle großen und kleinen Gärtnerinnen und Gärtner sind das wohlbekannte Fragen, gerade auch jetzt im Frühling. Und wer den richtigen Zeitpunkt verpasst, der hat Pech gehabt. Dann gibt es eben in diesem Jahr keine Tomaten oder nicht die schönen Blumen, die sonst immer im Beet sind. Und was für den Garten gilt, gilt auch für unser ganzes Leben. Immer wieder müssen wir uns entscheiden, was wir gerade jetzt tun – und eben auch lassen sollen. Die Sache mag gut sein, doch es gibt den richtigen und den falschen Zeitpunkt. Und der will wohlüberlegt sein. Ein aktuelles Beispiel mag dies deutlich machen. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen Gesellschaft, brauchen Kontakt, möglichst den direkten Kontakt. Das ist einfach so. Doch gerade jetzt müssen wir uns fragen: „Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um sich zu treffen, um miteinander etwas zu unternehmen?“ Und die Antwort liegt in der aktuellen Situation klar auf der Hand: NEIN! Jetzt ist dafür der falsche Zeitpunkt, denn nun gilt es, Abstand zu halten von anderen, so weit wie nur möglich. Aber es ist auch der richtige Zeitpunkt. Jetzt ist es Zeit, andere Wege zu finden, auf denen wir miteinander Kontakt halten können. Immer mal wieder mit anderen über das Telefon sprechen. Mithilfe der vielfältigen Möglichkeiten des Internets miteinander in Kontakt treten. Oder einfach mal wieder die alte und doch zeitlose Form des Briefes. Warum nicht einfach mal wieder jemandem, den oder die man gerade nicht sehen kann, einen Brief schreiben? Dafür ist jetzt Zeit, die richtige Zeit! Und der oder die andere freut sich bestimmt darüber – und schreibt vielleicht sogar zurück. Auch von Jesus wird eine Geschichte erzählt, in der es um den richtigen – und den falschen Zeitpunkt geht. Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. Der Ärger der Jünger ist durchaus verständlich. Denn das Öl, das die Frau verwendet hat, war wirklich etwas ganz Besonderes. Auf heutige Verhältnisse umgerechnet müsste man dafür etwas 20000 Euro ausgeben, eine wirklich staatliche Summe! Was hätte man damit alles Gutes tun können? Wie vielen Bedürftigen hätte man damit das Notwendige zum Leben kaufen können? Wäre das nicht viel besser gewesen, als das Geld so zum Fenster heraus zu werfen? Das Öl, es mag ja für den Moment Jesus gutgetan haben, aber es verfliegt nach kurzer Zeit. Wie gesagt, der Ärger der Jünger ist verständlich. Und er ist auch heute immer mal wieder zu hören. Da soll eine Kirche für viel Geld renoviert oder sogar eine neue gebaut werden. Schnell ist da auch der Einwand zu hören: Was könnte man mit dem Geld nicht alles Gutes für die Armen tun? Und dieser Einwand, er erscheint berechtigt angesichts des Leidens, der Armut und der Not in der Welt und auch bei uns. Umso überraschender ist die Reaktion Jesu. Erwarten würde man doch, dass er den Jünger recht gibt – und vielleicht sogar die Frau ermahnt. Er, dem gerade auch die Menschen am Rand der Gesellschaft, die Ärmsten der Armen, am Herzen liegen – müsste er sich nicht geradezu empören angesichts einer solchen Verschwendung? Die Jünger hätten so eine Reaktion sicherlich erwartet. Eiskalt erwischt sie darum auch die tatsächliche Reaktion Jesu. Statt Bestätigung erfahren sie eine schroffe Zurückweisung. Nicht ihnen, sondern der Frau stärkt Jesus hier den Rücken. Ihr Verhalten heißt er ausdrücklich gut – und mehr noch, er hebt es ganz besonders hervor. Man wird sich an sie erinnern, überall auf der Welt und zu allen Zeiten, gerade weil sie dies getan hat. Indirekt schwingt da auch noch etwas anderes mit. Hätte sie sich so verhalten, wie die Jünger es gewollt hätten, hätte sie die riesige Summe den Armen gespendet, dann wäre sie vergessen. Dann würde heute, nach 2000 Jahren, niemand mehr ihre Geschichte kennen. Dann wäre sie eine von vielen anonymen Wohltäterinnen und Wohltätern geblieben, die es glücklicherweise in der Geschichte gegeben hat. Aber es kam anders – und so denken wir auch noch im Jahr 2020 an sie. Doch warum lobt Jesus die Frau ausdrücklich und hebt sie hervor? Die Antwort ist überraschend einfach. Sie hat den richtigen Zeitpunkt erkannt und die entsprechende Entscheidung getroffen. Jetzt war nicht die Zeit, um Armen zu helfen. Nun ging es nicht darum, für Bedürftige da zu sein. Nicht jetzt! Der aktuelle Moment erforderte etwas anderes. Jetzt war Jesus selbst da. Noch, denn die Zeit bis zu seiner Gefangennahme, seiner Kreuzigung, seinem Tod war nur noch kurz. Jetzt war die Zeit, um ihm etwas Gutes zu tun. Und dafür konnten keine Mühe zu groß, keine Kosten zu hoch sein. Das hat die Frau gespürt und danach hat sie gehandelt. Sie hat Jesus gesalbt, ihm damit etwas Gutes getan und zugleich hat sie damit auch schon das vorweg genommen, was ihn nun bald erwarten würde. Sie hat ihn für seinen Tod gesalbt. Den richtigen Zeitpunkt erkennen und danach handeln – darum geht in der Geschichte von der Frau und ihrem kostbaren Nardenöl. Leicht ist das nicht immer. Oft sind die Entscheidungen dafür oder dagegen wirklich schwierig. Entscheidungshilfen, klare Vorgaben, sie fehlen in vielen Fällen. Und das Naheliegende, das, was der gesunde Menschenverstand einem sagt, muss nicht immer auch in diesem einen Moment das Richtige sein. Deshalb gilt es immer wieder auch, mutig zu sein und seine Entscheidungen offensiv zu vertreten. Selbst wenn es dann immer auch wieder Widerstand und Kritik, ja Ärger und Wut gibt. Ich wünsche Ihnen allen die Kraft, die Einsicht und den Weitblick, um den richtigen Zeitpunkt, die richtige Handlung zur richtigen Zeit zu erkennen und danach zu handeln. Dazu möge Gott, der uns in Jesus Christus so unendlich nahe ist, uns leiten und führen. Amen. Gebet: Guter Gott, in Jesus Christus bist du zu den Menschen in Jerusalem gekommen. Du bist zu uns gekommen. Du warst ihnen unendlich nah; du bist uns unendlich nah. Dafür danken wir dir. Wir bitten dich: Lass uns, gerade jetzt in einer Zeit, in der Abstand und nicht Nähe das Gebot der Stunde ist, immer wieder deine Nähe spüren. Lass uns erfahren, dass wir nicht allein sind mit unseren Fragen, unseren Sorgen, unseren Ängsten. Sei du denen nahe, die sich für andere Menschen einsetzen, den Beschäftigten in den Krankenhäusern und Arztpraxen, die für die Kranken da sind, den Beschäftigten in den Supermärkten und Lebensmittelgeschäften, die uns alle mit dem Lebenswichtigen versorgen, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die an möglichen Heilmitteln forschen, den Politikerinnen und Politikern, die alles ihnen Mögliche tun, um die Krise einzudämmen, um uns zu schützen und um uns zugleich das Leben noch so angenehm wie möglich zu erhalten, den Nachbarinnen und Nachbarn, den Freundinnen und Freunde, den Verwandten, die für die Kranken zuhause und für die besonders Gefährdeten da sind, für sie einkaufen und einfach nur den Kontakt aufrechterhalten. Schenke du Ihnen Kraft, Mut und Zuversicht für ihre gerade jetzt so wichtige Arbeit. Sei du denen nahe, die selbst krank sind oder in Angst vor der Krankheit leben. Gib ihnen Halt und Trost. Lass sie neuen Mut schöpfen. Schenke ihnen die Kraft, die sie brauchen, um die Angst oder die Erkrankung zu überwinden. Sei du uns allen nahe, damit wir diese Zeit gemeinsam durchstehen. Gib, dass wir als Gesellschaft, als Menschheit eine neue Einigkeit, eine neue, bessere Gemeinschaft erfahren, die auch über die Krise hinausträgt und wächst. Dir vertrauen wir uns an, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Predigt von Pfarrerin Jasmin Salzger Sonntag Judika, 29.03.2020

Liebe Gemeinde, für andere da sein – bedingungslos, schutzlos, bis zur letzten Konsequenz. Das ist für viele Menschen heute zu einer bitteren Realität geworden. Bis zur völligen Erschöpfung, ohne Rücksicht auf die eigene Person und die eigenen Bedürfnisse, tragen Menschen in Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ihren Teil dazu bei, dass Menschen, die sich mit dem Corona-Virus infiziert haben, Hilfe bekommen. Und wenn Schutzmasken und -handschuhe ausgehen, dann geschieht dies oft sogar vollkommen schutzlos. Aber die Menschen wissen, dass sie gebraucht werden, dass andere auf sie angewiesen sind. Wissenschaftler forschen rund um die Uhr, um wirksame Medikamente zu entwickeln, die den Menschen helfen und die Krankheit besiegen können. Und auch an vielen anderen Stellen wird darüber nachgedacht, wie wir der Krise Herr werden können. Die unterschiedlichsten Maßnahmen werden von den unterschiedlichsten Stellen auf den Weg gebracht. Dass dabei nicht immer alles glatt läuft, dass dabei nicht immer jeder zufrieden ist, liegt in der Natur der Sache. Denn mit solch einer Krise waren wir noch nie konfrontiert. Doch eines steht bei all dem im Vordergrund, sozusagen als der Leitgedanke, der alles andere bestimmt: Das Wohl der anderen steht über allem. Für andere da sein – das geschieht auch in unserem unmittelbaren Umfeld. Eltern setzen alles daran, in dieser besonderen Situation für ihre Kinder da zu sein, um ihnen den jetzt so ganz anderen Alltag so angenehm wie möglich zu gestalten. Andere Dinge, die sonst wichtig und liebgewonnen sind, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche müssen oft jetzt einfach zurückstehen. Auch Eltern kommen dabei immer wieder an ihre eigenen Grenzen – und gehen darüber hinaus. Und noch andere Beispiele gibt es, direkt hier bei uns. Nachbarn übernehmen die Einkäufe für andere, die es im Moment nicht selbst tun können und sollen. Menschen erklären sich bereit, für andere, die sie vielleicht nie zuvor gesehen haben, mit denen sie niemals gesprochen haben, da zu sein und ihnen zu helfen. Für andere da sein – das ist tatsächlich das Motto dieser Zeit und ein Hoffnungsschimmer, der inmitten der Krise aufblitzt. Angesichts dieser enormen Anstrengungen, die Menschen auf sich nehmen, stellt sich die Frage: Woher nehmen sie bloß diese Kraft? Was motiviert sie dazu, sich jeden Tag neu dieser Herausforderung zu stellen? Die Antwort auf diese Frage ist gar nicht so einfach. Es gibt eine Reihe von unterschiedlichen Motivationen, die Menschen jetzt antreiben. Für manche ist es einfach das Pflichtbewusstsein, dass sie an dem Ort, an dem sie stehen, ihren Dienst zu tun haben. Für andere ist es ganz allgemein die Liebe zum anderen Menschen, die sie dazu bewegt, weiter zu machen. Oft ist es, wie z.B. in den Familien, auch ganz konkret die bedingungslose Liebe zu den geliebten Menschen, die uns immer weiter machen lässt. Andere wiederum denken sich: Wenn ich in dieser Lage wäre, würde ich mir auch wünschen, dass andere für mich da sind. Und deshalb tue ich es!“ Und vielen ist es vielleicht gar nicht klar, warum sie sich mit allem, was sie haben, gerade jetzt einbringen, ja warum sie sich „aufopfern“. Für uns als Christen gibt es noch eine andere Motivation, an die wir – jedes Jahr und in diesem Jahr ganz besonders – denken und uns erinnern. Im Predigttext aus dem Hebräerbrief, der für diesen Sonntag vorgegeben ist, heißt es: Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebr 13, 12-14) Für andere da sein – bedingungslos, schutzlos, bis zur letzten Konsequenz. In der Passionszeit erinnern wir uns an den Leidensweg Jesu Christi. Von einem seiner besten Freunde verraten, von all seinen Freunden verlassen, von seinem engsten Freund verleumdet, verhaftet, immer wieder verhört, misshandelt, gefoltert und dann getötet – diesen Weg ist Jesus gegangen. Und er nahm all dies auf sich in der Gewissheit, dass er es für andere Menschen – für alle anderen Menschen und auch für uns – getan hat. Immer wieder hätte er sich zurückziehen können, um für sich selbst und seine Sicherheit zu sorgen. Gelegenheiten gab es genug. Doch er blieb konsequent dabei, bis zur letzten Konsequenz, dem Kreuz. Denn er wusste, wofür er dies alles auf sich nahm – für uns und für alle Menschen. Er hat erlebt, am eigenen Leib erfahren, was es heißt, sich aufzuopfern. Für andere da sein – bedingungslos, schutzlos, bis zur letzten Konsequenz. Für den Verfasser des Hebräerbriefes ist klar: Als Christen sollen wir uns Jesus und seinen Weg zum Vorbild nehmen. Wir sollen ihm „nachfolgen“ Doch was das genau bedeutet, das hängt von der konkreten Situation ab, in der wir stehen. Wenn wir als Christen jetzt in der Corona-Krise für andere da sind, dann ist das Nachfolge Jesu Christi. Dann eifern wir seinem Vorbild nach. Und in welcher Weise das genau erfolgt, das hängt von einem jeden, einer jeden von uns ab. Nachfolge Jesu in dieser Zeit betrifft Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Politiker und Politikerinnen. Und es betriff jede und jeden von uns. Für andere da sein – das kann das Gespräch von Fenster zu Fenster oder auch per Telefon, Skype, Whatsapp sein, der Einkauf für die Nachbarin, das Gassi-Gehen mit dem Hund. Das sind nur einige der Möglichkeiten, die sich jetzt bieten. Und auch, einmal NICHT da sein, kann bedeuten, für andere da zu sein. Wenn wir die Einschränkungen, von denen wir jetzt betroffen sind, als das ernstnehmen, was sie sind, nämlich Schutzmaßnahmen gerade auch für andere, auch dann folgen wir in einer ganz bestimmten Art und Weise Jesus nach. Sich Jesus zum Vorbild nehmen, das heißt, sich ganz auf das einlassen, was jetzt geboten ist: Schutz der anderen Menschen – und damit aber auch Schutz für sich selbst. Aber egal, worin genau unser Für-Andere-Dasein besteht, immer dürfen wir uns darauf verlassen, dass wir damit nicht allein sind. Jesus Christus ist den Weg schlimmsten Leidens allein gegangen. Er hat erfahren, was es heißt, sich „aufzuopfern“. Und deshalb dürfen wir darauf vertrauen, dass wir nicht allein diesen Weg gehen. Er, der selbst gelitten hat bis zum Tod am Kreuz, er will bei uns sein, wenn wir ihm nachfolgen. Er geht mit uns, egal, wie unser Weg genau aussieht. Zu ihm dürfen wir, gerade jetzt, mit all unseren Sorgen, unseren Ängsten kommen. Und das kann und soll uns Mut machen, um diesen Weg durch die Krise weiter zu gehen. Denn diese Krise wird nicht das letzte Wort behalten. Es ist, um den Hebräerbrief noch einmal aufzunehmen, nicht die bleibende Stadt, in der wir uns wohl oder übel einrichten müssen. Nein, wir sind und bleiben auf dem Weg. Und dieser Weg führt uns zu Gott, auch durch diese Krise hindurch. Und nicht zuletzt trägt uns dabei die Gewissheit, dass nach der Passion, dem Leiden immer auch wieder Ostern, die Auferstehung, kommt. Amen.